Ganz schön paranoid? ›Ästhetische Paranoia‹ von Jürgen Klauke

Rezension der Ausstellung im Museum der Moderne, Salzburg, 23.10.2010–6.3.2011. Publiziert in: schau. kunstmagazin [für Jugendliche], nr. 7, Wien 2010, S. 38f.

JÜRGEN KLAUKE. ÄSTHETISCHE PARANOIA, hg. von Toni Stooss und Peter Weibel, mit Texten Ders. sowie Andreas Beitin, Régis Durand, Ursula Frohne, Thomas Macho, Peter Sloterdijk, Christian Katti und Heinz-Norbert Jocks, Kat. ZKM Karlsruhe, Ostfildern: Hatje Cantz 2010 (Deutsch, Englisch; Hardcover 29 x 29 cm, 252 Seiten, zahlr. Abb., ISBN 978-3-7757-2594-1)

In seinen neuesten Fotoserien, die nun in Salzburg präsentiert werden, tritt Jürgen Klauke (geb. 1943) als Akteur grotesker Versuchsanordnungen auf. Werktitel wie ›Sonntagsneurosen‹, ›Desaströses Ich‹ oder ›Ästhetische Paranoia‹ verweisen auf psychotische Zustände – sind dies Selbstdiagnosen oder Rollenspiele mit dem Klischee des verrückten Künstlers?

Salvador Dalí (1904–1989) war einer der ersten Künstler, der von seiner Paranoia als einer wichtigen Quelle für seine Bilder sprach. Für die Surrealisten waren Wahn, Traum, Fantasie und Rausch wirklicher als alles Reale, Logische, Nüchtern-Korrekte. Allerdings nicht, weil sie selbst irre waren oder damit provozieren wollten, es so aussehen zu lassen. Vielmehr erkannten sie Verrücktheit als ein Grundprinzip unserer Welt, ihrer Wahrnehmung und Beurteilung. Vor allem in der Sprache, in Worten und Zeichen, die wir nur deshalb eindeutig verstehen, damit unsere Verständigung möglichst reibungslos funktioniert. Wenn man aber Zusammenhänge neu setzt und Voraussetzungen verrückt, dann beginnen sich Begriffe und Vorstellungen – wie etwa Mann, Frau, Arbeit, Freizeit, Spaß, Langeweile – aufzulösen, verlieren ihre festen Grenzen.

JÜRGEN KLAUKE, Ästhetische Paranoia 1, 2004–6. Aus der 13-teiligen Fotoserie, Kat. S. 104

Paranoia ist ein Zustand, in dem man mit der Interpretierbarkeit von Erlebnissen oder Sachverhalten ›nicht richtig‹ umgehen kann. Die Grenzen von Bedeutungen lösen sich etwa auf, wenn man in jedem Zeichen Unheil und Bedrohung sieht. Darauf bezieht sich Jürgen Klaukes neuester Werkzyklus ›Ästhetische Paranoia‹. Wie in einem geheimnisvollen Experiment werden hier Rollen getauscht: Der Akteur wirkt passiv und hat mit dem aktiven Objekt einer eigenartigen Haarmasse zu tun, das unberechenbar ist wie ein entfesselter Fetisch oder eine Geistererscheinung.

Klaukes früheste Arbeiten sind ›Geschlechtsumwandlungen‹. Sie verfolgen die Idee einer freien Verfügbarkeit von sexueller Identität, die selbstbestimmte Gestaltbarkeit von Geschlecht. Dabei orientiert er sich am Cross-Dressing von Transvestiten und Drag Queens – geht aber über deren bipolare Spiele, die sich zwischen den beiden Möglichkeiten Mann oder Frau bewegen, weit hinaus. In ›Selfperformance‹ posiert Klauke etwa in Kostümen mit aufgenähten oder umgeschnallten Stoffobjekten, die vaginale und phallische Formen ins Monströse modifizieren.

JÜRGEN KLAUKE, Selfperformance, 1972f. Aus einer 13-teiligen Fotoarbeit des Werkblocks ›Transformer‹. www.juergenklauke.de

Diese Fotografien sind keine beiläufige Dokumentation von Vorführungen oder gar Szenen aus Klaukes Privatleben. Vielmehr ist das, was auf den Bildern zu sehen ist, nur und extra für die jeweilige fotografische Aufnahme inszeniert, ohne dass die Bilder-Serien dabei Geschichten erzählen würden, wie etwa in einem Foto-Roman. Und obwohl das Wort ›Self‹ Teil des Titels ist und Klauke selbst agiert, entwirft er hier eine andere, abstrakte Person im Medium Fotografie. Ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass die Räume und Hintergründe auf seinen Fotos immer möglichst neutral sind, also nichts zu sehen ist, das uns irgendetwas über den Charakter oder das Atelier des Künstlers verraten würde.

JÜRGEN KLAUKE, Philosophie der Sekunde, 1976. Detail einer 17-teiligen Fotoarbeit aus dem Werkblock ›Die Lust zu Leben‹. www.juergenklauke.de

Die Auffassung fotografischer Selbstporträts als Repräsentation einer realen oder erfundenen Person ist aber durchaus ein Thema in Klaukes künstlerischer Arbeit. In mehreren Werken wie ›Physiognomien‹ oder ›Philosophie der Sekunde‹ hinterfragt er etwa den Gesichtsausdruck: Was hält die Kamera damit eigentlich fest? Wie lange dauert ein Lächeln? Wie deuten wir bestimmte Mimiken? Ein übliches Porträtfoto lesen wir als eine authentische Aufzeichnung einer Person, die auch deren Stimmungslage darstellt. Aber Klaukes Mimik ist entweder neutral, in allen Varianten einer Serie erstaunlich ähnlich, oder er setzt ganz bewusst unpassende Grimassen ein, wie Übertreibungen jenes künstlichen Lachens, das entsteht, wenn man unlocker für ein Foto posiert. Klaukes Minenspiel ist auch ein Kommentar zur performativen Verwandlung, ein deutlicher Bruch in der Inszenierung, der eine Grenze der Lesbarkeit von Ausdruck und Darstellung markiert.

JÜRGEN KLAUKE, Über Zeit, um 1980. 17-teiliges Fototableau aus dem Werkblock ›Formalisierung der Langeweile‹. www.juergenklauke.de

Im Werkblock ›Formalisierung der Langeweile‹ verwendet Klauke alltäglichere Requisiten wie Stühle oder Kübel. Er trägt oft schwarze Jeans, die für die 1980er typischen spitzen Boots und sein Sakko, das als Requisit wie auch als Teil seiner Kleidung auftaucht. Die Langeweile interessiert Klauke als ein Gegenbild zu Kreativität und Produktivität, eine unbehagliche Leerstelle. Ein Zustand, der darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt. Bei dem man selbst, der eigene Körper, zum Gegenstand wird, der gerade nicht wirklich gebraucht wird. Wo andererseits die Dinge ein Eigenleben bekommen und die Zeit anders verläuft als sonst, Gedanken sich im Kreis bewegen, quasi still stehen (wie die Fotografie ja ein Still-Stellen ist). Aber genau dann eröffnen sich Räume für Vorstellungen und Verrücktheiten – für einen neuen Blick auf Dinge und vermeintliche Selbstverständlichkeiten, der aus der Sicht der Normalität auch paranoid wirken kann.