Andreas Groll, Halbharnisch des Ferdinand Alvarez von Toledo, Herzog von Alba, 1858

Artikel zur Online-Präsentation der Fotosammlung WestLicht, veröffentlicht 2011 (seit der Reorganisation und Umbenennung in Fotosammlung OstLicht 2015 abrufbar unter https://www.ostlicht.org/en/collection/highlights)

ANDREAS GROLL, Halbharnisch des Ferdinand Alvarez von Toledo, Herzog von Alba, Wien 1858. Salzpapierprint, 25,7 x 17,2 cm. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 85-01840

Es gibt einen mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Institution des Museums und der Fotografie als bildlichem Dokumentationsmedium: Beide dienen der Sammlung und klassifizierenden Archivierung, indem sie Objekte gleichsam aus den lebensweltlichen und historischen Kontexten lösen, um eine neue Ordnung herzustellen und anschaulich zu vermitteln. Die naheliegende Verbindung zeigt sich auch an einer der ersten österreichischen Buchpublikationen, die mittels Fotografien illustriert wurde, dem von Eduard von Sacken verfassten Sammlungskatalog der ›Heldenrüstkammer‹ des Habsburgers Erzherzog Ferdinand von Tirol (1529–1595).

Diese Sammlung an Rüstungen und Waffen von bedeutenden Feldherren wurde im späten 16. Jahrhundert neben Bibliothek, Gemäldesammlung, Kunst- und Wunderkammer am Renaissanceschloss Ambras in Tirol angelegt. Der Bestand kam 1806 nach Wien und ist heute am Kunsthistorischen Museum (KHM) beheimatet, darunter auch der von Andreas Groll aufgenommene Halbharnisch des Herzogs von Alba.

Andreas Groll (1812–1872) war ein Pionier der frühen fotografischen Praxis in Österreich, er arbeitete seit 1852 als einer der ersten Fotografen hauptberuflich und erlangte in vielen Genres und Techniken ein hohes Maß an Fertigkeit; am bekanntesten sind seine Architekturaufnahmen im Raum Österreich-Ungarn. Der vorliegende Salzpapierabzug zeigt einen von Desiderius Helmschmid um 1546 gefertigten Halbharnisch und besticht durch seine Detailtreue in der Wiedergabe. Diese erreichte Groll nicht nur durch seine professionelle Aufnahmetechnik, sondern auch durch eine ausgeklügelte Lichtregie und Positionierung des Objektes.

Die aktuelle, brillante Farbaufnahme, mit der dieser Harnisch heute auf der Website des KHM vorgestellt wird, lässt die figürlichen Gravuren auf den Brustplatten kaum erkennen, während bei Grolls 150 Jahre altem, leicht verblichenem Print klar lesbar ist, dass es sich um die Darstellung eines vor einem Kruzifix knienden Kriegsherrn in Rüstung handelt. In diesem Unterschied könnte man auch einen Hinweis darauf sehen, wie sich die Ansprüche und das Selbstverständnis des Museums und seiner Bildmedien in den vergangenen 150 Jahren geändert haben.

Lit.: Eduard von Sacken, Die vorzüglichsten Rüstungen und Waffen der k.k. Ambraser Sammlung in Originalphotographien, 2. Band, Wien: Braumüller 1862, Tafel XXXI