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Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museum, erfüllte
sich zum 50. Jubiläum der Eröffnung seines Haupthauses1 (entworfen
von Oswald Haerdtl im Stil der für Wien typischen »schaumgebremsten«
Moderne) mit einer Ausstellung zur New Yorker Street Photography einen
lang gehegten Wunsch. Das Thema impliziert pointierte Bezüge zur
Aufgabenstellung des Museums, wie sie seit Kos Amtsantritt 2003
an Kontur gewann. So etwa das Interesse an Stadtgeschichte nicht nur als
eine objektivierte Erzählung von historischen Ereignissen und Entwicklungen,
sondern auch als Vermittlung von subjektiven Narrativen und kollektiven
Erfahrungen.
Als die Stadt pulsierender Modernität schlechthin, die sich in ihre
eigenen, vielfach überlagernden Mythen hüllt, war die »Überstadt«
New York für das Wien der Nachkriegszeit ein Vorbild bei der Entwicklung
eines neuen Selbstverständnisses als Metropole. Den Ausstellungstitel
inspirierte ein Songtext von Jimmy Reed: »Bright light, big city,
gone to my babys head ...«. Die Motive dieses Blues verweisen
auf einen Kontrollverlust, eine Transformation der Stadterfahrung
die Stadt wird zur Verführerin, die einem Mann sogar die Frau auszuspannen
vermag. In vielen Aufnahmen der New Yorker Street Photography, wie sie
sich seit den 1940er Jahren entwickelte (wichtige Beispiele amerikanischer
Straßenfotografie entstanden auch schon früher), manifestiert
sich ein subjektives und unmittelbar körperliches Eintauchen in die
Stadt, die nicht mehr nur aus der Distanz rein visueller Erfassung fotografiert
wird.
In der urbanen Straßenfotografie der Last Photographic Heroes
(so der jüngste einschlägige Buchtitel von Gilles Mora, der
eingeladen wurde, die Ausstellungsexponate auszuwählen), diffundieren
zentrale Figuren und Topoi moderner Gesellschaft: der Flaneur und sein
Blick auf die Frau im öffentlichen Raum, den sie eben erst einzunehmen
begann und wo sie zu einem symptomatischen Objekt der Domäne wurde;
die moderne Stadt als lokaler Ort der spontanen Begegnung, als Bühne
für zufällige, flüchtige Konstellationen sowie als Schauplatz
des Warenverkehrs und des Alltags von Kindern, gesellschaftlichen Randgruppen
und »unteren« Schichten. Dabei waren sozialkritische und oft
linkspolitisch motivierte Dokumentationen bzw. Fotoessays ein Ausgangspunkt
der Street Photography, der durch institutionelle und ästhetische
Entwicklungen weitere Impulse erfuhr: Die unterschiedliche Prägung
der Fotografen, die etwa aus der bildenden Kunst kamen oder auch in der
Presse- und Modefotografie arbeiteten, führte zu Wechselwirkungen
von vordem strenger geschiedenen Bildsprachen. So wurden etwa die Ästhetik
der Reportage oder des Schnappschusses, eine Fotobildgestaltung mittels
Unschärfe, Spiegelungen und Grobkörnigkeit sowie eine »demokratische«
Kompositionsweise, die die Bildstruktur nicht einem Hauptmotiv unterordnet
und mitunter zu »brutaler« Fragmentierung führt, zu den
Signa moderner amerikanischer Kunstfotografie, wobei erstmals auch die
Farbfotografie nachhaltiger eingesetzt wurde.
Im Kontext dieser Zeitschrift sei erlaubt, die Repräsentanten der
international (wenn auch nicht unbedingt in Österreich2) bereits
vielfach rezipierten amerikanischen Street Photography hier nicht im Detail
vorzustellen.3 Im übrigen bieten die im Wien Museum ausgestellten
Beispiele (rund 140 Prints von 18 Bildautoren) weniger einen Einblick
in die Entwicklung einzelner Fotografen als einen Überblick über
den Facettenreichtum des Gesamtphänomens. Neben Werken der bekannten
Protagonisten (Diane Arbus, Bruce Davidson, Walker Evans, Robert Frank,
Lee Friedlander, William Klein, Helen Levitt, Joel Meyerowitz, Weegee
und Garry Winogrand) finden sich auch Arbeiten von etwas weniger bekannten
Fotografen (Ted Croner, Louis Faurer, Sid Grossman, Charles Harbutt, Saul
Leitner, Leon Levinstein, Tod Papageorge, Charles H. Traub). Die Prints
leider nur etwa zur Hälfte Vintages sind monografisch
und nach Dekaden gruppiert gehängt; konzise Saaltexte geben wichtige
zeitgeschichtliche und biografische Hinweise.
