Peter Weibel, ›Anschläge‹, Wien, 1970/71

Artikel zur Online-Präsentation der Fotosammlung OstLicht, veröffentlicht nach Übersiedlung der Bestände an einen neuen Standort und Neugestaltung der Website https://www.ostlicht.org/en/artists

PETER WEIBEL, ›Oberster Gerichtshof verbricht‹, aus der Serie ›Anschläge‹, Wien, Justizpalast, Schmerlingplatz, 1970/71. Silbergelatineabzug, 35,7 x 54 cm, geprintet 2014 nach Originalnegativ, rückseitig vom Künstler in Bleistift signiert und nummeriert ›2/3‹. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 57-04633

Die mittels fotografischer Aufnahmen dokumentierte Aktion ›Anschläge‹ ist ein signifikantes Beispiel für die medien- und gesellschaftskritische Konzeptkunst von Peter Weibel, in der die Auseinandersetzung mit Sprache zentral ist. Sie fand am Hauptportal des Wiener Justizpalastes statt, dem Sitz des Obersten Gerichtshofs, der Generalprokuratur und der Oberstaatsanwaltschaft – also den unanfechtbaren Instanzen in zivil- und strafrechtlichen Angelegenheiten der Republik Österreich. Die Fotografien zeigen den Künstler mit ernstem Blick in die Kamera, wie er handgeschriebene Tafeln vor die Emailschilder mit den Bezeichnungen der im Palais angesiedelten Institutionen hält. Die Kartontafeln Weibels ver- bzw. entstellen die Namen dieser Behörden: Sie enthalten Begriffe, die den in den amtlichen Bezeichnungen enthaltenen Wortstämmen verwandt oder ähnlich sind, aber verschieben deren Bedeutung in die semantischen Begriffsfelder von Verbrechen, Gewalt und Schande. Was in den Namen der Insitutionen als Aufgabe zum Ausdruck kommt – die Gewährleistung von Rechtssicherheit – wird durch Weibels Intervention gleichsam ins Gegenteil verkehrt und damit als fragwürdiger Anspruch entlarvt.

Zur Entstehungszeit der ›Anschläge‹ war ein folgenschweres Ereignis der österreichischen Geschichte noch keine 50 Jahre her, das für politische Entwicklungen steht, in denen sich die Vorstellungen von Recht und Moral greifbar verschoben: Am Justizpalast kulminierte 1927 bei einer Massendemonstration gegen ein unnachvollziehbares Justizurteil die Spannung zwischen der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und der Rechten bzw. deutschnationalen Verbänden, wobei der Bau in Brand gesetzt und schwer beschädigt wurde. Bei massiven Gegenmaßnahmen der Polizei starben rund 90 Menschen; weitere Eskalationen folgten und führten schließlich 1934 zu einem Bürgerkrieg, der mit der Errichtung der austrofaschistischen Diktatur endete.

Einzelne Motive von Peter Weibels Serie ›Anschläge‹ wurden in jüngerer Zeit publiziert, woraus aber weder eine Gesamtzahl an zugehörigen Einzelbildern noch eine intendierte Reihenfolge hervorging; es ist nicht überliefert, wer bei den Aufnahmen hinter der Kamera stand. Die Negative verblieben jedenfalls beim Künstler, der die hier vorliegenden fünf Silbergelatineprints anlässlich seiner von Alfred Weidinger kuratierten Ausstellung im Belvedere/21er-Haus in einer streng limitierten Auflage von drei Exemplaren produzieren ließ.


Lit.: Peter Weibel, Kunst als Kriminalität. Von der Transformation zur Transgression der Kunst, in: Der Löwe, hg. v. G. J. Lischka, Nr. 9, Dez., Bern 1976 (Wiederabdruck 2006); Peter Weibel, das offene werk 1964–1979, Ostfildern 2006, S. 452 (Abb. von 01–03, hier datiert); Peter Weibel. Medienrebell, Kat. Belvedere / 21er Haus, Köln 2014, S. 254f. (Abb. von 05 sowie aus ders. Serie, hier betitelt); Rezension von Brigitte Huck auf https://www.springerin.at/2015/2/review/ipeter-weibel-medienrebelli/

PETER WEIBEL, ›Oberster Verbrechenshof‹, aus der Serie ›Anschläge‹, Wien, Justizpalast, Schmerlingplatz, 1970/71. Silbergelatineabzug, 35,7 x 54 cm, geprintet 2014 nach Originalnegativ, rückseitig vom Künstler in Bleistift signiert und nummeriert ›2/3‹. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 57-04634

PETER WEIBEL, ›Oberschandesgericht Wien‹, aus der Serie ›Anschläge‹, Wien, Justizpalast, Schmerlingplatz, 1970/71. Silbergelatineabzug, 35,7 x 54 cm, geprintet 2014 nach Originalnegativ, rückseitig vom Künstler in Bleistift signiert und nummeriert ›2/3‹. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 57-04634

PETER WEIBEL, ›Oberstaatsgewaltschaft Wien‹, aus der Serie ›Anschläge‹, Wien, Justizpalast, Schmerlingplatz, 1970/71. Silbergelatineabzug, 35,7 x 54 cm, geprintet 2014 nach Originalnegativ, rückseitig vom Künstler in Bleistift signiert und nummeriert ›2/3‹. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 57-04634

PETER WEIBEL, ›Fabrik des Verbrechen‹, aus der Serie ›Anschläge‹, Wien, Justizpalast, Schmerlingplatz, 1970/71. Silbergelatineabzug, 35,7 x 54 cm, geprintet 2014 nach Originalnegativ, rückseitig vom Künstler in Bleistift signiert und nummeriert ›2/3‹. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 57-04634