Die Geburtsstunde der Leica. Der Fotonachlass von Oskar Barnack

Verfasst gemeinsam mit Johanna Pröll für die Nullnummer des geplanten Magazins ›Lichtblick‹, WestLicht. Schauplatz für Fotografie, 2014; unpubliziert (Magazin wurde nicht realisiert)

Hundert Jahre nachdem Oskar Barnack (1879–1936) im Frühjahr 1914 den ersten Prototyp der legendären Leica-Kamera fertiggestellt hatte, steht sein privater Fotonachlass zum Verkauf. Die rund 1250 Fotografien in fünf Alben und einigen Kartons mit losen Abzügen waren über Generationen in Familienbesitz, darunter Aufnahmen von unschätzbarem Wert für die Geschichte der Kleinbildfotografie: die historisch frühesten auf perforiertem Film belichteten Leica-Aufnahmen.

OSKAR BARNACK, Seite 4 aus Album 1 mit Aufnahmen der Kinder Hanna und Conrad sowie Ehefrau Emma, Wetzlar, frühe 1910er Jahre, Silbergelatineprints, je 3,5 x 12,5 bis 9 x 13,8 cm, links oben perforierter Kontaktprint im neuen Kleinbildformat

Barnacks Ur-Leica: Erfindung der Kleinbildfotografie

Seit der Jahrhundertwende hatte Oskar Barnack als Amateur mit einer Plattenkamera im Bildformat 13x18 cm fotografiert. Das Gewicht der Ausrüstung weckten im zeitlebens kränklichen Feinmechaniker den Wunsch nach einer leistungsstarken Liliputkamera. Sein selbst gestecktes Ziel, einen Apparat zu entwickeln, der ›in einer Rocktasche‹ Platz findet, erreichte er 1913/14 mit der Konstruktion der sogenannten ›Ur-Leica‹. Die beeindruckende Entwicklung dieser Kamera für perforierten 35-mm-Kinofilm mit Negativbildern von 24x36 mm, erfolgte im Rahmen seiner Tätigkeit beim Unternehmen Leitz in Wetzlar.

Aus dem Ziel der Handlichkeit, das nur einem kleinen Negativformat erreichbar war, folgte für Barnack die Notwendigkeit einer Aufnahmequalität, die in der Positivausarbeitung Vergrößerungen in einer zuvor undenkbaren Dimension erlaubte. Dementsprechend leistungsstark konzipierte er die Optik der neuen Kamera, der auch eine besondere Lichtempfindlichkeit des Negativmaterials entsprechen sollte. Rollfilm wie er zur Aufnahme von Kinofilmen verwendet wurde, kam diesen Ansprüchen entgegen, vor allem wenn man das rechteckige Bildformat um 90 Grad drehte (während der kleinere Filmkader quer auf der Filmrolle positioniert ist, wurde das Negativformat für die Leica entlang des Filmstreifens ausrichtet, wodurch man an Bildbreite bzw. -fläche gewann).

Als Barnack in seinen Überlegungen diesen zukunftsweisenden Weg einschlug, waren allerdings Filme in erforderlicher Empfindlichkeit noch nicht erhältlich, wie auch Objektive in der nötigen Lichtstärke erst gebaut werden mussten. Die Verzögerung der Entwicklung eines serienreifen Modells durch den ersten Weltkrieg nutzte Barnack für praktische Tests und sammelte Erfahrung in der Anwendung. So konnte er sein Ur-Modell verbessern und bei der tatsächlichen Markteinführung 1925 ein Produkt vorlegen, das ausgereifter war als Kleinbildkameras der Konkurrenz.


Revolution von Aufnahmeakt und Bildsprache

Die Leica ermöglichte und erforderte eine völlig andere fotografische Praxis als die zuvor üblichen Kameras mit Mattscheibenbild. Das entscheidende Moment in der fotografischen Gestaltung lag nun im Aufnahmeakt, wobei die Intuition, das rasche Erkennen der Bildwürdigkeit einer Situation und der sichere Zugriff – metonymisch fassbar im ›Klick‹ des ausgelösten Verschlusses – eine neue Rolle bekamen. Bis dahin war eine gelungene Fotografie eine vergleichsweise bedächtig ermittelte Komposition, deren Ausgewogenheit man mit späterer Ausschnittwahl und anderen Maßnahmen erst bei der Positiventwicklung perfektionierte.

Die sprichwörtliche Handlichkeit der Kleinbildkamera erlaubt es dem Fotografen, so dicht wie nie zuvor an ein Geschehen heranzukommen. Diese Möglichkeit, die Kameraposition einer vorgefundenen Aufnahmesituation unmittelbar anzupassen, ließ besonders Leica-Fotografen von einer ›Prothese‹ sprechen, einer organischen Erweiterung ihres Körpers. Die neue Mobilität durch eine enger mit dem Bildautor verbundenen Apparatur manifestiert sich auch darin, dass dem subjektiven Blickwinkel – bzw. dessen Niederschlag im Bild – als Signum des Autors oder der Autorin eine gesteigerte Bedeutung zukommt. Mit der Herausbildung einer neuen fotografischen Bildsprache änderten sich wesentliche Paradigmen des Fotografischen: Was Autorschaft, Authentizität oder Aktualität in der Fotografie bedeuten, wurde mittels der Kleinbildkamera neu definiert.


