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Im Rahmen einer neuen Programmreihe der Kunsthalle Wien zu österreichstämmigen
emigrierten FotografInnen konzipierte Sabine Folie, Kuratorin der Kunsthalle,
die Retrospektive »Inge Morath. Das Leben als Photographin«.
1923 in Graz geboren, wurde Morath 1953 bei der berühmten Magnum-Agentur
(Paris / New York) als Fotografin aufgenommen, nachdem sie zuvor als (Bild-)Redakteurin,
Übersetzerin und Autorin gearbeitet hatte. Ihre Fotografie wird gemeinhin
dem Genre der Reportage zugeordnet, wobei sie der Tradition der ethnografischen
Reisefotografie wohl näher steht als dem Fotojournalismus; Kriegs-
oder Katastrophen-Berichterstattung haben Morath nie interessiert. Der
Annäherung an die Kultur oder die Menschen eines Landes geht stets
eine eingehende Auseinandersetzung voraus. Trotz einzelner, eigentlich
untypischer Schnappschüsse (wie etwa dem grotesken Lama-Motiv, das
als Plakat gewählt wurde), ging es Morath nie um ein blitzschnelles
Erheischen, nie um spektakuläre oder entblößende Momente;
vier Meter Distanz und das 50 mm Objektiv sind ihre bevorzugte Optik.
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INGE MORATH, Lola Ruiz Vilato, die
Schwester Pablo Picassos, mit den beiden Söhnen Jaime und Pablo,
Barcelona 1954. Aus der Themengruppe »Die Vilatos - Rätselhafte
Genrebilder«, Kat. S. 29f. |
Wer einigermaßen mit dem Werk von Inge Morath vertraut ist
etwa durch die umfassende Personale, die vor einigen Jahren durch Europa
tourte (Inge Morath, Fotografien 1952 1992, hrsgg. von Kurt Kaindl,
Edition Fotohof, Salzburg 1992) findet in dieser Ausstellung kaum
Neues. Die Ausstellung »nimmt wenige Themen auf, um mehr Zusammenhänge
erkennen zu können«; dazu wurden »evidente und konstruierte
Werkgruppen ausgesucht (...), um die vielfältigen Aspekte von Inge
Moraths Arbeit der letzten 45 Jahre vor Augen zu führen«.
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INGE MORATH, Drei Passagiere starren
aus einem Auto, Long Island 1962. Aus der »Saul-Steinberg Masken-Serie«, Kat. S. 157. |
Gewiß gibt diese Retrospektive einen Überblick über wichtige
Themenfelder von Inge Morath. Allerdings beschränkt sich die Auswahl
zum weitaus überwiegenden Teil auf Arbeiten aus dem ersten Jahrzehnt
von Moraths mittlerweile über fünfzig Jahren Schaffenszeit als
Fotografin: Ihren ersten Reportagereisen nach Spanien (1954-56) und in
den Iran (1956) wird breiter Raum gegeben; weiters werden zwei der bekanntesten
Serien von Morath gezeigt, die Masken-Porträts, die in Zusammenarbeit
mit Saul Steinberg entstanden (1959-62) und die berühmten Backstage-Fotografien,
die Marilyn Monroe und andere Hollywood-Stars bei den Dreharbeiten zu
»The Misfits« zeigen (1960); ein größeres Konvolut
ist dem New York der fünfziger Jahre gewidmet (1958) und durch fünf
New York-Aufnahmen von 1997/8 ergänzt; auch unter den Porträts,
die in »Menschen auf Sofas« und »Künstler im Atelier«
aufgeteilt sind, wurden größtenteils Aufnahmen aus dem ersten
Jahrzehnt von Inge Moraths fotografischem uvre ausgewählt.
