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Seit dem aufsehenerregenden Auftauchen von Liz, Ray und Jason, den Protagonisten
von Richard Billinghams Familienfotografien, im Kontext der »Saatchi-Sensation«
sind etwa fünf Jahre vergangen. Ausgehend von der Ikon
Gallery in Birmingham tourt nun die erste größere Einzelausstellung
des erfolgreichen Briten durch Europa. Sie besteht im Kern, neben einigen
frühen Schwarzweiß-Porträts und einer überraschenden
Serie menschenleerer Vorstadt-Landschaftsfotografien, aus jenen bekannten
Bildern, die auch in Billinghams Scalo-Buch
»Ray's a Laugh« publiziert sind. Darüberhinaus zu
sehen - und für mich am spannendsten - ist die Fortsetzung seiner
Arbeit an dieser Familie (und ihren voyeuristischen Betrachtern!) mit
anderen, nämlich filmischen Mitteln.
Zur Erinnerung: Die Billinghams leben in Verhältnissen, wie sie wohl
kaum jemand, der ihre Fotografien betrachtet, selbst erfährt - jahrzehntelange
Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Kettenrauchen, Fettleibigkeit, Spielsucht
und ständige Streitereien in einer heruntergekommenen Sozialwohnung
zwischen räudigen Haustieren, Junkfood, Müll und kitschigen
Nippes, in der der Fernseher den ganzen Tag läuft. Dazu noch die
Peinlichkeit eines Sohnes, der das alles in seiner Ausweglosigkeit fotografiert
und damit berühmt wird.
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RICHARD BILLINGHAM, aus »Ray's
a Laugh«, Scalo 1996. C-print auf Aluminium. |
Historisch gesehen hat die Ausstellung der Lebensbedingungen von Unterprivilegierten
für ein bürgerliches Publikum eine lange Tradition in der Dokumentarfotografie
- deren ideologische Implikationen machten diese allerdings spätestens
seit den 70er Jahren fragwürdig. Seit einiger Zeit ist das Interesse
an Milieu-Studien spürbar wiedererwacht, wobei die Bandbreite von
britischen Sozialsatiren im Kino (Mike Leigh, Ken Loach), Fernsehmagazinen
(Stichwort für Österreich: Elisabeth T. Spira) bis zu einer
Vielzahl von fotografischen Projekten (vielleicht am eindrucksvollsten:
Boris Michailov's »Case History«) reicht. Die Vorwürfe,
die man derartigen Projekten machen könnte, lauten, salopp gesagt:
voyeuristischer Sozialexotismus aufseiten des Publikums bzw. denunzierende
Sozialpornografie aufseiten des Fotografen. Betrachtet man Richard Billinghams
Fotografien allein von diesem Standpunkt, fände man sich wohl bald
auf einer rein psychoanalytischen Interpretationsebene wieder. Aber selbst
wenn seine Arbeit als Teil eines Bewältigungs- und Distanzierungsprozesses
gesehen werden kann, wird man ihren Qualitäten mit einer solchen
Erklärung nicht gerecht.
 | RICHARD BILLINGHAM, Ohne Titel, 1995.
C-print auf Aluminium. |
Im Übrigen ist auch die autobiografische Referenz ein verbreitetes
Phänomen der zeitgenössischen Fotografie, das für den Betrachter
die Authentizität dieser Dokumente einer ansonsten unzugänglichen
Welt garantiert. Allerdings ist es ein großer Unterschied, ob man
die Substandard-Verhältnisse der eigenen Familie veröffentlicht
oder - wie etwa Nan Goldin - die Befindlichkeiten einer subkulturellen
Szene, der man mehr oder weniger eng verbunden ist. Nicht einmal, wenn
die Protagonisten Billinghams gleichaltrige Saufkumpane einer Arbeitslosen-Clique
wären, könnte man ihn wirklich in eine Tradition mit Ed van
der Elsken's »Love on the Left Bank« oder Nan Goldin's »I'll
be your mirror« stellen. Denn die Subjekte, sozialen Rituale und
Codes von (meist: jugendlichen) Subkulturen funktionieren als Foto-Sujets
auf eine sehr andere Weise als Billinghams Substandard-Familie.
