Cora Pongracz: Das fotografische Werk, Vorwort

Vorwort (gemeinsam verfasst mit Peter Coeln) zur Publikation im Verlag Schlebrügge.editor: Cora Pongracz. Das fotografische Werk, hg. von Marie Röbl und Peter Coeln / Fotosammlung OstLicht, Wien 2016, S. 7–9

CORA PONGRACZ. DAS FOTOGRAFISCHE WERK, hg. von Marie Röbl und Peter Coeln / Fotosammlung OstLicht, mit Texten Ders. sowie von Felix de Mendelssohn, Reinhard Priessnitz, Cora Pongracz, Carola Dertnig, Rosemarie Schwarzwälder, Cathrin Pichler, Ferdinand Schmatz und Silvia Eiblmayr, Gestaltung: Martha Stutteregger, Wien: Schlebrügge.editor 2016 (Deutsch, Softcover 22,3 x 29,7 cm, 200 Seiten, 348 Abb., ISBN 978-3-902833-87-7)

Vorwort

Cora Pongracz (1943–2003) widmete sich in ihrer fotografischen Arbeit vor allem der Darstellung von Personen. Bekannt wurde sie durch Aufnahmen von ProtagonistInnen der literarischen und künstlerischen Avantgarde in Wien. Obwohl viele ihrer Bilder den Genres des Porträts und der Reportage zuzuordnen sind, zielt ihre Herangehensweise auf eine Erweiterung dieser klassischen Aufgaben fotografischer Repräsentation: So dokumentierte sie spezifische soziokulturelle Felder ohne den Anspruch auf die Fixierung auf nur eine Identität, eine Bedeutung oder eine bestimmte Rollenzuweisung. Pongracz’ Fotografie vermittelt auch die Umstände ihres Zustandekommens, da sie den Aufnahmeakt als kommunikative Handlung verstand, die weit über die Grenzen des Bildformats hinausweist, in die Gesellschaft, die Psychologie und die Politik. Am deutlichsten wird dies an ihren konzeptuellen Serien, die Dispositive der Identität und Performativität, etwa im Hinblick auf Geschlechterrollen, hinterfragen.

Anfang 2015, etwa zwölf Jahre nach dem Tod von Cora Pongracz, gelang es der Fotosammlung OstLicht den Nachlass zu erwerben, der rund 42.000 Negative und 1.100 Abzüge umfasst. Dieser eröffnet einen neuen Blick auf Zusammenhänge in ihrem Œuvre, wie etwa auf Entwicklungsschritte in den sechziger Jahren, die wichtige Voraussetzungen für die späteren Arbeiten darstellen. Der Überblick, den der Negativbestand ermöglicht, legt eine chronologische Gliederung von Pongracz’ Schaffen in drei Abschnitte nahe, der auch diese Publikation folgt. Konzentriert auf die mittlere Werkphase fand im Herbst 2015 mit der Ausstellung Cora Pongracz. Österreichische Avantgarde der 1970er eine erste Präsentation der Neuerwerbung in der Fotogalerie OstLicht statt. Bei der Vorbereitung dieses Projektes war der Ausgangspunkt zunächst der nachgelassene Printbestand: Er enthält die maßgeblichen Beispiele für von der Fotokünstlerin autorisierte Motive und deren konkrete Ausführung in Abzügen, darunter Vintageprints in der Größe 18 x 24 cm und zeitnah zur Aufnahme produzierte, auf Karton montierte Ausstellungsprints sowie spätere Neuauflagen in unterschiedlichen Formaten und Produktionsqualitäten. In dieser Heterogenität spiegelt sich die Geschichte des Werkarchivs wider, die im Laufe der Zeit von verschiedenen Interessen geprägt war. Dass es dabei zu punktuellen Veräußerungen oder Verlusten gekommen war, zeigte sich auch darin, dass einzelne Abzüge aus mehrteiligen Serien im Nachlass fehlten. Auch dieser Umstand machte die Bedeutung des weitgehend kompletten Negativarchivs für die Werkpräsentation und -sicherung deutlich. Anlässlich der Ausstellung wurde eine aufwändige Edition mit Silbergelatine-Barytprints in einer limitierten Auflage von 5 Exemplaren aufgelegt, die analog von den Originalnegativen belichtet wurden (ein Vermerk in der jeweiligen Bildlegende kennzeichnet diese Motive im Abbildungsteil).

