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Doris Krügers mehrteilige Arbeit »under construction«
besteht aus weißen Metalltafeln mit schwarzer Rasterzeichnung, auf
denen bunte, geometrische Bildfragmente mittels Magnethaftung angebracht,
verschoben bzw. re-kombiniert werden können; sie entspricht strukturell
annähernd einem Brettspiel (Tangram). Der Titel verweist auf Krügers
Material- bzw. Bildqelle - das Internet -, denn der Terminus ist für
im Auf- bzw. im Umbau befindliche Websites gebräuchlich; in der englischen
Redewendung klingt ausserdem an, dass hier etwas einer Konstruktion unterworfen
wird.
Vorgeführt werden operationale Bedingungen und Darstellungsverfahren
bestimmter Bildmedien, die an der Konstruktion und Repräsentation
von Räumen beteiligt sind. Die dabei verhandelten bzw. angewandten
Medien sind im Internet veröffentlichte Architekturfotografie sowie
das Computerprogramm »Photoshop«. Die Räume, die dabei
bearbeitet bzw. durchlaufen werden sind einerseits der zentralperspektivische
Illusionsraum der fotografischen Aufzeichnung sowie andererseits räumliche
Aspekte von Handlungsfeldern - metaphorische Räume, wie das Internet
oder der »Graphic User Interface« am Computer. Spuren dieser
Bildräume und Raumbilder werden schließlich in den Realraum
(zurück)geführt.
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2001. Digitalprints auf Magnetfolie, Siebdruck auf beschichtetem Eisen, 29 x 41 cm. |
Doch verfolgen wir den schrittweisen Transformationsprozess ausgehend von Krügers
Bildauswahl: überwiegend (unmöblierte, menschen)leere, öffentliche
Innenräume, etwa Turnsäle, Schulungsräume, Fabriks- oder
Ausstellungshallen, die alle auf ähnliche, frontalperspektivische
Weise fotografiert wurden und im Internet auf diversen Homepages zu finden
sind. Diese Räume wurden also bereits Mediatisierungen unterworfen,
bevor die Künstlerin auf den Plan trat; die Bilder dieser Räume
dienen spezifischen Zwecken - etwa der Vorstellung einer Lokalität
zur identifikatorischen Verortung einer Institution oder der Präsentation
eines eben fertiggestellten Gebäudes auf der Homepage eines Architekturbüros.
Der dokumentarische Charakter, den diese Zusammenhänge offenbar erfordern,
schlägt sich in formal strengen, meist weitwinkeligen Aufnahmen nieder,
die jeweils alle fünf elementaren raumbegrenzenden Flächen -
Boden, Rückwand, Decke und zwei Seitenwände - ins Bild nehmen.
Diese »Guckkasten«-Struktur der Aufnahmen suggeriert Totalität,
sowohl Vollständigkeit der Räumlichkeiten als auch vollständige
Überblickbarkeit, und kann somit als ein Emblem für die Zentralperspektive
gelten: die Konstruktion einer kohärenten, homogenen Raumillusion,
die sich auf Naturkräfte (Licht-Strahlengesetze) beruft und auf einen
imaginären körperlosen Betrachter hin organisiert ist. Auch
die fotografische Projektion folgt (physikalisch gesehen) zentralperspektivischen
Gesetzen. Als eine machtstrategische Verknüpfung von Diskursen und
Praktiken, also als Dispositiv, ist die Zentralperspektive von außergewöhnlicher
Dominanz und Permanenz.