Einblick in die privaten Fotoalben der Familie Barnack

Die Alben der Familie Barnack machen mindestens zwei Biografien, nämlich jene von Oskar Barnack und jene seiner Tochter Hanna (verehelichte Ulzenheimer) fotografisch erfahrbar; sie wurden von letzterer gemeinsam mit Ehemann Gustav zusammengestellt, um sie später an Tochter Hedda weiterzugeben.

Die frühesten Bilder zeigen die Eltern von Emma und Oskar Barnack; es folgen Aufnahmen des jugendlichen Oskar Barnack sowie Aufnahmen aus seiner Zeit in Jena, wo er von 1901 bis 1911 im Carl Zeiss Camerawerk arbeitete, 1903 Emma Leopold heiratete und die gemeinsamen Kinder Hanna und Conrad geboren wurden. Diese frühen Aufnahmen wurden im Auskopierverfahren auf Postkarten-Vordrucken ausgearbeitet. Im Jahr 1911 trat Barnack eine Stelle im Unternehmen Leitz an und die Familie zog nach Wetzlar. Die Aufnahmen mit der Ur-Leica aus den Jahren 1913/14 bis 1925 finden sich als Kontaktabzüge mit sichtbarer Perforation oder als Vergrößerungen zwischen anderen Bildern vom harmonischen Familienleben der Barnacks, versehen mit handschriftlicher Betitelung in weißer Farbe, wie sie für Fotoalben der Zeit gängig ist.

OSKAR BARNACK, Hanna und Conrad mit Emma Barnack im Kirschenwäldchen, Kontaktprint im Kleinbildformat

Die allerersten Leica-Aufnahmen sind meist als Kontakte von Barnacks Filmstreifen vertreten und zeigen seine beiden Kinder im Freien: Hanna (geb. 1906) und Conrad (geb. 1908), etwa mit der Mutter ›im Kirschenwäldchen‹ im Sommer 1914 vor Conrads Schuleintritt. Um die Leistungsfähigkeit seiner Erfindung zu testen, fotografierte Barnack nicht nur gestellte Porträts, sondern auch bewegte Szenen, wie die Übergabe der Kirschen, wobei die Unmittelbarkeit dieser Aufnahmen erstaunt. Die mangelhafte Durchzeichnung in den Schattenbereichen zeigt die damals noch relativ geringe Lichtempfindlichkeit des neuen Kleinformat-Films.

Chronologisch liegt der letzte Schwerpunkt in den 1930ern, mit der Hochzeit von Hanna und Gustav Ulzenheimer und deren ersten Urlaubsreisen, ab 1933 mit Tochter Hedda, wobei auch eine Leica ausgiebig zum Einsatz kam. Die Arbeit Oskar Barnacks zeigt sich verstärkt in den losen Fotografien. Aus der Zeit der Entwicklung der Leica finden sich viele Porträts Barnacks im beruflichen Kontext, an der Drehbank, am Werk- oder Schreibtisch.

OSKAR BARNACK, Seite 21 aus Album 3 mit Aufnahmen in Wetzlar, Köln und Oberbayern, 1930er Jahre, Silbergelatineprints, je 11 x 8,2 bis 8,9 x 14 cm

Darüber hinaus vermittelt der Nachlass ein außergewöhnlich dichtes Bild einer Familiengeschichte im Deutschland der Zwischenkriegszeit. An der regen Fotopraxis der Barnacks zeigen sich die sozialen Kodes privater Feste und ihrer bildwürdigen Motive, die Stabilität von Rollenbildern, familiärer Fürsorge und Weitergabe von Traditionen, wie etwa die Wahl der Reiseziele. Hier manifestieren sich Facetten der Amateurfotografie und Erinnerungskultur des Privaten, wie sie sich für eine breitere Masse erst ab der Nachkriegszeit durchsetzen sollten.

Erkennbar und besonders spannend ist auch, wie die neue Kameratechnik die Bildgestaltung – etwa Fragmentierung und gekippte Blickwinkel – bereits zu prägen begann, noch bevor die Revolutionäre moderner Fotoästhetik, wie Alexander Rodtschenko oder Werner Graeff, auf den Plan traten. Der Fund eröffnet jedenfalls eine Reihe von Betrachtungen und Fragestellungen zu Barnacks folgenreicher Erfindung, deren Bedeutung für die Bildkultur des 20. Jahrhunderts kaum überschätzt werden kann.

Lit.: Olaf Stefanus, Aus dem Leben der Familie Barnack, in: Leica Fotografie International, 2014, S. 40–45; Ulf Richter, Oskar Barnack – Von der Idee zur Leica, Stuttgart 2009