Fotojournalismus in der Ausstellungseventkultur. Zur Retrospektive Inge Morath

Rezension der Ausstellung: Inge Morath. Das Leben als Photographin, Kunsthalle Wien im Museumsquartier, 18.6.–10.10.1999. Publiziert in: Camera Austria 67/1999, Graz, S. 93

INGE MORATH. DAS LEBEN ALS PHOTOGRAPHIN, hg. von Sabine Folie / Kunsthalle Wien, mit Texten Ders. sowie von Inge Morath, Rolf Sachsse, Olivia Lahs-Gonzales und Gerald Matt, München: Gina Kehayoff Verlag 1999

Im Rahmen einer neuen Programmreihe zu österreichstämmigen emigrierten FotografInnen zeigt die Kunsthalle Wien die Retrospektive ›Inge Morath. Das Leben als Photographin‹. 1923 in Graz geboren, wurde Morath 1953 bei der legendären Magnum-Agentur als Fotografin aufgenommen, nachdem sie zuvor als (Bild-)Redakteurin, Übersetzerin und Autorin gearbeitet hatte. Ihre Fotografie wird gemeinhin dem Genre der Reportage zugeordnet, wobei sie der Tradition der ethnografischen Reisefotografie wohl näher steht als einem Fotojournalismus im Sinne schnelllebiger Pressefotografie; Kriegs- oder Katastrophen-Berichterstattung haben Morath (1923–2002) nie interessiert. Der Annäherung an die Kultur oder die Menschen eines Landes geht stets eine eingehende Auseinandersetzung voraus. Trotz einzelner, eigentlich untypischer Schnappschüsse (wie etwa dem grotesken Lama-Motiv, das als Plakat gewählt wurde), ging es Morath nicht um ein blitzschnelles Erheischen von spektakulären Momenten; vier Meter Distanz und das 50 mm Objektiv sind ihre bevorzugte Optik.

Wer einigermaßen mit dem Werk von Inge Morath vertraut ist – etwa durch die umfassende Personale, die vor einigen Jahren durch Europa tourte1 – findet in dieser Ausstellung kaum Neues. Stattdessen nahm sich Kuratorin Sabine Folie nun zum Ziel, ›wenige Themen (aufzunehmen), um mehr Zusammenhänge erkennen zu können‹; dazu wurden ›evidente und konstruierte Werkgruppen ausgesucht (...), um die vielfältigen Aspekte von Inge Moraths Arbeit der letzten 45 Jahre vor Augen zu führen‹.

INGE MORATH, Lola Ruiz Vilato, die Schwester Pablo Picassos, mit den beiden Söhnen Jaime und Pablo, Barcelona 1954. Aus der Themengruppe ›Die Vilatos – Rätselhafte Genrebilder‹, Kat. S. 29

Gewiss gibt diese Retrospektive einen Überblick über wichtige Themenfelder von Inge Morath. Allerdings beschränkt sich die Auswahl zum weitaus überwiegenden Teil auf Arbeiten aus dem ersten Jahrzehnt von Moraths mittlerweile über fünfzig Jahren Schaffenszeit als Fotografin: Ihren ersten Reportagereisen nach Spanien (1954–56) und in den Iran (1956) wird breiter Raum gegeben; weiters werden zwei der bekanntesten Serien von Morath gezeigt, die Masken-Porträts, die in Zusammenarbeit mit Saul Steinberg entstanden (1959–62) und die berühmten Set-Fotografien, die Marilyn Monroe und andere Hollywood-Stars bei den Dreharbeiten zu The Misfits zeigen (1960); ein größeres Konvolut ist dem New York der fünfziger Jahre gewidmet (1958) und durch fünf New York-Aufnahmen von 1997/8 ergänzt; auch unter den Porträts, die in ›Menschen auf Sofas‹ und ›Künstler im Atelier‹ aufgeteilt sind, wurden größtenteils Aufnahmen aus dem ersten Jahrzehnt von Inge Moraths fotografischem Oeuvre ausgewählt.

Unterrepräsentiert oder völlig ausgeklammert sind also Fotografien der späteren sechziger, der siebziger, achtziger und frühen neunziger Jahre; lediglich anhand der Fotobücher, die in Vitrinen im Eingangsbereich ausliegen, lässt sich nachvollziehen, welche Arbeiten in diese Zeit fallen: etwa die produktiven Reisen nach Russland (1965, 1988/89) und China (1978), in denen Morath auch in Farbe fotografierte oder jene über Jahrzehnte entstandenen Fotografien, die Inge Morath in Ländern entlang der Donau aufnahm sowie die Fotografien aus Connecticut u.a.

INGE MORATH, Der Torero Antonio Ordóñez vor der Nachmittagscorrida, San Fermín Fest, Pamplona, Navarra 1954. Aus der Themengruppe ›Der Torrero‹, Kat. S. 70

Das Interesse der Kuratorin gilt ›Momente(n) der Serialität, dem Sequenzhafte(n), dem Narrative(n)‹ – also Aspekten, die dem Genre der Reportagefotografie wesentlich sind; ›einzelne, nahezu mythisierte Bilder, sollen fallweise in einen seriellen Zusammenhang gestellt werden, um das psychologische und erzählerische Moment, das der ursprünglichen Erfahrung eignete, zurückzuholen‹. Der ursprüngliche Kontext, für den Inge Moraths Fotografien entstanden, bzw. in dem sie erstmals publiziert wurden, waren meist Fotoessays in illustrierten Magazinen oder Fotobücher mit Moraths Bilderläuterungen sowie begleitenden, ausführlichen Essays. Für die Wiener Ausstellung wurden neue Abzüge von Moraths Kleinbildnegativen auf Ausstellungsformat vergrößert (leider ohne dies auf den Bildbeschriftungen anzugeben) und innerhalb der erwähnten Werkgruppen in kleineren Sequenzen gehängt. Eine der eindrucksvollsten Aufnahmen aus Spanien, die den Torero Ordóñez während der rituellen Ankleidung vor dem Kampf mit nacktem Oberkörper im Gegenlicht zeigt, ist gefolgt von einer Stierkampf-Sequenz; dabei galt die Aufmerksamkeit Moraths weniger den Höhepunkten des Kampfes als der psychologischen Dimension der Ereignisse: der Konzentration vor dem Kampf, der Enttäuschung oder dem Siegestriumph danach.

