|
Am Beginn seiner Karriere, mit den Porträts,
Architektur- und Sternenbildern der 1980er Jahre, wurde Thomas Ruffs Fotoarbeit
v.a. in der neusachlichen Tradition seiner Düsseldorfer Lehrer rezipiert
und deren gestochen scharfer, kühler Dokumentarismus in bis dahin
ungekannt großen Printformaten hervorgehoben. Als Ende der 1990er
sein uvre weiter angewachsen war, wurde deutlich, dass seine Position
kaum über einzelne Bildgattungen fassbar ist. Seither zeigt sich
mit jeder neuen Serie und auch im Vergleich mit anderen Becherschülern
, dass Ruff zunehmend weniger an/in klassischer Fotokunst (sowohl
produktionstechnisch als auch bildsprachlich-ikonografisch) arbeitet,
sondern eine kritische Auseinandersetzung mit dem Dokumentarismus, dem
fotografischen Paradigma der Referenzialität bzw. dem Objektivitätsanspruch
technischer Bildmedien verfolgt. Dabei bearbeitet er häufig vorgefundenes
Bildmaterial und analysiert das bildästhetisch sowie -politisch wirkmächtige
Zusammenspiel von technologischen Darstellungs- bzw. Reproduktionsverfahren
und deren diskursiven Implikationen. Als bildkulturelle Bedingungen unserer
mediatisierten Weltwahrnehmung interessieren Ruff insbesondere Strategien
wissenschaftlicher sowie populärer Anwendungen von Fotografie (z.B.
Fotomontage, Stereoskopie, Zeitungsfotos, Fahndungsbilder, Plakate, Pornografie,
Astrofotografie). In diesem Zusammenhang wird meist auf seinen Umgang
bzw. seine Auseinandersetzung mit digitaler Bildmanipulation etwa
in »nudes« (1999), »Substrate« (2001) oder »jpegs«
(2006) hingewiesen. Dass sich Ruff aber auch intensiv mit der (Vor-)Geschichte
bzw. Historizität repräsentationstechnologischer Entwicklungen
auseinandersetzt, ist v.a. in dieser Zeitschrift dargelegt worden.1
Die von Cathérine Hug kuratierte erste österreichische Personale
verzichtet auf viele Arbeiten aus dem Jahrzehnt seit den späteren
1990ern, z.B. auf jene erwähnten Serien, in denen Ruffs Spiel mit
verschiedenen bildlichen Realitätsebenen als buchstäbliche Unschärferelation
zwischen einer kritischen »Störung der Verweisung« (Heidegger)
und einer oft farbenprächtigen ästhetischen Abstraktion zu Tage
tritt.2Stattdessen versammelt die Ausstellung
der Wiener Kunsthalle in den beiden 2-geschossigen Seitenflügeln
überwiegend Arbeiten bis 1995 aus verschiedenen Porträt- oder
Architektur-Serien (z.B. »Häuser«, 1987/91; »Interieurs«,
1979/83; »Herzog & de Meuron«, 1991ff.) und gipfelt im
großen, hellen Kuppelraum in einer Zusammenstellung der »Sterne«
(1989/92) mit zwei brandneuen Werkserien, den »cassini« und
»zycles« (2008/09).
Die großformatigen Prints der »Sterne« basieren auf
Negativen aus dem European Southern Observatory Archive und zeigen den
von Sternen übersäten Nachthimmel, wie er ohne technologische
Aufrüstung in dieser Ausdehnung und Klarheit nicht wahrnehmbar ist
damit stellen sich Fragen nach dem Kunststatus von Fotografie,
nach Zeitlichkeit und Realitätskonzeption bzw. Dispositiven wie apparativem
Sehen und Archiv. Für die »cassini« bearbeitete Ruff
Satellitenaufnahmen des Saturn aus dem NASA-Bildarchiv (http://saturn.jpl.nasa.gov/),
die von den sog. Cassini-Raumsonden als spektrometrische Daten gesammelt
und übertragen wurden. Ruffs bunte Einfärbungen der stereometrischen
Planetenformen betonen den hohen Abstraktionsgrad dieser Bilder, die in
ihren komplizierten physikalischen Entstehungsstadien wohl nur metaphorisch
so genannt werden können, gleichwohl Ruffs Endergebnisse sich als
»herkömmliche« fotografische Prints präsentieren.
Die »zycles« scheinen schließlich gar nichts mehr mit
Fotografie, nichts mit der Realwelt zu tun zu haben: mittels eines 3-D-Entwurfsprogramms
und mathematischer Formeln generierte Ruff Gebilde aus Liniennetzen und
Strahlenbündeln, die er auf Leinwand druckte. Die grafischen Strukturen
beschreiben virtuelle Räume, durch die man am Computer navigieren
kann und aus denen Ruff per Mausklick Detailansichten »fotografierte«.
Ausgangspunkt dafür waren Kupferstich-Illustrationen elektromagnetischer
Felder aus dem 19. Jahrhundert, also wissenschaftliche Techniken zur Visualisierung
jener unsichtbaren Kräfte, die sich als Elektrizität, Magnetismus
oder Licht manifestieren.3
Indem diese Ausstellung, quasi in der rhetorischen Formel einer Ellipse,
frühere Arbeiten mit zwei allerjüngsten Werkserien konfrontiert,
eröffnet sich ein spannungsreicher Parcours durch Ruffs künstlerische
Konzepte. Die Reise reicht vom nahsichtigen Blick auf Gesichter und eng
begrenzte Raumecken über hermetische Architektur bis zum Universum
und führt dabei letztlich zu Universalien bildlicher Repräsentation,
die sich vereinfacht anhand von Begriffsoppositionen wie Oberflächen
Tiefen, Materie Unfassbarkeit, Technik Imagination
oder Physik Poesie umreißen lassen.
 |
THOMAS RUFF: OBERFLÄCHEN, TIEFEN / SURFACES,
DEPTHS.
Herausgegeben v. Kunsthalle Wien / Gerald Matt.
Mit Texten von Cathérine Hug, Tammer El-Sheikh, Douglas Fogle,
Kurt W. Forster, Maximilian Geymüller (Dt./Engl.).
Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2009.
288 Seiten, Illustr.
ISBN 978-3-85247-075-7 (Kunsthalle Wien)
ISBN 978-3-941185-50-0 (Verlag für Moderne Kunst)
|
Anmerkungen:
1
Sven Lütticken, »Thomas Ruff. Die Kunst des Anachronismus«,
in: Camera Austria 70/2000, S. 2940; Herta Wolf, »Thomas
Ruff. Der Historiker des Fotografischen. Maschinenfotografien und Musterbilder«,
in: Camera Austria 85/2004, S. 1930.
2 Diese oben genannten Werkgruppen
wurden kürzlich im Rahmen einer Retrospektive der designierten Leiterin
der documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, gezeigt: »Thomas Ruff«,
Castello di Rivoli, Museo dArte Contemporaneo Turin, 18.3.2009
21.6.2009.
3 Zu epistemologischen und kunsttheoretischen
Implikationen dieser Arbeiten siehe Douglas Fogle, »Dunkle Materie«,
in: Thomas Ruff, Oberflächen, Tiefen, S. 188204.
© Marie
Röbl, 2009 / www.textezurfotografie.net
|