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INGE MORATH, Seidenweber in der Oase,
Yazd 1956. Aus der Themengruppe »Iran«, Kat. S. 96. |
Unterrepräsentiert bzw. völlig ausgeklammert sind also Fotografien
der späteren sechziger, der siebziger, achtziger und frühen
neunziger Jahre; lediglich anhand der Fotobücher, die in Vitrinen
im Eingangsbereich ausliegen, läßt sich nachvollziehen, welche
Arbeiten in diese Zeit fallen: etwa die produktiven Reisen nach Russland
(1965, 1988/89) und China (1978), in denen Morath auch in Farbe fotografierte
oder jene über Jahrzehnte entstandenen Fotografien, die Inge Morath
in Ländern entlang der Donau aufnahm sowie die Fotografien aus Connecticut
u.a.
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INGE MORATH, Der Torero Antonio Ordóñez zieht sich für
die Nachmittagscorrida an, San Fermín Fest, Pamplona, Navarra
1954. Aus der Themengruppe »Der Torrero«, Kat. S. 70. |
Das Interesse der Kuratorin gilt »Momente(n) der Serialität,
dem Sequenzhafte(n), dem Narrative(n)« also Aspekten, die
dem Genre der Reportagefotografie wesentlich sind; »einzelne, nahezu
mythisierte Bilder, sollen fallweise in einen seriellen Zusammenhang gestellt
werden, um das psychologische und erzählerische Moment, das der ursprünglichen
Erfahrung eignete, zurückzuholen«. Der ursprüngliche Kontext,
für den Inge Moraths Fotografien entstanden, bzw. in dem sie erstmals
publiziert wurden, waren meist Fotoessays in illustrierten Magazinen oder
Fotobücher mit Moraths Bilderläuterungen sowie begleitenden,
ausführlichen Essays. Für die Wiener Ausstellung wurden neue
Abzüge von Moraths Kleinbildnegativen auf Ausstellungsformat vergrößert
(leider ohne dies auf den Bildbeschriftungen anzugeben) und innerhalb
der erwähnten Werkgruppen in kleineren Sequenzen gehängt. Eine
der eindrucksvollsten Aufnahmen aus Spanien, die den Torero Ordóñez
während der rituellen Ankleidung vor dem Kampf mit nacktem Oberkörper
im Gegenlicht zeigt, ist gefolgt von einer Stierkampf-Sequenz; dabei galt
die Aufmerksamkeit Moraths weniger den Höhepunkten des Kampfes als
der psychologischen Dimension der Ereignisse: der Konzentration vor dem
Kampf, der Enttäuschung oder dem Siegestriumph danach.
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INGE MORATH, Henri Cartier-Bresson,
Paris 1961. Aus der Themengruppe »Menschen auf Sofas«,
Kat. S. 158. |
In den Aufnahmen von (prominenten) »Menschen auf Sofas« verfolgt
die Ausstellung »die Wiederholung von Stilelementen wie das Sofa
oder die Formel der Odaliske (...)«. Die ausgestellten
Prints ermöglichen es, eine Reihe von Variationen des Bildaufbaus
aus diagonalen und orthogonalen Elementen nachzuvollziehen (schräg
ins Bild führendes Sitzmöbel mit frontalem Porträt oder
Profilaufnahme mit bildparallelem Sofa usw.); die souverän gesetzten
Bildausschnitte und -kompositionen bleiben allerdings lediglich der subtile
Rahmen für die porträtierte Person, der immer genug Raum bleibt,
um nicht zur rein formalen Angelegenheit zu werden.
Auch wenn es die ausgestellten Prints ermöglichen, Moraths Bildlösungen
besser nachzuvollziehen als so manche beschnittene Katalogabbildung, ist
eine begleitende Lektüre zu dieser Ausstellung in besonderem Maße
empfehlenswert. Aufschlussreich ist etwa der Katalogtext von Olivia Lahs-Gonzales
zu Moraths Aufnahme surrealistischer Ideen. In der Ausstellung selbst
hat man nur wenig Möglichkeit, sich über die historischen (fotoästhetischen
sowie politischen bzw. medienkulturellen) Hintergründe dieses Lebens
als Fotografin zu informieren; ein Umstand, den auch der im Eingangsbereich
laufende Dokumentarfilm von Sabine Eckhard nur teilweise verbessert.