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RICHARD BILLINGHAM, Ohne Titel, 1994.
C-print auf Aluminium. |
Das spezifische Setting dieser Aufnahmen ist eine paradoxe Konstellation
von Nähe und Distanziertheit: Einerseits ermöglicht die familiäre
Vertrautheit scheinbar grenzenloses Eindringen - ins Schlafzimmer, in
prekärste Situationen und banale bis peinliche Intimitäten;
andererseits wird Richard eigentlich ignoriert - er scheint sich selbst
mittels Kamera im elterlichen Wohnzimmer unsichtbar gemacht zu haben;
das verblüffendste daran ist, dass die Billinghams selbst nach jahrelangem
Fotografiert- und Ausgestellt-Werden auch die Kamera ignorieren: Es gibt
keine Posen (weder explizit stolze, noch tragische) und kaum adressierten
Ausdruck (nur selten eine Reaktion auf den Sohn, nie auf den Künstler
oder den Apparat bzw. potenziellen Betrachter) - wenn ein Blick in die
Kamera überhaupt vorkommt, so unterscheidet er sich wenig vom Blick
auf den Fernseher. Gerade in dieser Gleichgültigkeit gegenüber
dem Medium offenbart sich die Trostlosigkeit der Lebensbedingungen: Ungerührtheit
und Gelassenheit als Eskapismus. Im Fluchtraum der eigenen vier Wände
erfolgt ein noch weiterer Rückzug, ins Innere der Individuen. Vielleicht
aus diesem Grunde sieht manches, was hier passiert, wie Schamlosigkeit
aus; ein Gutteil davon ist wohl den Folgen von Sucht zuzuschreiben, die
offenbar - wenn man jeder gesellschaftlichen Anbindung und Relevanz enthoben
ist - zum Motor wird, der die Zeit am Stehenbleiben hindert. Notorisch
konsumiert werden Alkohol, Nikotin, Speed, Videogames, Essen, Fernsehen
- nur von einer, der Sehn-Sucht, scheint man gründlich entwöhnt.
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RICHARD BILLINGHAM, aus »Ray's
a Laugh«, Scalo 1996. |
Viele dieser Phänomene, in denen soetwas wie die politische Dimension
dieser Arbeit liegt, lassen sich erst anhand der Videos beobachten - während
in den Fotografien manches davon noch als surrealistisch anmutender Bildwitz
lesbar war, wie etwa der im Suff vornüberkippende Ray. In den Filmen
verschwindet derlei Anekdotenhaftigkeit in den damit gegebenen Möglichkeiten
der zeitlichen Ausdehnung und akustischen Erweiterung des Materials -
der ständig laufende Fernseher, die vorbeidonnernde Bahn, die (für
Non-natives fast unverständlichen) Stimmen erhöhen den »Reality-Effekt«.
1998 produzierte Billingham seinen Film »Fishtank« für
das Fernsehen - dessen Titel ist eine treffende Metapher für beschränkte
gesellschaftliche Beziehungen, ein Leben im Kontainer (Ray verlässt
tatsächlich die Wohnung nicht mehr, oft auch nicht das Bett). Dieser
Film ist gewissermaßen eine umgekehrte Reality Soap: Denken Sie
sich das strikte Gegenteil einer Laborsituation mit casting-verlesenen
Menschen, die ihre medialen Zurichtungen (etwa als »Typen«:
der fürsorgliche Schwule, die kreative Single-Frau... ) und nicht
etwa ihre Individualität entlarven, ihre Angepasstheit, ihr Funktionieren
in hegemonialen Verhältnissen unter Beweis stellen und sich dabei
in ständiger Angst vor Entblößung und Peinlichkeit größtmöglicher
öffentlicher Anteilnahme aussetzen.
