|
Unmittelbar nach der großen Ausstellung zu Karl Kraus und dessen Zeitschrift
Die Fackel widmete sich das Wiener
Jüdische Museum der Schriftstellerin und Journalistin Alice Schalek,
die Kraus sowohl in seinen Glossen als auch in Die letzten Tage der
Menschheit scharf kritisiert hatte: »eines der ärgsten Kriegsgreuel,
die der Menschenwürde in diesem Krieg angetan wurden, (sind) die obszönen
Tagebuchblätter, (...) die ein Frauenzimmer verfaßt hat, das sich für
seine Weiblichkeit kein anderes Feld der Anregung zu verschaffen wußte
als das Feld der Ehre«.
 |
ALICE SCHALEK, Stellungen in den Dolomiten, Südtirol,
in: Neue Freie Presse, 08.09.1915: "Eben beginnt ein Schauspiel,
das keines Künstlers Kunst spannender, leidenschaftlicher gestalten
könnte. Jene, die daheim bleiben, mögen unentwegt den Krieg die Schmach
des Jahrhunderts nennen (...) jene, die dabei sind, werden aber vom
Fieber des Erlebens gepackt, das wohl durch Jahrtausende hindurch
noch jeden Kämpfer erfaßte." |
Kraus’ Kritik an Alice Schaleks Kriegsberichterstattung ist durchaus
berechtigt, was Schaleks Mitwirkung an einer von Euphorie getragenen Propaganda
betrifft – hier sei diese nur mit den Schlagworten Reinigung, Befreiung,
Demokratisierung und Amerikanisierung umrissen. Kraus’ Argumentation zeugt
allerdings auch von dessen konservativem, patriachalem Frauenbild – einem
Frauenbild, von dem Alice
Schalek stark abwich.
Abgesehen von ihrer zweifelhaften Rolle im ersten Weltkrieg war Alice
Schalek vor allem als Reisejournalistin tätig1.
Von etwa 1905 bis 1939 stellte sie die fotografischen Dokumente ihrer
Reisen gemeinsam mit selbstverfassten Kommentaren in Feuilletons, Buchpublikationen
und Lichtbildervorträgen einem breiten Publikum vor. Alice Schaleks Foto-Nachlass,
der vor einigen Jahren von der Österreichischen Nationalbibliothek angekauft
und nun erstmals in einer Auswahl ausgestellt wird, belegt die enorme
geografische Erstreckung ihrer Reisen. Die eindrucksvolle Liste ihrer
Destinationen umfasst Nord- und Südamerika, den Nahen Osten, Ostasien,
Indien, Australien, Ozeanien, Afrika, die Mittelmeerländer und die Balkanstaaten.
 |
ALICE SCHALEK, Eingeborenenfamilie, Neuguinea, 1913. |
Dabei wurden ihre Routen weniger von spezifischen (etwa ethnografischen
oder kunstgeschichtlichen) Interessen bestimmt als von einer (welt)umfassenden
Sehnsucht nach fernen Ländern (im heutigen kulturwissenschaftlichen Jargon:
nach dem Fremden) sowie von der Pragmatik des »professionellen Reisens«
an sich, den Verkehrsverbindungen, Einreiseformalitäten sowie der publizistischen
Verwertbarkeit der Themen. Alice Schaleks Bewusstsein für öffentliche
Wirksamkeit, ihr »Draht« zu den Medien und ihr Durchsetzungsvermögen bei
Ämtern und Entscheidungsträgern, dürfte auch mit ihrer Herkunft zusammenhängen;
sie entstammte einer wohlhabenden (jüdischen) Familie, die dem liberalen
kaisertreuen Bürgertum angehörte und das erste österreichische Annoncenbüro
gegründet hatte, das Firmen eine zielgruppengerechte Inseratenplatzierung
in Zeitungen vermittelte. Das Selbstverständnis ihrer sozialen Schicht
gründete sich weniger auf eine politische oder religiöse Identität (Schalek
konvertierte 1904 zum Protestantismus), sondern auf einen selbstbestimmten,
leistungsorientierten Individualismus.
 |
ALICE SCHALEK, Judenfamilie, Tripolis, in: Neue
Freie Presse, 26.02.1906: "Im Judenviertel herrscht Feiertagsstille.
