Sam Haskins, Ohne Titel (Moving Nude), London, um 1965

Artikel zur Online-Präsentation der Fotosammlung WestLicht, veröffentlicht 2012 (seit der Reorganisation und Umbenennung in Fotosammlung OstLicht 2015 abrufbar unter https://www.ostlicht.org/en/collection/highlights)

SAM HASKINS, Ohne Titel (Moving Nude), London, um 1965. Silbergelatineabzug, 38 x 30,7 cm, rücks. in Bleistift beschriftet ›Pentax Coll.-Nr. 8750-50-111‹. Courtesy: Fotosammlung Ostlicht, Inv.-Nr. 57-00681

Sam Haskins (1926–2009) gilt als Pionier der Aktfotografie der Sechziger. Bis 1968 arbeitete er im südafrikanischen Johannesburg, danach in London. Seine Arbeit war gleichermaßen wegweisend für Grafikdesigner und Fotografen, etwa Jeanloup Sieff oder David Bailey, aber auch für Entwicklungen in der filmischen Bildsprache. Haskins fotografierte mit Vorliebe junge Frauen, die nicht aus professionellen Model-Kreisen stammten und seiner Kamera in natürlichen, auch bewegten Posen selbstbewusst entgegen traten. Unschärfe und Grobkörnigkeit sind essenzielle Gestaltungsmittel seiner Bildästhetik.

Ein bestimmender Faktor seiner Arbeit ist auch das performative Element, sein Augenmerk darauf, die Wahrnehmung seiner Fotografie durch Kontextualisierung zu lenken: So führte er seine Aufnahmen häufig in abendfüllenden, von Musik begleiteten Diashows vor, wobei er bis zu 500 Mittelformat-Dias zeigte. Nachhaltig einflussreich und in hohen Auflagen produziert wurden seine Fotobücher ›Cowboy Kate‹ (1964) und ›November Girl‹ (1966). In zeitgemäßem Layout publizierte Haskins hier Fotosequenzen sowie Montagen aus Akt- und Landschaftsmotiven. Die narrativen Inhalte manifestieren sich dabei ausschließlich über die Bilder, ihre Kombination und Organisation.

Aus der Entstehungszeit dieser Bücher stammt auch die vorliegende Aufnahme, bei der Bewegungsunschärfe und Lichtführung effektvoll eingesetzt sind. Sie ist stilistisch mit einigen Bildern in ›November Girl‹ vergleichbar, etwa jenen aus der berühmten ›black rain coat‹-Serie. Auch der intensiv sprechende – oder sogar schreiende – Ausdruck des Mädchens findet sich dort.

Für die Geschichte der Aktfotografie begann mit Bildern wie diesem ein neues Kapitel, abseits von formelhaften Pin-ups oder klassischen Studioaufnahmen. Als sich in den 1960er Jahren die Geschlechterrollen langsam zu verändern begannen, blieben Frauen zwar weiterhin Objekt für viele männlich-begehrliche Blicke. Und sie blieben auch häufig ein Motiv für fotografische Darstellungen, die diese Blick- und Machtverhältnisse bildlich inszenieren – aber immerhin eröffnet sich nun ein erweiterter Bewegungsspielraum für die Modelle, eine neue Freiheit, die auch im Zusammenhang mit jener Bewegung steht, die als sexuelle Revolution bekannt ist.

Lit.: Sam Haskins, November Girl, London 1966.