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RICHARD BILLINGHAM, Playstation, 1999. Still aus
dem Video. |
Billinghams für den Ausstellungskontext produzierte Kurzvideos sind
mögliche Fortsetzungen von »Fishtank« (der aus etwa 20
thematisch geschlossenen Sequenzen besteht) und widmen sich jeweils einem
einzigen, banalen Vorgang, der auch im Titel genannt ist: Liz smoking,
Tony smoking backwards, Ray in Bed, Playstation (letzterer zeigt die über
die Tasten rasenden Hände von Jason). Die Bewegungslosigkeit bzw.
eingeschränkte Mobilität, das »Fishtank«-Dasein,
kommt in diesen ereignisarmen Video-Loops noch stärker zum Tragen.
An den Großbildprojektionen fällt besonders die Kameraführung
auf: Ausgehend von statischen Einstellungen gibt es minimale Zooms und
Schwenks, Streifzüge über Details sowie ein rhythmisches Hin-und-Her-Kippen
zwischen Scharfstellung und Unschärfe (etwa in »Liz smoking«,
wo die Schärfe etliche Male zwischen dem Umriss von Liz im Gegenlicht
und der regenbeschlagenen Fensterscheibe dahinter springt). Diese auffälligen
Tiefenschärfenspiele könnte man als Augenzwinkern lesen - Momente
der Distanzierung aus einer Situation, der man vielleicht zu nah ist;
darüberhinaus als eine eindringliche Demonstration der Apparatur,
die eben diese Situation produziert.
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RICHARD BILLINGHAM, Ohne Titel, 1999.
Light jet print/Fuji Crystal auf Aluminium (Teil eines Triptychons,
Gesamtgröße: 122 x 159 cm). |
Dass Billingham derartige Aspekte zunehmend wichtig werden, belegen auch
seine neuen mehrteiligen Foto-Tafeln, in denen er Stills aus den Videoarbeiten
zusammenstellt. Ein Triptychon zeigt etwa Details aus Rays Handrücken
- unscharfe, überbelichtete Close-ups, mit hohem Abstraktionsgrad.
Eine andere riesige Kompilation versammelt Blickwinkel aus »Fishtank«,
wie die stark fragmentierte Untersicht auf Rays Kinn und Halspartie, einzelne
Momente der völligen Unschärfe sowie unvermittelte Schwenks
auf das Aquarium. Doch so irritierend diese Momente in den Videos sein
mögen - als herausgelöste Stills zu museal-monumentaler Größe
montiert, wirken sie langweilig.
Es ist verständlich, dass Billingham die Auseinandersetzung mit seiner
familiären Herkunft nicht in derselben Art (und auch Frische) wie
in den Fotografien aus den Jahren vor 1996 fortsetzen konnte; während
seine Videos aus den Jahren um 1998 als eine konsequente Weiterentwicklung
dieser Arbeit durchaus überzeugen, scheint die Umsetzung in abstrakte
Stillfoto-Montagen als überzogener Endpunkt. Denn wenn man diese
Großformate nicht als plakativ-medienreflexiven Ästhetizismus
oder als Konzession an den Kunstmarkt lesen möchte, sprechen sie
vielleicht nur noch von der nun vollzogenen Distanzierung des Künstlers
von seinen Wurzeln (»When I came back to the Midlands, I spent a
couple of months going into local pubs, talking to people and trying to
be like a local person, but I wasn't the same, I wasn't innocent anymore.
(...) There's nobody where I live I can really talk to. I'm not lonely
but I'm alienated«, The Irish Times, August 2000). Da diese Entfremdung
offenbar keine produktiven Räume im alten Themenfeld eröffnet,
überrascht es kaum zu hören, dass sich Billingham in jüngster
Zeit einer mehr »imaginären« Malerei zugewandt hat.
© Marie
Röbl, 2001 / www.textezurfotografie.net
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RICHARD BILLINGHAM. Katalog, hrsgg. v. Ikon Gallery,
Birmingham / agnès b., Paris, mit einem Essay von Michael Tarantino
(engl.). Cornerhouse Publications, 2000 |
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