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INGE MORATH, Romería del Rocío,
Rocío Wallfahrt, Almonte, Andalusien 1955. Aus der Themengruppe
»Dionysische Archaik und Introspektion«, Kat. S. 51. |
Schon um ihre Position als Fotografin unter rein ästhetischen Blickpunkten
deutlich zu machen, wäre eine Konfrontation mit Arbeiten anderer
Magnum-Fotografen sicher erhellend gewesen allen voran Henri Cartier-Bresson,
dessen Assistentin Morath am Beginn ihrer Karriere war. Der Einbezug des
fotohistorischen Hintergrundes innerhalb der Ausstellung, etwa ein Hinweis
auf die »LIFE«-Fotografie und vor allem auf die epochemachende
»Family of Man«-Ausstellung wäre aber vor allem instruktiv,
um den kulturgeschichtlichen Entstehungskontext dieser Fotografien auch
visuell zu verdeutlichen immerhin sind viele der gezeigten Arbeiten
im Auftrag für Serien, wie etwa »Women of the World«,
entstanden. Schließlich könnte genau dieser Hintergrund auch
der Ausgangspunkt sein, um die späteren Arbeiten von Inge Morath
einzubinden, in der ihre fotografische (und letztlich weltanschauliche)
Herangehensweise an das Motiv zunehmend deutlicher wird: In jenen dreissig,
in der Ausstellung fehlenden, Jahren erarbeitete sie ihre großen
Projekte, die den kulturellen Einflusswegen der »Mutterkulturen«
folgen und sich in komplexen Publikationen, in denen die Fotografie nur
im Zusammenhang mit ausführlichen Texten auftritt, verwirklichten.
Auch wenn Morath selbst sagt, daß sie in der Fotografie eine »Sprache
(gefunden hätte), die endlich nicht mehr übersetzt werden«
müsse ihre Buchprojekte machen deutlich, daß ihre Auffassung
schon immer jener Vorstellung von Fotografie als Universalsprache, um
den idealistischen Mythos eines globalen Menschengeschlechts zu feiern
(à la »Family of Men«), entgegengestanden hatte.
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INGE MORATH. Das Leben als Photographin.
Hrsgg. von der Kunsthalle Wien / Sabine Folie. Mit Texten von Inge
Morath, Sabine Folie, Rolf Sachsse, Olivia Lahs-Gonzales und Gerald
Matt. Gina Kehayoff Verlag, München 1999. |
An dieser Ausstellung zeigt sich eine allgemeine Problematik
der gegenwärtigen Kunstvermittlung: In publikumswirksamen Inszenierungen
bzw. Ausstellungsevents kommt eine (historisch, medienspezifisch) differenzierte
Darstellung eines Themas oder künstlerischen Werks häufig zu
kurz. Besonders die Präsentation von Fotografie, die zunächst
für die Publikation entstand, erfordert innerhalb des Mediums der
Ausstellung zusätzliche Informationsangebote zu den historischen
bzw. wahrnehmungspolitschen Hintergründen. Eine Zusammenstellung
von Exponaten nach primär bildästhetischen Gesichtpunkten, gleichsam
als »autonome Kunstwerke«, in der üblichen Weise mit
marginaler Beschilderung (Autor, Titel, Entstehungsjahr) und kurzen Saaltexten,
entspricht letztlich einer Beschneidung der Arbeiten bzw. beschneidet
zumindest deren Verständnismöglichkeiten obgleich Inge
Moraths gestalterische Souveränität es durchaus zuläßt,
ihrer Kleinbildfotografie auch auf diese Weise Vieles abzugewinnen.
© Marie
Röbl, 1999 / www.textezurfotografie.net
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