Trude Fleischmann, Aktstudie der Tänzerin Claire Bauroff, Wien, 1925

Artikel zur Online-Präsentation der Fotosammlung OstLicht, veröffentlicht nach Übersiedlung der Bestände an einen neuen Standort und Neugestaltung der Website https://www.ostlicht.org/en/collection/highlights

TRUDE FLEISCHMANN, Aktstudie der Tänzerin Claire Bauroff, Wien, Ebendorferstraße, 1925. Silbergelatineabzug, 21,6 x 14,5 cm, getont. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 63-02165

Trude Fleischmann (1895–1990) repräsentiert eine Generation aufstrebender Fotografinnen, die während des ersten Weltkrieges ihre Ausbildung absolvierten und in den 1920er Jahren moderne Porträtstudios eröffneten. Frauen eroberten damit eine Männerdomäne, die als kreatives Gewerbe auch ökonomisches Erfolgspotenzial bot. In Wien schlugen signifikant viele Jüdinnen aus dem liberalen Bürgertum diese Laufbahn ein, seit weibliche Studenten an der ›Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt‹ für die Foto-Kurse zugelassen wurden. Für die Berufsausübung der ›assimilierten‹ Fotografinnen spielte ihr konfessioneller Hintergrund kaum eine Rolle; er war allerdings einige Jahre später ausschlaggebend, als der Nationalsozialismus diese Karrieren abrupt zunichtemachte. Unter den Wiener Fotografinnen war Fleischmann eine der wenigen, die emigrieren und ihre Laufbahn fortsetzen konnte (wenn auch ihr Negativarchiv verloren ging). Die Fotosammlung OstLicht beherbergt rund 240 Vintageprints aus ihrer Schaffenszeit vor 1938.

Nach ihrer 6-jährigen Ausbildung zur Fotografin eröffnete Fleischmann 1920 ein Atelier in der Ebendorferstraße, wo sie vor allem Bildnisse der Prominenz aus Kunst und Kultur aufnahm, die sie auch über Agenturen vertrieb, in Zeitschriften publizierte und in Ausstellungen zeigte. Ein Großteil ihrer Kundschaft für Gesellschaftsporträts stammte aus den Bereichen Theater, Musik und Tanz; daher lagen Rollenbilder und Bewegungsstudien als weiterer Arbeitsschwerpunkt nahe. Ihre Aktaufnahmen der Münchner Tänzerin Claire Bauroff (1895–1984) müssen auch vor dem Hintergrund der neuen Tanzbewegung, der lebensreformerischen Freikörperkultur sowie einem neuen weiblichen Selbstverständnis gesehen werden.

Modell wie Fotografin waren zum Zeitpunkt der Zusammenarbeit 30 Jahre alt und beide verkörperten das neue Frauenbild paradigmatisch. Bauroff war eine moderne Ausdruckskünstlerin, die rhythmische Gymnastik, Tanz und Schauspielerei studiert hatte; sie reüssierte in einem Stück von Frank Wedekind und in einem selbst-choreografierten Tanzdrama. Ihre Pose erscheint in Fleischmanns Komposition in perfekter Balance zwischen kraftvoller Spannung und hingebungsvollem Aufgehen in der Darstellung; keine Requisite, kein anekdotischer Titel, kein Blick lädt den Betrachter ein, über ein phantasmagorisches ›Objekt der Begierde‹ zu verfügen. Die Positionierung der Figur im Bildformat folgt exakt diagonalen und orthogonalen Linien und betont damit eine Stabilität, die auch als Selbstbestimmtheit lesbar ist. Diese Wirkung mag mit ein Grund für den Skandal sein, den diese Fotografien auslösten.


Lit.: Frauke Kreutler, Skandal in Berlin. Trude Fleischmanns Inszenierung der Tänzerin Claire Bauroff, in: Dies., A. Holzer (Hg.), Trude Fleischmann. Der selbstbewusste Blick, Kat. Wien Museum 2011, S. 104–118.