Eines der Plakate, die diese Ausstellung in Wien ankündigten, zeigt
den kuriosen Schnappschuss einer Bar-Sängerin, die mit weit aufgerissenen
Augen ins Mikrofon schreit, von unten aufgenommen und schräg ins Bild
gestellt, mit Federn im Haar, die die schrille Pose betonen. Abgesehen von
der hohen Signifikanz als Plakatmotiv verweist diese Fotografie auf Lisette
Models Faible für massive körperliche Präsenz, deviante Menschenfiguren
und »unvorteilhafte« Situationen, die von herkömmlichen
Schönheits- und fotoästhetischen Idealen abweichen und durch enge
Ausschnitte pointiert ins Bild treten.
 |
LISETTE MODEL, Café Metropole, New York, ca. 1946. |
Dass ein Foto wie dieses heute nicht mehr zu schockieren vermag, ist zu
einem nicht unwesentlichen Teil Lisette Models Einfluss auf folgende Generationen
zuzuschreiben die Anstösse, die sie (etwa als Lehrerin an der
School for Social Research in New York) gab, lassen sich über Diane
Arbus bis hin zu Larry Clark und Nan Goldin nachzeichnen; ihr Credo von
subjektiver Betroffenheit und Anteilnahme des Fotografen sowie ihre bevorzugten
Themen, die immer auch in einem sozialkritischen Kontext lesbar sind, bestimmen
noch heute weite Teile des theoretischen Diskurses (Stichworte: Wiederkehr
des Autors; Cultural Studies) und der fotografischen Praxis (Stichworte:
Lifestyle, Subkultur). In den dreissiger und vierziger Jahren gehörte
Lisette Model zum Kreis derer, die vorherrschende fotografische Tendenzen
ihrer Zeit überwanden: das Foto als geschlossene Anekdote, als perfekt
kadrierter, entscheidender Moment, im Sinne einer symbolisch sprechenden
Bildfindung (à la Henri Cartier-Bresson, Andre Kertész oder
Robert Doisneau) sowie das Konzept der Sozialdokumentation, das zunehmend
in poetische Verklärung oder weltfremden Humanismus abzugleiten drohte.
 |
LISETTE MODEL, Sammy's Bar, New York, ca. 1940 -
44. |
Die von Monika Faber zusammengestellte Ausstellung ermöglicht nun erstmals
in Österreich (wo Model 1903 als Elise Amelie Felicie Stern geboren
wurde) eine eingehendere Betrachtung der Arbeit der Fotografin. Im Mittelpunkt
vieler Serien (Straßen- und Barszenen; Aufnahmen bei Jazzkonzerten
und Modeschauen; Blinde, Transvestiten, Bettler und Schickeria) steht häufig
ein Mensch oder ein spezifischer Moment des Austausches zwischen Menschen.
Was einem in der Ausstellung alsbald auffällt, sind Augen bzw. Blicke:
In den allermeisten Fällen sind diese in extremen Winkeln aus dem Bild
gerichtet auf einen Punkt im Off, auf eine Bühne, einfach ins
Leere oder auf eine weitere Person im Bild. Anhand dieser Fotografien ließe
sich eine Phänomenologie der Blickbeziehung zwischen Publikum und Akteur
sowie der Mikrokosmen sozialer Kommunikation aufzeigen (das Lächeln
nach einem Kompliment, der Seitenblick während eines Kusses, der Blickwechsel
beim Feuergeben...).
 |
LISETTE MODEL, Zuschauer, Newport Jazz Festival,
Rhode Island, 1956. |
Bei Aufnahmen Einzelner verzichtet Model allerdings oft auf dieses »sprechende«
Motiv nahsichtiger Personenfotografie neben etlichen durch Hutkrempen,
Sonnenbrillen und anderen Schatten verdunkelten Augen gibt es eine Unzahl
von gesenkten Lidern oder im Schlaf, beim konzentrierten Musizieren oder
in heftigen Gefühlsausbrüchen geschlossene Augen; weiters finden
sich eine Menge »leerer« Blicke, eine Ausdruckslosigkeit, wie
man sie in vom Blitz erschreckt aufgerissenen Augen oder in Momenten des
Insichgekehrtseins findet oder »Augenposen« in einem
Ensemble von anderen ausdrucksstarken Zeichen, wie bei jener Barsängerin;
stößt man auf konzentrierte Blicke, so stammen diese meist von
Personen im Hintergrund des eigentlichen Motivs, die die Arbeit der Fotografin
aufmerksam beobachten, ohne selbst im Zentrum der Aufnahme zu stehen.
 |
LISETTE MODEL, Lesende Frau (sic!), ca. 1933 - 1938. |
Jenen Blickaustausch hingegen, in dem sich die flüchtige Beziehung
zwischen Fotografin und Fotografierten im Moment der Aufnahme (sowie die
Präsenz der Fotografin!) im Bild manifestieren könnte, vermied
Model weitgehend. Direkten Blickkontakt ließ sie bezeichnenderweise
nur dann zu, wenn sich im Blick in die Kamera, der Vereinbarung über
den Aufnahmeakt, etwas Besonderes zeigen ließ: So entlarvte sie etwa
in ihren Aufnahmen von Urlaubern an der Côte dAzur die Dekadenz
der Bourgeoisie; hier werden in der jeweiligen Zurichtung der Porträtierten
auf die Kamera bzw. ihr Bild, verbrauchte Posen dünkelhafter Selbstdarstellung
sichtbar.
 |
LISETTE MODEL, Modeschau im Hotel Pierre, New York, ca. 1940 - 1946. |
Die Grenze zu Voyeurismus und Blosstellung ist wohl jener schmale Grat,
auf dem die Expressivität der anderen Bilder, die ohne das Wissen
der Fotografierten entstanden, gedeiht. Dabei bewahren paradoxerweise
genau die vielfach gekippten und engen Bildausschnitte (deren Enge Model
meist durch weiteres Beschneiden der Aufnahmen verstärkte), also
das demonstrative Herausstellen der Szenarien, die Sujets davor, nur für
ein kurioses Foto denunziert, auf eine groteske Pose reduziert zu werden
denn viel zu deutlich sind die nachdrücklichen Verweise dieser
Bilder auf ein Off (welches auch im »Inneren« der Schlafenden
und Gedankenverlorenen liegen kann).
 |
LISETTE MODEL, Billie Holliday auf dem Totenbett, 1959. |
Die diagonalen Blickachsen aus dem Bild, die isolierten momentanen Beziehungen,
sprechen immer auch von einem Vorher, einem bildexternen Umfeld. Damit
sagt uns Model nicht nur Wesentliches über zentrale Paradigmen des
Fotografischen »den Schnitt durch Zeit und Raum« (Philippe
Dubois) sondern auch über die Fülle jener Augenblicke,
die »das Ganze« ausmachen, die Kontingenz der Individualität,
die sich auch im Foto so schlecht über »Wesentliches«
erklärt.
© Marie
Röbl, 2000 / www.textezurfotografie.net
|