In den Aufnahmen von (prominenten) ›Menschen auf Sofas‹ verfolgt die Ausstellung ›die Wiederholung von Stilelementen wie das Sofa oder die ›Formel‹ der Odaliske (...)‹. Die ausgestellten Prints ermöglichen es, eine Reihe von Variationen des Bildaufbaus aus diagonalen und orthogonalen Elementen nachzuvollziehen (etwa schräg ins Bild führendes Sitzmöbel mit frontalem Porträt oder Profilaufnahme mit bildparallelem Sofa); die souverän gesetzten Bildausschnitte und -kompositionen bleiben allerdings lediglich der subtile Rahmen für die porträtierte Person, der immer genug Raum bleibt, um nicht zur rein formalen Angelegenheit zu werden.

INGE MORATH, Henri Cartier-Bresson, Paris 1961. Aus der Themengruppe ›Menschen auf Sofas‹, Kat. S. 158

Auch wenn es die ausgestellten Prints ermöglichen, Moraths Bildlösungen besser nachzuvollziehen als so manche stark beschnittene Katalogabbildung, ist eine begleitende Lektüre zu dieser Ausstellung in besonderem Maße empfehlenswert. Aufschlussreich ist etwa der Katalogtext von Olivia Lahs-Gonzales zu Moraths Aufnahme surrealistischer Ideen. In der Ausstellung selbst hat man nur wenig Möglichkeit, sich über die historischen (fotoästhetischen sowie politischen oder medienkulturellen) Hintergründe dieses Lebens als Fotografin zu informieren; ein Umstand, den auch der im Eingangsbereich laufende Dokumentarfilm von Sabine Eckhard nur teilweise verbessert.

Schon um ihre Position als Fotografin unter rein ästhetischen Blickpunkten deutlich zu machen, wäre eine Konfrontation mit Arbeiten anderer Magnum-Fotografen sicher erhellend gewesen – allen voran Henri Cartier-Bresson, dessen Assistentin Morath am Beginn ihrer Karriere war. Der Einbezug des fotohistorischen Hintergrundes innerhalb der Ausstellung, etwa ein Hinweis auf die ›LIFE‹-Fotografie und vor allem auf die epochemachende ›Family of Man‹-Ausstellung wäre aber vor allem instruktiv, um den kulturgeschichtlichen Entstehungskontext dieser Fotografien auch visuell zu verdeutlichen – immerhin sind viele der gezeigten Arbeiten im Auftrag für Serien, wie etwa ›Women of the World‹, entstanden. Schließlich könnte genau dieser Hintergrund auch der Ausgangspunkt sein, um die späteren Arbeiten von Inge Morath einzubinden, in der ihre fotografische (und letztlich weltanschauliche) Herangehensweise an das Motiv zunehmend deutlicher wird: In jenen dreißig, in der Ausstellung fehlenden, Jahren erarbeitete sie ihre großen Projekte, die den kulturellen Einflusswegen der ›Mutterkulturen‹ folgen und sich in komplexen Publikationen, in denen die Fotografie nur im Zusammenhang mit ausführlichen Texten auftritt, verwirklichten. Auch wenn Morath selbst sagt, dass sie in der Fotografie eine ›Sprache (gefunden hätte), die endlich nicht mehr übersetzt werden‹ müsse – ihre Buchprojekte machen deutlich, dass ihre Auffassung schon immer jener Vorstellung von Fotografie als Universalsprache, um den idealistischen Mythos eines globalen Menschengeschlechts zu feiern (à la ›Family of Men‹), entgegengestanden hatte.

INGE MORATH, Romería del Rocío, Rocío Wallfahrt, Almonte, Andalusien 1955. Aus der Themengruppe ›Dionysische Archaik und Introspektion‹, Kat. S. 51

An dieser Ausstellung zeigt sich eine allgemeine Problematik der gegenwärtigen Kunstvermittlung: In publikumswirksamen Inszenierungen bzw. Ausstellungsevents kommt eine (historisch, medienspezifisch) differenzierte Darstellung eines Themas oder künstlerischen Werks häufig zu kurz. Besonders die Präsentation von Fotografie, die zunächst für die Publikation entstand, erfordert innerhalb des Mediums der Ausstellung zusätzliche Informationsangebote zu Hintergründen und Kontexten. Eine Zusammenstellung von Exponaten nach primär bildästhetischen Gesichtspunkten, gleichsam als ›autonome Kunstwerke‹, in der üblichen Weise mit marginaler Beschilderung (Autor, Titel, Entstehungsjahr) und kurzen Saaltexten, entspricht letztlich einer Beschneidung der Arbeiten bzw. beschneidet zumindest die Möglichkeiten zu deren Verständnis – obgleich Inge Moraths gestalterische Souveränität es durchaus zulässt, ihrer Kleinbildfotografie auch auf diese Weise Vieles abzugewinnen.


1  Inge Morath, Fotografien 1952–1992, hg. von Kurt Kaindl, Salzburg: Edition Fotohof 1992