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2001. Digitalprints
auf Magnetfolie, Siebdruck auf beschichtetem Eisen, 29 x 41 cm. |
Abgesehen von kulturtheoretischen Aspekten der Mediatisierung ist mit
der Veröffentlichung der ausgewählten Raumbilder im Internet
aber auch auf technischer Ebene ein wesentlicher Schritt erfolgt: Die
indexikalische fotografische Analogaufzeichung wurde einer medialen Transformation,
nämlich der Digitalisierung, unterzogen. Dies ermöglicht eine
Weiterbearbeitung der Fotografien im »digital darkroom«. Hier
nun wird die stringente Struktur der Zentralperspektive sozusagen auf
eine Spitze ihrer zwangsläufigen Logik getrieben: Die Bilder der
jeweiligen Räume werden auf ein »Idealraummaß«
hin verzerrt; alle Räume werden gleich hoch, gleich breit und gleich
tief gemacht, wofür im Photoshop-Programm die fünf Elementarflächen
eines jeweiligen Raum-Guckkastens extra zu bearbeiten sind.
Die Eingriffe der Künstlerin in die perspektivischen Raumbilder beginnen
also mit einer Zerlegung, wobei die Raumkanten, an denen sich die Fluchtlinien
der Perspektivkonstruktion manifestieren, die Schnittlinien abgeben. Die
Einzelteile werden dann auf jeweils verschiedenen Ebenen, als geometrisch
zweidimensionale Figuren, verzerrt. Bei dieser Entstellung werden nicht
die Räume als Ganzes proportional verändert (in diesem Fall
würden sie nur in einer der drei Raummaße einander angepasst
werden können), sondern die Seitenlängen aller einzelnen Flächen
werden so gestreckt bzw. gestaucht, dass sie in das vorgegebene Raster
des »Idealraumes« passen.
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2001. Digitalprints
auf Magnetfolie, Siebdruck auf beschichtetem Eisen, 29 x 41 cm. |
Die entstehenden Raumbilder weisen zwar noch alle Symptome der ursprünglichen
Fotos auf, insofern kein einziger Pixel verloren gegangen ist, sind aber
in ihrem räumlichen Zusammenhang »gestört« - wie
in einem Phantombild, in das alle Individual-Merkmale eingetragen wurden
und das dennoch disparat wirkt. Dieser Mangel an Homogeneität wird
schließlich durch eine Re-Individualisierung ausgeglichen, indem
jedem Raum eine eigene Farbtönung zugeordnet wird.
Und nun also kann gespielt werden: Die Beweglichkeit der Raumbildteile
erlaubt die Konstruktion neuer hybrider Raumphantome; in diesen »synthetischen
Bildern« ist die raumillusionierende Wirkung der Zentralperspektive
weitgehend in ausgeprägten Flächenmustereffekten aufgehoben.
Krügers Dekonstruktionsprozess darf also nicht nur aufgrund seiner
technischen Bedingungen so genannt werden, denn sie legt die Konstruiertheit
von Raumdarstellung mittels Perspektive augenfällig bloss (die übrigens
auch im Zeitalter digitaler Bildmedien präsent bleibt, denn der algorithmische
Charakter der Perspektivkonstruktion lässt es mittlerweile auch zu,
perfekte 3D-Modelle am Computer zu errechnen).
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2001. Digitalprints
auf Magnetfolie, Siebdruck auf beschichtetem Eisen, 29 x 41 cm. |
Wesentlich ist dabei auch die Verlegung der Konstruktionsarbeit vom (metaphorischen)
Handlungsraum der Graphic User Interface des Photoshop-Programms in den
Realraum der Fotogalerie, wo anstatt dem Symbol-Händchen am Bildschirm
nun wirklich Hand angelegt werden kann. Denn damit verweist Krüger
auf eine Diskussion im Spannungsfeld illusionärer und virtueller
Räumlichkeit - also den Wechsel vom externen, körperlosen zum
involvierten Betrachter elektronischer Interaktivität. Dass hier
digitale Raumkonstruktion nachstellbar wird, die auf entstellte Raumprojektionen
zurückgeht, ist wohl als eine ironische Brechung von Modellen räumlicher
Fiktion bzw. Simulation zu lesen, die allzu euphorische Utopien von neuen
Handlungsräumen in virtueller Räumlichkeit kritisch unterläuft.
© Marie
Röbl, 2001 / www.textezurfotografie.net
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