(...) Wir treten bei einem reichen Seidenhändler ein. In dem großen,
lichten Hof ist eine richtige Hütte gezimmert, deren Dach frische
Bambusblätter und Granatäpfel schmücken und die einen zierlich gedeckten
Tisch enthält, an dem die frommen Juden während des Laubhüttenfestes
speisen. Freudig begrüßt uns die Frau des Hauses." |
Als bürgerliche Reisefotografin in Zeiten des sich eben entwickelnden
Massentourismus interessierte sich Alice Schalek nicht für Baudenkmäler
oder landschaftliche Motive, sondern vor allem für »gesellschaftliche«
Ereignisse im weiteren (das Straßenleben, die Lebensumstände der Frauen)
und engeren Sinn (Hochzeiten, Begegnungen mit Prominenten und Auswanderen).
Viele ihrer Fotografien könnte man als Porträts ansehen – nicht nur, weil
ihr bevorzugtes Motiv Personen waren, sondern auch, weil diese Aufnahmen
häufig in Situationen zustande kamen, die einer »Porträtsitzung« vergleichbar
sind: Frontal zur Kamera ausgerichtet, in steifen Posen stehen indische
Tempeltänzerinnen, eine jüdische Familie in Tripolis, ein südafrikanischer
Zulu mit Rikscha; sitzen ein indischer Barbier und sein Kunde, eine Eingeborenenfamilie
in Neuguinea sowie Beduinenfrauen auf Kamelen im sorgfältig ausgemittelten
Bildzentrum und blicken konzentriert oder gelangweilt, mitunter sogar
missmutig in die Kamera.
 |
ALICE SCHALEK, Barbier in Bombay, Indien 1929. |
Was bei allem Wagemut der Fotografin, sich dem Unbekannten auszusetzen,
doch vor allem anderen Distanz spüren lässt. Selten wird die Halbtotale
überschritten; da Schalek meist mit durchschnittlicher Brennweite fotografierte,
werden die Motive auch nicht durch die Optik »herangeholt«. Die Entwicklung
einer eigenen Bildsprache oder gestalterische Experimente interessierten
sie nicht – ihre Bildlösungen werden fast immer von Orthogonalen, oft
begleitet von einer markanten diagonalen Fluchtlinie, bestimmt: »wie Dioramen,
die durch Haltegriffe der westlichen Zivilisation wie Schiffsrelings,
Eisenbahnschienen oder Hotelveranden abgesichert sind«2.
Wohl nicht zufällig fotografierte Alice Schalek vorzugsweise mit mittelformatiger
Plattenkamera mit Balgenauszug, die, anders als eine handliche Kleinbildkamera,
eine spontane Aufnahme und schnelle Reaktion nicht gerade erleichterte.
Der Kamera kam die Funktion eines schützenden – vielleicht sogar bannenden,
jedenfalls aber ordnenden – Schirmes zu; der Entdeckungswille erstreckte
sich eher in die (geografische) Breite als in die Tiefe (der Kontaktaufnahme
und Auseinandersetzung).
 |
ALICE SCHALEK in New York um 1950. |
Das Spektakuläre der fotografischen Trophäen von Alice Schalek liegt
in den Sujets bzw. den Umständen ihres Zustandekommens; dabei spielte
es eine besondere Rolle, dass eine Frau hinter der Kamera stand: Alice
Schalek, die in konventionelle Männerdomänen vordrang und somit in der
eigenen Heimat eine Fremde war, konnte leichter Grenzen und Fremdheiten
überbrücken als ein reisender Mann und außerdem Verständnis für jenen
»wechselseitigen Exotismus« aufbringen, der touristischen Begegnungen
anhaftet. Jedenfalls war es Schaleks zunehmendes Interesse an Frauenfragen,
in denen sie gegen Ende ihrer Karriere ihr Engagement konzentrierte.
