Subtile Deformation. Zu Michaela Moscouws ›Bonsai (Miniatur-Selbstinszenierungen)‹, 1997

Katalogtext zur Ausstellung im Museum auf Abruf (MUSA), Wien, 13.3.–7.6.2008. Publiziert in: MATRIX. Geschlechter | Verhältnisse | Revisionen, hg. v. Sabine Mostegl und Gudrun Ratzinger für Kulturabteilung der Stadt Wien, mit Texten Ders. sowie Griselda Pollock, Rozsika Parker, Anja Zimmermann, Andrea Hubin, Marie Röbl, Friedrich Tietjen, Frauke Kreutler et al. (Dt./Engl.), Wien: Springer Verlag 2008, S. 152

MICHAELA MOSCOUW, ›Bonsai (Miniatur-Selbstinszenierungen)‹, 1996/7. 20-teilige Fotoserie, Silbergelatine auf Barytpapier, je 30 x 24 cm. Courtesy: Museum auf Abruf (MUSA), Wien

Michaela Moscouw (geb. 1961) gilt als fotomediale Aktionistin, die genderspezifische Klischees und Körperbilder hinterfragt. Die Selbstinszenierung ist seit den späten 1980er Jahren ihr kontinuierliches Thema, wobei sie ihre Re/Präsentationsformen und ästhetischen Verfahrensweisen stets weiterentwickelt und differenziert.

Mit ›Bonsai (Miniatur-Selbstinszenierungen)‹ werden Moscouws Serien umfangreicher, die Formate wesentlich kleiner, und sie inszeniert sich erstmals nicht nur im eigenen Studio, sondern auch im Freien – etwa die Hälfte der Bilder sind im Wald aufgenommen. Die Szenarios werden ihrem Titel aber weniger durch einzelne, dabei ins Bild kommende Bäume gerecht; auch fernöstliche Anmutungen in Styling und Posen sind nur sparsam eingesetzt. Durchgängig ist dagegen die auffällige Wiedergabe von Moscouws Statur, die untersetzt und gedrungen erscheint. Dies erreicht die Künstlerin durch hohe Kamerastandpunkte bzw. spezifische Ausrichtungen ihres Körpers sowie durch stimmig ausgewählte Kleider und Draperien.

Nun bezeichnet ›Bonsai‹ nicht bloß ein knorriges Miniatur-Bäumchen als vielmehr eine Landschaft in der Schale, die eine Harmonie zwischen der belebten Natur (Baum), den Naturkräften (Stein, Kies) und dem Menschen (Schale) darstellen soll, wobei ein junger Baum durch Kulturmaßnahmen – Beschneidung und Drahtung – in vorgegebene, kleingehaltene Wuchsformen gebracht wird. Neben einer damit angelegten allgemeineren gesellschaftskritischen Interpretation der Serie ist deren Bildkonzeption auch anhand gendertheoretischer Ansätze lesbar: Die relativ flachen Bildräume, in denen sich Moscouw der(un)gestalt positioniert, widersetzen sich der tradierten Kongruenz zentralperspektivischer Bildorganisation mit einer phallozentrischen Ökonomie des Blicks. Moscouws Körperbild versagt die diesem Modell eingeschriebene Lust am visuellen Eindringen. Denn die Verkürzungen und opaken oder glänzenden Verhüllungen bieten nur wenige der üblichen Raum- oder Volumenparameter der Körperdarstellung, wozu auch die leicht unfokussierte, dunkeltonige Fotoästhetik beiträgt.