Elliott Erwitt, Ungarn, 1964

Katalogtext zu Los 146 der ›100 Jahre Leica Auktion‹ am 23.5.2014 in Wetzlar, Am Leitz Park. Publiziert in: 100 YEARS OF LEICA, WestLicht Photographica Auction, Wetzlar, hg. von Peter Coeln, Wien 2014, S. 314f.

ELLIOTT ERWITT, ›Ungarn 1964‹. Vintage Silbergelatineprint, 10,6 x 15,8 cm / 12,5 x 17,6 cm, signiert vom Fotografen am unteren Rand, rücks. eigenhändig betitelt, datiert, signiert und handschr. Neg.-Nr. ›64-43-17/21A‹ in Bleistift sowie div. Beschr. Courtesy: Westlicht Photographica Auktion, Wien

Beim vorliegenden Abzug handelt es sich um den ersten Proof-Print dieser Aufnahme, den Erwitt lange in seinem Studio aufgehängt hatte. Das Motiv zählt zu seinen persönlichen Lieblingsbildern und wurde vielfach, vor allem in seinen jüngeren Fotobüchern, publiziert. Darin zeigt sich Erwitts Fähigkeit, prägnante Bilder von wie zufällig gefundenen Momenten zu schaffen, die eine visuelle Aussage zur conditio humana sichtbar werden lassen. Hinter der scheinbaren Beiläufigkeit steckt das gestalterische und technische Können, das diese Bildfindungen erst treffsicher sprechend macht: Dazu zählt eine perfekte Kadrierung – hier wird beispielsweise die Bewegung eiligen Schreitens betont, indem die Frauengruppe vom rechten Bildrand leicht angeschnitten ins Bild tritt; weiters die Wahl eines Blickwinkels, der mittels grafischer Komposition die Bildaussage hervorbringt – hier den Vergleich einer dicht gedrängt, ›schnatternd‹, über die Dorfstraße eilenden Trachtengruppe mit einer Gänseherde, der durch Isokephalie (›Gleichkopfhöhe‹) verstärkt wird. Die durch viele Unterröcke gebauschte, knielange Tracht, wie sie für die Gegend um Buják typisch ist, tritt mit den Gänsekörpern in Analogie. Durch die visuell-metaphorische Relation werden auch sprachliche Begriffe wie Federkleid oder chatterbox assoziierbar.

Mit Blick auf Erwitts Gesamtwerk wird deutlich, dass seine Snaps – wie er selbst seine Arbeiten abseits kommerzieller Aufträge nennt – keine singulären Zufallsfindungen darstellen, die er bloß als unterhaltsame Bildwitze nutzt. Stattdessen fußen diese auf einer philosophischen Grundhaltung mit analytischem Potential: Allzu selbstgefällige, oder auch nur zu simple Konzepte von Identität, Integrität oder Harmonie werden infrage gestellt, indem er Partikel von Welt in immer neue, verblüffende Relationen setzt. Durch die fotografische Bindung an ein je spezifisches Hier-und-Jetzt wird dabei ein universell moralisierender Anspruch vermieden, vielmehr eignet Erwitts ironischen Bildfindungen immer ein sprichwörtliches Augenzwinkern. 2011 publizierte Erwitt dieses Bild neben einer zweiten Aufnahme derselben Protagonisten, allerdings in umgekehrter ›Argumentationsrichtung‹, denn dort folgen die Gänse den Mädchen.


Lit.: Elliott Erwitt, Personal Exposures. Fotografien 1946-1988, Lausanne 1988 / München 2012, S. 93; EE 60/60. Fotografías de Elliot Erwitt, cat. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid 2002; Elliott Erwitt, Personal Best, New York / Kempen 2006; Elliott Erwitt, Snaps, London 2011, S. 294f.; Sequentially Yours, Elliott Erwitt, New York 2011; Elliott Erwitt: Icons, ed. by Biba Giacchetti, Silvana Editoriale, Milan 2012