Francesca Woodman wurde 1958 in Denver / Colorado geboren. Sie wuchs in
den U.S.A. und in Italien auf (ihre Eltern, beide Künstler, besaßen
ein Haus in der Toskana). Bereits mit 13 Jahren begann sie intensiv zu fotografieren.
Während ihrer Collegezeit an der »Rhode Island School of Design«
(RISD) lebte sie in Providence in einem Industrieloft, wo sie ihre fotografische
Arbeit weiterentwickelte. Mit 19 verbrachte sie ein Jahr in Rom als Austausch-Studentin
des RISD. Nach ihrem Collegeabschluß versuchte sie als Fotografin
in der New Yorker Kunstszene Fuß zu fassen. Im Jänner 1981 verübte
sie Selbstmord, indem sie sich aus dem Fenster stürzte. In dieser kurzen
Schaffenszeit, von ihrem 13. bis zum 22. Lebensjahr, schuf Francesca Woodman
ein erstaunlich umfangreiches und komplexes uvre, das Abigail Solomon-Godeau
dazu veranlaßte, von einem »Wunderkind« zu sprechen.1
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FRANCESCA WOODMAN, O.T., New York 1979/80. |
Fast in all ihren Bildern fotografierte Woodman sich selbst, entweder
in mädchenhaften Blumenkleidern, mit entblößtem Oberkörper
oder nackt; wobei ihr Körper bereits in den ersten Selbstporträts
ebenso (früh)reif erscheint, wie ihre ästhetischen Verfahrensweisen
und thematischen Inhalte. Ihre Aufnahmen entstanden in heruntergekommenen
Abbruchhäusern, halbleeren Räumen, seltener auch im Freien.
Woodmans performative Posen (meist bewegte sie sich während der Aufnahme)
nehmen direkt auf die räumlichen Gegebenheiten bezug. Oft benutzte
sie Requisiten zum Aufbau ihrer Settings: Spiegel, Glasplatten, abgerissene
Tapeten, Scherben, Pelze und Tücher, aber auch Perlen, Blumen und
lebende Aale. Dabei schuf Woodman nur selten Einzelbilder; vielmehr handelte
sie ihre fotografischen »Problem-Sets« (Rosalind Krauss) in
Serien bzw. Variationen ab.
Abgesehen von einigen (mehrteils vergriffenen) Katalogen und etwa einem
Dutzend Artikel über ihre Arbeit gab es bislang keine Möglichkeit,
sich über das Werk dieser bemerkenswerten Künstlerin zu informieren;
immerhin tauchten ihre Fotografien in den letzten Jahren häufiger
in verschiedenen Themenausstellungen auf.2 Nun erschien im Scalo-Verlag
eine erste umfassende Monografie zum Werk von Francesca Woodman, die eine
von der Pariser »Foundation Cartier pour l'art contemporain«
konzipierte und bis September 1999 in verschiedenen europäischen
Städten gezeigte Retrospektive begleitet.
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FRANCESCA WOODMAN, O.T., aus der Aal-Serie,
Rom 1977/78. |
Der Abbildungsteil des Bandes enthält rund hundert Fotografien, die
nach den Entstehungsorten zusammengefaßt sind: Boulder/Colorado
(ab 1972), Providence/Rhode Island (ab 1975), Rom (ab 1977), New York
(ab 1979) und MacDowell Colony, Peterborough/New Hampshire (1980). Die
Auswahl der Bilder ermöglicht einen guten Überblick über
alle Werkphasen; die »späten« (mit 21 Jahren geschaffenen!)
Collagen sind in farbigen Falttafeln erstmals publiziert.
Der Textteil, vier Aufsätze zu Leben und Werk, ist dagegen
mehr oder weniger enttäuschend: In seinem »The Sorceress«
(»Die Hexe«) betitelten Essay nähert sich Philippe Sollers
dem Werk von Francesca Woodman als Literat. Seine idiosynkratischen Eindrücke
sind zum Teil wohl einfach Geschmacksache. So führen ihn seine Assoziationen
etwa zu einer persönlichen Erinnerung an eine New Yorker Sommernacht
mit einer Schauspielerin »brunette and extremly attractive«
die ihn bat, sich aus dem Fenster zu stürzen »to
see if it makes her come«. Am zweifelhaftesten ist aber der Grundton
des Textes, der das Bild einer mystisch/engelhaften Erscheinung (Woodman
als Besessene oder »inaccessible virgin«) beschwört,
der man nur kopf- und willenlos verfallen könne.
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FRANCESCA WOODMAN, O.T., aus der Engel-Serie,
Rom 1977/78. |
Die beiden weiblichen Autorinnen befassen sich vor allem mit der Biographie
Woodmans. Sloane Rankin, eine Studienkollegin, die Woodman nach Rom begleitete,
schildert die Sammelleidenschaft und Lebensumstände ihrer Freundin;
sie zitiert aus Briefen und Tagebüchern, die aufschlußreiche
Informationen über Woodmans Arbeitsweise geben. Elizabeth Janus
Text »Un séjour romain« widmet sich dem produktiven
Romaufenthalt Woodmans. Über eine Gruppe von Intellektuellen und
Künstlern, die sich in der »Libreria Maldoror« trafen,
knüpfte Woodman Kontakte zur römischen Kunstszene und erfuhr
nachhaltige Anregungen; so entdeckte sie in dieser Buchhandlung die Werke
Bretons und der Surrealisten, die Radierungen von Max Klinger sowie alte
medizinische Fachbücher und ein italienisches Geometrielehrbuch,
das sie später mit eigenen Fotografien und Texten überarbeitete.