Einen Höhepunkt bildet im letzten Raum, in dem auch einige Bücher
zum Thema ausliegen, eine Slide-Show mit etwa 350 bislang unveröffentlichten
Dias von Garry Winogrand. Nach Bildmotiven gereiht, finden sich hier die
für ihn typischen Weitwinkel-Shots auf weibliche »Jagdtrophäen«,
eine Serie mit Flugplätzen und Stadien oder eine witzige Bildfolge
mit mühsamen Transporten von großen Paketen oder schwer beladenen
Kleiderstangen über viel befahrene Straßen. Dazu gestaltete
der renommierte Jazz/Soul-DJ Samir H. Köck eine Soundspur aus Musik
der Epoche sowie aktuellen Tracks. Diese konzeptuelle Entscheidung ist
zunächst als Referenz auf den Aspekt einer sinnlich erweiterten Stadterfahrung
nachvollziehbar. Dass die Bild-Ton-Konstellation mitunter den Nachgeschmack
von Beliebigkeit hinterlässt, ist vielleicht nachrangig, wenn man
bedenkt, welches Reflexionspotenzial in diesem, für rigide Fotohistoriker
natürlich immer zuallererst heiklen, Unterfangen steckt: Denn damit
werden die historischen Aufnahmen von Winogrand dessen legendär-obsessive
fotografische Praxis zu einem Nachlass von Tausenden unentwickelten Aufnahmen
führte, für die keinerlei Publikationsvorgaben des Bildautors
eruierbar sind dezidiert in einen Raum heutiger Rezeption gestellt.
Wenn sich ein unvermittelter Spalt zwischen den verwobenen Ebenen aus
historischen Aufnahmen, posthumer Neuedition und zeitgenössischer
Musik-Zusammenstellung auftut (etwa indem man die Konstellation als willkürlich
empfindet), tritt also ein Faktum der Wahrnehmung von Fotografie
wie aller überlieferten Bildwerke ins Bewusstsein, das man
leicht aus den Augen verliert: dass ein Werk nicht autark existiert, sondern
maßgeblich vom Kontext und der Geschichte seiner Rezeption geprägt
ist.
Man sollte diese Ausstellung nicht als eine fotografiegeschichtliche Fachschau
beurteilen und ihr einen Mangel an weiterführenden Informationen
oder fotohistorischer Fundierung vorwerfen. Es muss kein Manko sein, wenn
man sich im Hinblick auf die bereits existierenden Foto-/Fachbücher
zum Thema und bei einer naturgemäß beschränkten Verfügung
von Ressourcen gegen die Produktion eines Kataloges entscheidet. Denn
zum einen ist dies einer eingehenden Rezeption der Ausstellung förderlich
leisten doch Fotokataloge mitunter dem Irrglauben vieler Ausstellungsbesucher
Vorschub, dass die Fotoprintbetrachtung vermittels Publikation ersetzbar
wäre. Zum anderen scheint mir dieses Projekt auch ein gelungenes
Beispiel dafür zu sein, wie Fotografie im Ausstellungskontext eines
historischen Museums als selbständiges Bildmedium und nicht
bloß Informationsdokument zu ihrem »Recht« kommen
kann, ohne dass damit gleich alle Anforderungsprofile einer schicken Kunsthalle
oder eines wissenschaftlichen Fotomuseums erfüllt werden müssten
(aber ohnehin nur simuliert werden könnten). Vor allem aber funktioniert
diese Fotoausstellung aufgrund ihres Themas, dem gerade die Unmittelbarkeit
von Anschauung inhärent ist, sowie ihrer Verortung genau in diesem
Museum, das Kontextualisierungsarbeit auch über seine fokussierte
Programmatik, engagierte Ausstellungspolitik und deren konsequente Umsetzung
durch den leidenschaftlichen Stadtflaneur Wolfgang Kos (und sein Team)
leistet.
Anmerkungen:
1
Die Institution umfasst neben dem Haus am Karlsplatz, das sich bis 2003
»Historisches Museum der Stadt Wien« nannte, noch über
zwanzig kleinere Schauräume; dazu gehören etwa die Hermesvilla
im Lainzer Tiergarten, die Modesammlung in Schloss Hetzendorf oder die
Mozart-Gedenkstätte Figarohaus.
2 Für Österreich ist dies die erste umfassende Ausstellung zur
Street Photography, die aber immerhin auch einen Sammlungsschwerpunkt
der 1999 gegründeten Fotosammlung der Wiener Albertina darstellt.
Ein Teil dieser Bestände (u.a. Fotografien von Friedlander, Klein,
Winogrand, Meyerowitz) wurde 2007 im Rahmen der Ausstellung »Blicke,
Passanten 1930 bis heute« erstmals gezeigt, s. Camera Austria
99/2007, S. 86.
3 In Camera Austria wurden bislang über 50 Beiträge zu einzelnen
Positionen der amerikanischen Street Photography bzw. einschlägige
Rezensionen publiziert, zuletzt etwa in: Camera Austria 79/2002, S. 88f.,
Camera Austria 102/2008, S. 93f.
© Marie
Röbl, 2009 / www.textezurfotografie.net
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