Eine Herausforderung in der Erschließung des Nachlasses lag darin, dass dieser praktisch keine Textdokumente enthält. Cora Pongracz führte kein Verzeichnis, aus dem Datierungen oder andere Werkdaten hervorgehen. Die Ordnung des übernommenen Bildmaterials folgte nur fallweise den Projekt- oder Produktionszusammenhängen von Pongracz; häufig enthielten die einzelnen Gebinde Fotografien bzw. Negative aus unterschiedlichen Kontexten. Eine aussagekräftige Biografie und eine umfassende Bibliografie – die als Orientierung und Beleg für Datierungen oder Identifikationen unumgänglich sind – waren nie recherchiert worden. Neben der Umlagerung aller Objekte nach Richtlinien musealer Konservierung war demnach ein erster Schritt die Recherche der Ausbildungs- und Aufenthaltsorte von Cora Pongracz sowie der zeitgenössischen Veröffentlichungen ihrer Aufnahmen. Hilfreich für die Werkdokumentation waren die vom Fotohof Salzburg in den neunziger Jahren produzierten Kontaktbögen sowie 150 Haftetiketten, auf denen kurze Stichworte und Namen nach Cora Pongracz’ Angaben notiert worden waren. Im Folgenden wurden Zeitzeug_innen interviewt, wobei viele Kontakte im Rahmen der Ausstellung in der Fotogalerie OstLicht hergestellt werden konnten und die Korrespondenz schließlich bis nach Uruguay reichte. Dies ermöglichte die weitere Identifikation von dargestellten Personen, die Absicherung biografischer Informationen und schließlich die zeitliche Einordnung und Lokalisierung aller wichtigen Motive.

Die vorliegende Publikation präsentiert die Ergebnisse dieser Erschließung, wobei zu betonen ist, dass es sich bei den Angaben zu den Abbildungen nicht um Werktitel, sondern um Beschreibungen handelt. Cora Pongracz betitelte keine einzelnen Aufnahmen – nur für manche Motive, wie etwa ›Spiel mit dem Tuch‹, setzten sich über Publikationen Bezeichnungen durch, die sie offenbar akzeptierte. Benennungen erhielten lediglich ihre vielteiligen konzeptuellen Projekte anlässlich der Veröffentlichung, wie etwa 8 erweiterte portraits oder ›verwechslungen‹. einzelphotos und serien. Cora Pongracz’ Entwicklung als Fotografin, ihre Arbeitsweisen und Konzepte werden in den folgenden Aufsätzen und Statements dargestellt. Detaillierte Daten zu den in den Texten erwähnten Publikationen sowie zu Pongracz’ Biografie und Ausstellungstätigkeit finden sich im Anhang in chronologischer Ordnung. Wir hoffen, mit diesem Buch die weitere Auseinandersetzung mit dem Werk dieser bedeutenden Fotografin anzuregen.


Besonderer Dank an

Eduard Angeli, Ulrike Berger-List, Brigitte Borchhardt-Birbaumer, Daniel Böswirth, Krista Canguilhem, Carola Dertnig, Hannelore Ditz, Gitta Dusek, Silvia Eiblmayr, Georg Fritsch, Wolfgang Glück, Friedrich Hahn, Dieter Hinrichs, Rainer Iglar, Gerhard Jaschke, Martha Jungwirth, Kurt Kalb, Michael Kollmann, Philipp Konzett, Lore Kuntner, Dorothea Löcker, Erhard Löcker, Thomas Lüttge, Elisabeth Madlener, Felix de Mendelssohn, Elisabeth Mitteräcker, Hermann Painitz, Marisa Pongracz, Roman Pongracz, Tessa Porges, Konrad Prissnitz, Arnulf Rainer, Katja Rainer, Isabella Riedel, Erika Ringel, Rudolf Scheutle, Johannes Schlebrügge, Ferdinand Schmatz, Rosemarie Schwarzwälder, Renate Starl, Paul Stein, Silvia Steinek, Karsten de Riese, Monika Thein v. Plottnitz, Dian Turnheim, Maria Verbitskaya, Elisabeth Weißmayer, Herbert J. Wimmer, Inge Wögenstein.


Inhalt

Marie Röbl und Peter Coeln, Vorwort  (7)

I

Marie Röbl, Verbindlichkeiten. Das Frühwerk in Frankfurt, München, London und auf Reisen  (11)

Felix de Mendelssohn, Für Cora. Wien, 13. Oktober 2003  (29)

Jonathan Cape Editors, The Traveller’s Guide to Rhodes and the Dodecanese  (37)

II

Marie Röbl, Verwechslungen. Im Umfeld der Wiener Avantgarde  (49)

Reinhard Priessnitz, Studie mit verschiedenen Schärfen  (69)

Cora Pongracz, Fotografin, 29 Jahre  (93)

Carola Dertnig, Zur Entstehung des erweiterten portraits mit meiner Mutter  (106)

Rosemarie Schwarzwälder, Cora Pongracz  (114)

III

Marie Röbl, Verschiebungen. Die späteren Arbeiten  (127)

Cathrin Pichler, Turbulenz des Banalen. Turbulenzen nebenan  (140)

Ferdinand Schmatz, CORA  (148)

Silvia Eiblmayr, Cora Pongracz. Eine Zusammenarbeit 1995–2003  (162)

IV

Biografie  (171)

Bibliografie  (177)

Von Cora Pongracz montierte Abzüge  (191)

Personenindex  (194)

Impressum  (199)

 

Buchpräsentation