Fünf Daguerreotypien aus dem Hause Schlumberger

Katalogtext zur Präsentation von Beständen der Fotosammlung OstLicht (in Vorbereitung)

Daguerreotypie mit c. 9,2 cm Durchmesser, Aufnahme mit Voigtländerkamera bzw. Petzval-Objektiv, Wien 1842. Rückseitig an der Papierversiegelung Etikette mit Beschriftung ›Robert Alwin Schlumberger geb. Stuttgart 1814, Urgroßvater des 1902 geb. Rob. Ferd. Schlumb. und der 1904 geb. Sophie Schlumberger‹

Der in Stuttgart geborene Robert Aldwin Schlumberger (1814–1879) war der Begründer des bekannten österreichischen Weingutes. Im traditionsreichen Haus Ruinart Père et Fils in Reims lernte er die Champagner-Herstellung, wurde Kellermeister und schließlich Produktionsleiter. Zu dieser Zeit entstand hier bereits seit einem Jahrhundert ein besonderer Schaumwein nach der ›Méthode champenoise‹, wobei sich durch Flaschengärung die berühmten prickelnden Perlen bilden.

Auf einer Rheinfahrt lernte Schlumberger 1841 Sophie Kirchner (1823–1894), die Tochter eines Wiener Knopffabrikanten kennen und die beiden verliebten sich. Da Sophies Eltern einer Übersiedlung nach Frankreich nicht zustimmten, gab Schlumberger seine Stellung in Reims auf und übersiedelte 1842 nach Wien, wo wenig später die Hochzeit stattfand. Mit dem Ziel, eine Sektkellerei zu eröffnen, pachtete er vom herrschaftlichen Zehentkeller Weingärten in der Thermenregion. Am sogenannten Goldeck im Maital in Bad Vöslau erwarb er 1843 eine heute noch bestehende Riede, in einem Keller im Wiener Bezirk Josefstadt unternahm er erste Versuche mit niederösterreichischen Weinen. Wie in Frankreich gelernt, kelterte er die Trauben für seinen Schaumwein nach der Methode Blanc de Noirs aus der roten Sorte Blauer Portugieser. Am 17. Juni 1846 wurde Schlumbergers ›Vöslauer weißer Schaumwein‹ erstmals präsentiert; er war ein großer Erfolg und ab 1850 exportierte man ihn als ›Sparkling Voeslauer‹ weltweit.

Peter Coeln konnte jüngst fünf Daguerreotypien erwerben, die aus dem Nachlass von Robert und Sophie Schlumberger stammen und nun die Bestände seiner im Ankerbrotareal angesiedelten Fotosammlung OstLicht (www.ostlicht.org/sammlung) erweitern (bislang werden hier rund 400 Daguerreotypien aus überwiegend französischer und amerikanischer Provenienz verwahrt, außerdem wertvolle Stücke aus Großbritannien, Deutschland und der Donaumonarchie).

Die eindrucksvoll lebensechte und unvergleichlich detailtreue Darstellung von Personen mittels des 1839 veröffentlichten Unikatverfahrens der Daguerreotypie war grundlegend für den weiteren Erfolg der Fotografie. Ein bedeutender österreichischer Beitrag in der Frühzeit der Porträtfotografie war das von Josef M. Petzval entwickelte – erstmals nicht nach Erfahrungswerten, sondern mathematisch berechnete – Objektiv, das 1840 von Peter W. Friedrich von Voigtländer gebaut wurde. Dessen besondere Lichtstärke ermöglichte bis dahin ungekannt kurze Belichtungszeiten von weniger als einer Minute. Signifikant ist die kreisrunde Form der damit belichteten versilberten Kupferplatten und ihr konstruktiv bedingter Schärfeabfall an den Bildrändern; daher wurden diese häufig in Passepartouts mit oktogonalen Bildausschnitten montiert, wie auch vier der hier vorgestellten Daguerreotypien.

Diese entstanden im Abstand von einigen Monaten vor einer Liebesheirat, die in die Aufbruchsjahre des noch jungen Mediums Fotografie fiel; alle vier Daguerreotypien wurden durch ein Petzval-Objektiv belichtet und haben sich in der authentischen Versiegelung mit zeittypisch ornamentierten Papier-Passepartouts erhalten, der Fotograf ist bislang nicht identifiziert.

Zwei Porträts zeigen Sophie, sorgfältig frisiert in einem schulterfreien Kleid mit modisch kariertem Rockteil. Sie trägt aufeinander abgestimmte Schmuckstücke, vermutlich Verlobungsgeschenke, die im Bild deutlich erkennbar – gleichsam inszeniert – sind, wie zum Kettenanhänger passende Ohrringe und am elegant gestreckten Zeigefinger einen auffälligen Ring. Dies legt die Annahme nahe, dass Sophie sich ablichten ließ, um ihrem zukünftigen Ehemann ein ›bezauberndes Bildnis‹ von sich zukommen zu lassen – die bekannte Zeile aus der Arie Taminos in Mozarts Zauberflöte gewann erst mit der Porträtfotografie eine wirklich überzeugende Bedeutung.

