William H. Talbot, Szene in einer Bibliothek, aus ›The Pencil of Nature‹, 1843

Artikel zur Online-Präsentation der Fotosammlung WestLicht, veröffentlicht 2011 (seit der Reorganisation und Umbenennung in Fotosammlung OstLicht 2015 abrufbar unter https://www.ostlicht.org/en/collection/highlights)

WILLIAM HENRY FOX TALBOT, Szene in einer Bibliothek, Tafel 8 aus ›The Pencil of Nature‹, Wiltshire, Lacock Abbey, 1843. Salzpapierprint vom Papiernegativ, 13 x 17,9 cm, montiert auf Papier. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Inv. 85-01700

In zwei schmalen Regalfächern stehen Bücher sowie natur- und geisteswissenschaftliche Zeitschriften, etwa The Philosophical Magazine, Botanische Schriften, Manners and Customs of the Ancient Egyptians, Poetae Minores Graeci und Lanzis Storia pittorica dell’Italia. Um eine optimale Lichtsituation für die Aufnahme zu gewährleisten, wurden diese Bücher aus der Bibliothek von William Henry Fox Talbot (1800–1877) im Freien arrangiert. Die Zusammenstellung wird meist als ein intellektuelles Selbstporträt des englischen Privatgelehrten gesehen. Er hatte in den Disziplinen Mathematik, Astronomie, Sprachwissenschaft, Archäologie, Botanik, Physik und Chemie bereits mehrfach publiziert, bevor er 1839 seine fotografischen Erfindungen veröffentlichte.

Talbots folgenreichste Leistung war zweifellos die Entdeckung des Negativ-Positiv-Verfahrens, das er 1841 als Kalotypie patentieren ließ. Es war die technische Voraussetzung für die Vervielfältigung fotografischer Bilder. Zwischen 1844 und 1846 brachte er ›The Pencil of Nature‹ in sechs Einzellieferungen heraus. Es ist das erste je erschienene Buch, das mit Fotografien illustriert ist, wobei in jedes Exemplar Salzpapierabzüge eingeklebt wurden. Praktikable Lösungen für die drucktechnische Vervielfältigung fotografischer Vorlagen entwickelten sich erst in der zweiten Jahrhunderthälfte. Im begleitenden Text erläutert Talbot die medienspezifische Besonderheit des Lichtbildes und die Bandbreite seiner Anwendungsmöglichkeiten.

›A Scene of a Library‹ ist Tafel 8 von insgesamt 24 und lässt sich mit zwei Gruppen von Glas- bzw. Porzellanobjekten auf Tafel 3 und 4 vergleichen – ebenso ›additive‹ Arrangements, die weniger der Ästhetik des Stilllebens als einer archivarischen Ordnung entsprechen. Gerade im detailtreuen Registrieren und in der vergleichenden Zusammenstellung ähnlicher Dinge – ausgesuchten Fragmenten der Welt – sollte der Fotografie eine wichtige Funktion erwachsen. Das Bibliotheksmotiv liest sich dagegen wie eine Ankündigung der zentralen Rolle, die das erste technische Bildmedium in Wissenschaft und Bildkultur in weiterer Zukunft spielen sollte, und zwar vor allem in reproduzierter Form in Printmedien. Im Bildtext spricht Talbot die Möglichkeit an, für das Auge Unsichtbares mittels der Fotografie festzuhalten und endet mit einem Verweis auf die Beweiskraft des Gedruckten.

Lit.: Larry J. Schaaf, The Photographic Art of William Henry Fox Talbot, Princeton University Press 2000, S. 191; Hubertus von Amelunxen, Die aufgehobene Zeit. Die Erfindung der Photographie durch William Henry Fox Talbot, Berlin 1989, S. 31