Der einzige Essay der Monografie, der sich an eine Interpretation des
fotografischen Werkes von Francesca Woodman heranwagt, ist der Text von
David Levi Strauss. Gestützt auf Woodmans nachgewiesenes Interesse
am Surrealismus sowie seine Beobachtung, dass manche ihrer Fotos fast
von Man Ray oder Lee Miller stammen könnten, sieht Strauss in Woodmans
Fotografien eine substanzielle Partizipation am Surrealismus namentlich
an dessen »original revolutionary desire to crack the code of appearances«.
Strauss argumentiert in Anlehnung an Rosalind Krauss Thesen zur
surrealistischen Fotografie: Indem die Surrealisten die Wirklichkeit nicht
als eine naturgegebene, authentische Tatsache, sondern immer schon als
zeichenhaftes Konstrukt verstanden, konnten gerade fotografische Bilder
mit ihrem indexikalischen Verhältnis zum aufgezeichneten Gegenstand
diese Zeichenhaftigkeit der Realität direkt aufzeigen.
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FRANCESCA WOODMAN, O.T., Rom 1977/78. |
Die Übertragung dieser Thesen auf Woodmans Fotografie führt
Strauss zu einigen anregenden Feststellungen. So weist er etwa das spezifische
Beziehungsgefüge der Woodmanschen Settings hin. Obwohl sie
gleichermaßen Autorensubjekt und Darstellungsobjekt ihrer Fotografien
ist, verfällt Woodman nicht in narzistische Selbstbeschau; denn immer
bezieht sie sich merklich auf eine dritte Instanz, auf die Kamera bzw.
den Betrachter. Dabei liefert sie sich allerdings nie ganz aus (oder böte
sich ihm gar an, wie es Sollers Text nahelegt); wenn ihr Körper nicht
ohnehin durch denn Ausschnitt fragmentiert wird oder sie sich hinter Spiegeln,
Kaminverblendungen, Tapeten oder Tüchern versteckt, entzieht sie
sich durch Bewegung, die ihr Abbild verschwimmen läßt. Am räumlichen
Aufbau ihrer Settings bleibt immer ein gewisser Abstand zur Kamera spürbar.
In ihr Notizbuch schrieb sie lakonisch: »You cannot see me from
where I look at myself«.
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FRANCESCA WOODMAN, O.T., Rom 1977/78. |
Eines jener Probleme, die sich Woodman in ihrer Arbeit stellte, waren
die Verwandlungen, denen der Körper bzw. der Mensch in seinem Abbild
unterworfen ist. Strauss demonstriert dies an der Serie »Charlie
the Model«, in der Woodman ein männliches Modell ihrer Kunstschule
mit Spiegel- und Glasscheiben posieren ließ. Faßt man dieses
Problemfeld der (Selbst)Repräsentation jedoch etwas weiter und bezieht
Fragen der Identitätskonstruktion bzw. Individualität mit ein,
fügen sich auch weitere Arbeiten in dieses Problem-Set: Serien wie
»Self-Deceit« oder »On Space«, in denen Woodman
ihre Verschmelzungen mit der Umgebung bis zur Auflösung, bis zum
Verschwinden treibt, hinterfragen nicht nur die Repräsentation, sondern
auch die Präsenz; derartige Bilder sind Metaphern für die Dialektik
von Anpassung und Abgrenzung.
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FRANCESCA WOODMAN. Hrsgg. von Hervé
Chandès. Mit englischen Texten von David Levi Strauss, Philippe
Sollers, Elizabeth Janus und Sloan Rankin. Fondation Cartier, Paris
/ Scalo Verlag, Berlin, New York 1998. |
Insgesamt bleibt auch Strauss Text etwas unbefriedigend sein
Hauptreferenzpunkt, der Surrealismus, reicht nicht aus, um Woodmans Arbeit
(die ja Jahrzehnte später entstand!) zu erklären. Wesentlich
fruchtbarer wäre ein Vergleich mit fotografischen Positionen, die
Francesca Woodman sowohl zeitlich, geografisch als auch inhaltlich näher
stehen. So gibt es Bezugspunkte zu zeitgenössischen Fotografen, wie
Aaron Siskind und Duane Michels, von denen sie sich zweifellos anregen
ließ. Davon abgesehen gehört sie wohl in die Reihe jener Künstlerinnen,
die in den 70er Jahren ebenso Fragen der (weiblichen) Identitätskonstruktion
und -repräsentation thematisierten, wie Cindy Sherman oder Ana Mendita.
Was Francesca Woodmans Arbeit allerdings auch von diesen Positionen unterscheidet,
ist möglicherweise auf ihre Jugend zurückzuführen: Eine
ungebrochene Frische in der Herangehensweise und zugleich Ernsthaftigkeit
in der Auseinandersetzung mit elementaren zugleich ersten und letzten
Fragen, die sich wohl nur in sehr frühen oder sehr späten
Lebensphasen stellen.
© Marie
Röbl, 1999 / www.textezurfotografie.net
Anmerkungen:
1
Francesca Woodman, Photographic Work, Wellesley College Museum / Hunter
College Art Gallery, New York 1986; mit Texten von Ann Gabhart, Rosalind
Krauss, Agigail Solomon-Godeau.
2 Fotografien von Francesca Woodman
waren etwa 1989 in der amerikanischen Ausstellung »Vanishing Presence«,
1992 in der Berliner Ausstellung »Sprung in die Zeit«, 1996
in der Bostoner Ausstellung »Inside the Visible« und 1997
in der Wiener Ausstellung »Engel, Engel« zu sehen. Derzeit
ist sie in den Ausstellungen »Photografie des Unsichtbaren«
und »Mirror Images« vertreten (vgl. die Besprechungen in diesem
Heft).
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