Robert MacPherson, Tempel der Vesta in Tivoli, Italien, um 1858

Artikel zur Online-Präsentation der Fotosammlung WestLicht, veröffentlicht 2011 (seit der Reorganisation und Umbenennung in Fotosammlung OstLicht 2015 abrufbar unter https://www.ostlicht.org/en/collection/highlights)

ROBERT MACPHERSON, Tempel der Vesta in Tivoli, Italien, um 1858. Albuminpapierabzug, 37,2 x 31,2 cm, montiert auf Karton mit Fotografenblindstempel ›R. Macpherson Rome‹, handschr. num. ›115‹. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 57-00266

Der Schotte Robert Macpherson (1811–1872) war ausgebildeter Chirurg, bevor er 1840 nach Rom zog, um sich dort der Malerei und dem Kunsthandel zu widmen. Ab 1851 erlernte er das damals neue ›Nasse Kollodium-Verfahren‹ mit Glasnegativen im Format von 12x16 Inch (ca. 30x40 cm) und erlangte bald ein hohes Niveau. Vor allem seine Veduten mit antiken Sehenswürdigkeiten waren bei den ästhetisch geschulten, bürgerlichen Romtouristen begehrt.

Der sogenannte ›Tempel der Vesta‹ auf der Akropolis in Tivoli ist ein römischer Rundtempel mit einem korinthischen Säulengang. Seit dem frühen 18. Jahrhundert fand das antike Bauwerk großes Interesse, etwa bei klassizistischen Architekten, die die Struktur des Gebäudes oder Details der Bauplastik übernahmen. Maler fanden in ihm ein ideales Motiv, vor allem aus größerer Distanz, die die Ruine in ihrer spektakulären Umgebung, dem beeindruckenden Tal der Kaskaden mit Schluchten und Wasserfällen, zeigt. Macpherson war die prominente Rezeptionsgeschichte des Bauwerks mit Sicherheit vertraut – wie wohl auch seiner gebildeten Kundschaft – und er hatte verschiedene Ansichten dieses Tempels in seinem Katalog.

Mit der vorliegenden Aufnahme positioniert sich Macpherson bewusst abseits von der bekannten ikonografischen Tradition. Durch die Nahsicht sowie den engen Ausschnitt ›enträumlicht‹ und ›versachlicht‹ er ein Motiv, das gerade durch seine ungewöhnliche Topografie – der Rundtempel steht am Rande einer Klippe inmitten des gewaltigen und zerklüfteten Gebirgsterrains – und seine pittoreske Darstellung im Rahmen der Landschaftsmalerei charakterisiert war. Macphersons Konzentration auf den förmlich aus der Umgebung geschnittenen Baukörper ist eine eminent fotografische, modern wirkende Bildlösung, die auf spätere Entwicklungen wie die Neue Sachlichkeit vorauszuweisen scheint.

Macphersons Modernität zeigt sich auch im Vergleich mit den konventionelleren Ansichtskartenmotiven aus mittlerer Distanz, die in den folgenden Jahrzehnten für den aufsteigenden Tourismus-Markt entstanden. Als in den 1860er Jahren damit begonnen wurde, römische Stadtansichten im großen Stil zu vertreiben, behielt Macpherson seine Exklusivität bei und entzog seine Aufnahmen einer massenhaften Vermarktung, indem er seine Auflagen begrenzte. Auch heute noch sind seine großformatigen, detailreichen Abzüge gesuchte Sammlerstücke.

Lit.: Therese Mulligan and David Wooters, Photography from 1839 to today, George Eastman House Collection, Rochester, NY. / Cologne 1999, p. 144.