In den späteren Arbeiten aus den dreissiger Jahren, »verhältnismäßig engagierte(n)
Auslandsreportagen«, zeigt sich eine Abkehr von den »Reisefeuilletons
der Frühzeit mit ihrer Fetischisierung der subjektiven Empfindung«.3
Freilich blieb sie trotz wachsendem Bewusstsein für die kulturelle Konstruktion
von Weiblichkeit und ihrer Bewunderung für die jungen Frauenbewegungen
in Indien, Japan und den USA in der Ausgewogenheit des nur beobachtenden
Feuilleton-Geplauders und den Bedingungen der eigenen kulturellen Herkunft
gefangen.
 |
ALICE SCHALEK, Chinesin mit verkrüppelten Füssen,
Mandschurei, in: Japan - Das Land des Nebeneinander, Breslau
1925: "Die Figuren der chinesischen Mitreisenden passen stilgemäß
in das ostasiatische Landschaftsbild, vor allem die der Frauen, die
sich hier noch die Füsse in geradezu Mitleid erregender Weise verkrüppeln,
während man in den von den Engländern verwalteten südchinesischen
Häfen nur mehr ganz alte Frauen mit solchen Stumpffüßen sieht." |
So bleibt das Interessante an dieser Ausstellung gerade das Nichtaußergewöhnliche,
der common sense, der sich in der Figur und im Werk von Alice Schalek
niederschlägt: die Anfänge des Massentourismus und seine mentalitätsgeschichtlichen
Hintergründe (die u. a. in vier ausgezeichneten Katalogbeiträgen
dargelegt werden) bzw. ein spezifisch touristischer Blick auf das Fremde,
der trotz (kalkuliertem) Risiko vor allem der affirmativen Selbstvergewisserung
gilt.
In Österreich, wo die Frage nach dem Umgang mit dem Fremden anlässlich
der Regierungskoalition zwischen ÖVP und FPÖ eine besondere
Aktualität gewonnen hat, bleibt zu bemerken, dass es dem Jüdischen
Museum hoch anzurechnen ist, diese widersprüchliche Figur in die
Geschichte zurück geholt zu haben. Denn im Kampf gegen Rassismus
und Fremdenhass darf jene Haltung nicht aus dem Blickfeld verschwinden,
die diesem nur scheinbar entgegengesetzt ist: die zeitgenössische Spielart
eines bürgerlich-konservativen, vergleichsweise moderaten, vermeintlich
»interesselosen« Blicks auf fremde Kulturen und Menschen.
Besonders in einem Land, das nie (bedeutende) Kolonien besaß, bleibt
im Zeitalter des Postkolonialismus die Auseinandersetzung mit historischen
Figuren wie Alice Schalek auch aus (wahrnehmungs)politischen Gründen
für heutige Debatten fruchtbar.
© Marie
Röbl, 2000 / www.textezurfotografie.net
 |
VOM SAMOA ZUM ISONZO. Die Fotografin
und Reisejournalistin Alice Schalek. Hrsgg. und mit Texten von Elke
Krasny, Marcus Patka, Christian Rapp, Matthias Herrmann und Nadia
Rapp-Wimberger im Auftrag des Jüdischen Museum Wien, Mandelbaum Verlag,
Wien 1999. |
Anmerkungen:
1 Wie Schaleks Kriegsberichterstattung
im Kontext ihres »Reisefeuilletonismus« zu sehen ist, bzw.
wie »Welten- und Schlachtenbummel« zusammenhängen, sowie
ihre Rolle in der Kriegspropagada erörtert Christian Rapp in »‘Das
Ganze ist so grandios organisiert...’. Der Weltkrieg der Alice Schalek«,
in: a. a. O., S. 23–35.
2 Elke Krasny, Nadia Rapp-Wimberger,
Christian Rapp im Einführungstext des Kataloges, a. a. O., S. 18.
3 Zu diesen Fragen sei nochmals der
Katalog empfohlen, besonders: Elke Krasny, »Tempeltänzerinnen und Berufsfrauen.
Von Frauen in der Fremde«, in: a. a. O., S. 37ff und Nadia Rapp-Wimberger,
»Vom Bummel zur Reportage. Alice Schaleks Indienreisen 1909 und 1928«,
a. a. O., S. 49ff.
|