 

Daguerreotypien mit je c. 9,2 cm Durchmesser, Aufnahmen mit Voigtländerkamera bzw. Petzval-Objektiv, Wien c. 1842. Rückseitig an der Papierversiegelung Etiketten mit Beschriftung ›Sophie Kirchner, verehel. Schlumberger, geb. Wien 1823, Urgroßmutter des Rob. Ferd. Schlumberger, geb. Wien 1902 / Sophie Schlumberger geb. 1904‹

Nicht nur Sophies Aufmachung, sondern auch Pose, Bildausschnitt und Lichtführung sind offensichtlich mit besonderem Bedacht gewählt und in der zweiten Aufnahme mit erstaunlicher Übereinstimmung wiederholt, wobei wohl einer der damals gebräuchlichen Stütz-Sessel die Fixierung von Kopf- und Oberkörper gewährleistete. In der Variante wurde lediglich ein zuvor lose umgelegter Schal weggelassen, die Aufnahmedistanz etwas verkürzt und vor allem die Frisur verändert, denn nun sind um beide Ohren geflochtene Zöpfe drapiert, sogenannte ›Affenschaukeln‹, die der Mode der Epoche entsprechen. Die heute gängige Praxis, während einer Fotosession stets eine Serie an Bildern aufzunehmen, war in der Frühzeit der Fotografie keineswegs selbstverständlich, meist begnügte man sich mit einem Bild pro Person, denn Daguerreotypien waren relativ kostspielig. Im vorliegenden Beispiel zeugt die Herstellung wie auch die Erhaltung einer seltenen zweiten Motivvariante vom spezifischen (amourösen) Entstehungs- und Verwendungskontext; die besondere Aufmerksamkeit für die Toilette der Porträtierten könnte etwa im Zusammenhang mit Hochzeitsvorbereitungen stehen, bei denen man die Wirkung verschiedener Frisuren ausprobierte.

 

Daguerreotypie mit c. 9,2 cm Durchmesser, Aufnahme mit Voigtländerkamera bzw. Petzval-Objektiv, Wien c. 1842. Rückseitig an der Papierversiegelung Etikette mit Beschriftung ›Robert Alwin Schlumberger und Sophie Kirchner als Verlobte 1842, Urgroßeltern des 1902 geb. Rob. Ferd. Schlumb. und der 1904 geb. Sophie Schlumberger‹

Zwei weitere Aufnahmen, ebenfalls aus einer Sitzung stammend, zeigen Robert A. Schlumberger im Einzelporträt (s.o.) sowie gemeinsam mit Sophie, die denselben Ring wie in den Einzelportraits trägt; laut rückseitiger Beschriftung werden die beiden hier ›als Verlobte 1842‹ gezeigt. Robert hat ein ungewöhnlich gemustertes Tuch um den Hals, im Paarporträt trägt er außerdem einen Wintermantel. Sophie ist nun dunkel gekleidet und trägt auffällige Korkenzieherlocken, was wohl der zeittypischen Mode geschuldet ist, aber für eine bevorstehende Heirat in ein Schaumwein-Unternehmen besonders sinnfällig erscheint – denn der Verschluss von Weinflaschen mit Korken wurde erst anlässlich der Schaumwein-Erfindung durch Don Pérignon eingeführt.

Daguerreotypie im Format einer 1/4-Platte, mit Retusche in Goldfarbe, c. 1846.

Die fünfte Aufnahme aus derselben Provenienz zeigt ein älteres Paar mit jugendlicher Tochter hinter einem Tischchen; vor der Mutter steht ein Porzellanbecher mit Eis, Trinkschokolade oder Kaffee und Schlagobershaube auf einem Untersetzer, vor dem Familienoberhaupt stehen eine Champagnerflasche und eine Glasflöte. Die Tochter hält ein – leider unleserliches – Schriftdokument. In diesem Fall sind die Entstehungsumstände des Bildes schwerer rekonstruierbar. Jedenfalls benutzte der Daguerreotypist kein Petzval-Objektiv und es gibt Indizien für ein späteres Entstehungsdatum als im Fall der vier oben erwähnten Beispiele: die Platte wurde an den Schmuckstücken der Damen und den Jackenknöpfen des Mannes in nachträglicher Retusche mit Goldfarbe akzentuiert, was erst ab 1845 gebräuchlich war. Möglicherweise entstand die Aufnahme im Zusammenhang mit der Präsentation des ersten Schlumberger-Schaumweins im Juni 1846.

GOTTLIEB B. REIFFENSTEIN, ›Voeslau den XVII. Juni MDCCCXLVI‹, Lithografie.

Aus diesem Anlass beauftragte man eine Lithografie bei Gottlieb B. Reiffenstein (1822–1885), die sechzehn Männer bei der Verkostung zeigt und das Ereignis noch heute auf der Website des Unternehmens illustriert, am unteren Rand ist der Schriftzug ›Voeslau den XVII. Juni MDCCCXLVI‹ zu lesen. Anhand vorangegangener Einzelstudien zielt das Gruppenbild auf weitgehende Porträtähnlichkeit jedes der dargestellten Herren, die als Förderer oder Mitarbeiter zum Erfolg Schlumbergers beigetragen hatten. Während er rechts außen am Tisch sitzend, bei der kritischen Prüfung einer Flasche Schaumwein dargestellt ist, hat der im Bildzentrum stehende Leinenwarenhändler Samuel Jägermeister das Glas zu einem Trunkspruch erhoben. Dessen Kopfbedeckung gleicht jener des Herrn in der Daguerreotypie mit der Familiengruppe.

Darüberhinaus lässt diese Quelle kaum Rückschlüsse auf die Daguerreotypie zu, sie erlaubt keine Identifikation der porträtierten Familie und in der Form der Flaschenetiketten gibt es Abweichungen oder anders gesagt: auf dem Tischchen befindet sich jedenfalls kein Vöslauer Schaumwein. Dennoch wäre es möglich, dass es sich um die Familie eines Unterstützers Schlumbergers handelt oder um jene eines ehemaligen Kollegen von Schlumberger aus Rheims. Eindeutiger ist der ikonografische Typus des Bildes: Die trinkbereit gefüllten Gläser verweisen auf Momentaufnahmen des 20. Jahrhunderts mit appellativem Charakter, im Sinne eines Grußes aus feierlichem Anlass – Prosit!