Thomas Richard Williams, ›Der rasende Kakadu oder Eine chinesische Wunderkugel in Gefahr‹, London, um 1854

Artikel zur Online-Präsentation von Highlights der Fotosammlung OstLicht, veröffentlicht nach Übersiedlung der Bestände an einen neuen Standort und Neugestaltung der Website https://www.ostlicht.org/en/collection/highlights

THOMAS RICHARD WILLIAMS, ›The enraged cockatoo or A chinese ball in danger‹, London, ca. 1854. Stereodaguerreotypie 8,5 x 16,4 cm. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 57-02803

Im Zusammenhang mit der Erforschung des binokularen Sehens stellte der Brite Charles Wheatstone 1838 das Stereoskop vor. Es sollte veranschaulichen, wie aus den Sinnesdaten, die von den beiden Augen aus leicht unterschiedlicher Perspektive empfangen werden, eine räumliche Wahrnehmung entsteht. Sechs Monate später präsentierte Louis Daguerre in Paris die Fotografie. Bald gingen die beiden Neuerungen eine Verbindung ein. Ab 1850 fotografierte man in Paris und London mit ›zweiäugigen‹ Stereokameras; um die verblüffenden 3D-Effekte betrachten zu können, benutzte man ›stereo viewer‹ mit Prismenlinsen, in die man stereoskopische Bildpaarplatten schieben konnte.

Nach einer Lehre beim Daguerreotypisten Antoine Claudet wurde Thomas Richard Williams (1824–1871) zu einem der angesehensten Fotografen der viktorianischen Epoche. In Stereo-Daguerreotypien dokumentierte er 1851 die erste Weltausstellung im Londoner Crystal Palace, von wo der Boom der Stereoskopie ihren Ausgang nahm. Seine vom fahrenden Boot aus belichtete Stereodaguerreotypie vom Auslaufen des Kriegsschiffes Marlborough wurde von der Presse als Momentaufnahme gepriesen. Im vorliegenden Beispiel führt Williams ebenfalls Bewegung vor Augen, wenn auch mit ganz anderen Mitteln: ein ausgestopfter Kakadu, der in einer Kralle die Kette eines chinesischen Elfenbeinballs hält, ist auf der Armlehne eines Stuhls positioniert als würde er eben auffliegen.

THOMAS RICHARD WILLIAMS, ›The enraged cockatoo or A chinese ball in danger‹, London, ca. 1854 (Detail von obiger Abbildung)

Ikonografisch steht dieses Arrangement in der Tradition des barocken Stilllebens, wo verschiedenartigen Dingen auch Tiere hinzugefügt wurden, um möglichst viele Sinne anzusprechen und gleichzeitig an die Vergänglichkeit alles Irdischen zu erinnern. Williams erkannte das symbolische wie ästhetische Potenzial dieses Genres für die Fotografie, von der sich sagen lässt, dass sie als Medium zwischen Bewegung/Leben und Stillstand/Tod changiert.

Die Metaphorik von Fenster und Spiegel, ebenfalls bereits in historischen Diskursen zur Malerei thematisiert, liegt einer Reflexion über Fotografie besonders nahe. Williams verweist darauf mittels eines (vermeintlichen) Spiegels im Vordergrund, über den ein Spitzenschal drapiert wurde. Erst in der stereoskopischen Betrachtung tritt klar zutage, dass es sich um einen leeren Rahmen handelt. Abgesehen von der Originalität seiner kunstsinnigen Anspielungen, nutzt Williams auch die formal-technischen Möglichkeiten der Stereofotografie mit großer Raffinesse. So achtete er darauf, Überschneidung, Verschattung und Unschärfe in den Konturen der Gegenstände zu vermeiden, denn diese sind dem Stereo-Effekt abträglich. Die Durchzeichnung seiner Daguerreotypie ist so fein, dass sieben Schichten der chinesischen Wunderkugel erkennbar sind.

Lit.: Die London Stereoscopic Company präsentiert zahlreiche Varianten des Motivs auf ihrer Website (abgerufen 2016) [https://www.londonstereo.com/trwilliams/first_series_detail_10.html]

THOMAS RICHARD WILLIAMS, ›The enraged cockatoo or A chinese ball in danger‹, London, ca. 1854. Anaglyph, Digitale Bildbearbeitung: Günter Macho