Robert Frank, Brassband in Chautauqua, New York, 1953

Katalogtext zu Los 127 der ›100 Jahre Leica Auktion‹ am 23.5.2014 in Wetzlar, Am Leitz Park. Schätzpreis € 7000–8000. Publiziert in: 100 YEARS OF LEICA, WestLicht Photographica Auction, Wetzlar, hg. von Peter Coeln, Wien 2014, S. 276f.

ROBERT FRANK, Blaskapelle in Chautauqua, New York, 1953. Vintage Silbergelatineprint, 17 x 24 cm, rücks. Fotografenstempel, Life-Stempel in roter Tinte, Datumsstempel. Courtesy: Westlicht Photographica Auktion, Wien

Im März 1953 reiste der Schweizer Robert Frank (1924–2019) zum dritten Mal nach New York, diesmal um sich – nach ausgedehnten Reisen – dauerhaft in Amerika niederzulassen. Als freier Fotograf arbeitete Frank zunächst für Magazine wie Charm, Vogue oder Look und unterstützte Edward Steichen beim Kuratieren von Fotoausstellungen am Museum of Modern Art. Außerdem begann er, jenes Projekt vorzubereiten, mit dem er Fotogeschichte schreiben sollte, The Americans. Zunehmend entfernte er sich von einem narrativen Fotojournalismus, wie er etwa in Life gepflegt wurde – wo man diese Differnz ebenfalls wahrnahm und seine Bilder zurückwies. So trägt die hier angebotene Aufnahme zwar Life-Stempel, wurde aber dort nie publiziert.

Franks Absicht, die amerikanische Zivilisation gleichsam als fremde Kultur aufzufassen, zeigt sich in der Distanz zum Motiv, das in der leicht aus der Balance gekippten Perspektive auch die Umittelbarkeit einer Straßenfotografie aufweist. Wie an den Wegweisern links im Bild ablesbar, entstand sie in Chautauqua im Bundesstaat New York. Hier etablierte sich im 19. Jahrhundert ein Zentrum für Erwachsenenbildung, das in Folge zahlreiche Zweigstellen, Sommerakademien und Fernstudien einrichtete, also ein Instrument der Kollektivierung und Steuerung von Freizeit- bzw. Unterhaltungskultur darstellte – bis diese Funktion ab den 1930ern vom Fernsehen übernommen wurde. Genau dieser Aspekt amerikanischer Kultur sollte auch im weiteren fotografischen Œuvre von Frank eine wichtige Rolle spielen.