Peter Weibel, ›Diese Last ist schwerer als ich halten kann‹, 1975

Artikel zur Online-Präsentation der Fotosammlung OstLicht, veröffentlicht nach Übersiedlung der Bestände an einen neuen Standort und Neugestaltung der Website https://www.ostlicht.org/en/artists

PETER WEIBEL, Diese Last ist schwerer als ich halten kann, 1975. Vintage Silbergelatineabzüge je 105,5 x 154,5 cm, rücks. in Tinte signiert, und Steinstab mit der titelgebenden Textgravur 8 x 241 x 4,5 cm. Installationsansicht: Galerie OstLicht, Wien 2014, Ausstellung ›2D23D. photography as sculpture/sculpture as photography‹, Foto: Sandro Zanzinger

Das 3-teilige Werk, bestehend aus zwei großformatigen Fotografien und einem zugehörigen Steinstab, entstand für Peter Weibels Einzelausstellung in der Galerie nächst St. Stephan im Spätherbst 1975. Diese hatte den Titel ›Zur Kosmologie des Paradoxen (I)‹ und widmete sich widersprüchlichen Phänomenen der Wahrnehmung oder Bedeutungszuweisung. Anhand von Textarbeiten, Fotografien und ›Steinliteratur‹ setzte sich Weibel mit Referenzsystemen und Erfahrungsmustern auseinander, wie sie beispielsweise die Einschätzung von Entfernungen, Gewichts- und Größenverhältnissen prägen.

Der Künstler erläutert diese Arbeit folgendermaßen: ›Der Maß-Stab, das Maß, der Beziehungspunkt und -rahmen ist in diesem Fall ein Steinstab, auf dem gemeißelt steht: Diese Last ist schwerer als ich halten kann. Dieser Satz, wenn auch in Stein gemeißelt, also mit einem ewigen Wahrheitsanspruch versehen, ist aber nicht immer gültig. Sein Wahrheitsgehalt ist kontextabhängig. Wenn ein Kind davor steht, das zu schwach ist, diesen Stab tatsächlich zu halten, liegt der Stab zwangsläufig am Boden und die Aussage auf dem Stab ist wahr. Halte ich aber den Stab, beweise ich, dass die Aussage auf dem Stab falsch ist. Der Stab ist für mich nicht zu schwer, ich kann ihn halten, obwohl das Gegenteil auf dem Stab steht. Der Maßstab ist also nicht der gleiche für das Bild wie für die Wirklichkeit. Auch die Gravitation, ein zentrales Element der Skulptur, wird in dieser fotografischen Installation analysiert. Das Grundgesetz des Kosmos ist die Gravitation. Ohne Schwerkraft würde die Welt in Milliarden von Partikeln zerstieben. In dieser Arbeit wird eine Aussage über die Schwerkraft durch eine fotografische Intervention relativiert. Auch Aussagen über die Schwerkraft können relativ sein, indem der Botschaft des Stabes widersprochen wird. Die Botschaft (Semantik) erweist sich erst als richtig oder unrichtig in Hinblick auf ihren Interpreten (Pragmatik), ihr Referenzsystem‹.

Bemerkenswert ist der Einsatz von Stein, der als traditionelles Material der klassischen Bildhauerei selbst ›unsichtbar‹ blieb, beispielsweise in der Darstellung von Haut mittels Marmor oder in der Verwendung als Bildträger für Schrift an Denkmälern. Im Gegensatz dazu ist Stein im Kontext von Weibels konzeptueller Kunstpraxis kein bloßes Medium – auch wenn er eine Botschaft trägt, so steht hier Stein tatsächlich für Stein, insofern auch sein Gewicht eine entscheidende Rolle spielt. Die vermittelte Botschaft entfaltet ihre Bedeutung aber nur im Kontext einer Handlung, die ephemeren Charakter hat. Entscheidendes Instrument der künstlerischen Artikulation in Weibels Werk ist somit die Fotografie, mittels der diese Handlung mit wechselnden Protagonisten dokumentiert wird. Indem durch die fotografisch aufgezeichnete Kontextualisierung gleichsam der Wahrheitsbeweis antreten wird, relativiert sich allerdings auch die in Stein gemeißelte Behauptung.


Lit.: Peter Weibel, das offene werk 1964–1979, Ostfildern 2006, S. 190–204, 830f., Abb. S. 848 (Variantion im Sujet einer Aufnahme, die ein anderes Kind zeigt); Martin Guttmann, Rebekka Reuter (Hg.), 2D23D. photography as sculpture/sculpture as photography, Kat. Galerie OstLicht, Wien 2014, S. 53 (Installationsansicht), S. 75 (Text).