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Im Rahmen des Lehrgangs Digitales Sammlungsmanagement
an der Donau Universität Krems (Leitung: Oliver Grau, DUK; und Harald
Krämer, Universität Bern/ Universität Konstanz) stellte
sich dieses Projekt die Aufgabe, digitale Archive fotografischer Bestände
an Wiener Institutionen aus der externen Benutzerperspektive zu vergleichen.
Untersucht wurden die Strukturen, Kategorisierungen und Beschlagwortungsmethoden,
wie sie sich in den Objektdatensätzen bzw. Dateneingabefeldern, Suchmasken
und Ausgabeformularen der jeweiligen Datenbank-Managementsysteme manifestieren.
Der Aufsatz diskutiert sammlungspolitisch relevante Parameter anhand von
Recherchen am Bildarchiv Austria (Österreichische Nationalbibliothek)
und an der Fotosammlung Albertina.
1. Problemsetting
Die Entscheidungen einer Institution für eine spezifische Katalogisierungspraxis
zur digitalen Erschließung und Verwaltung ihres Bildarchivs hängen
immer mit den jeweiligen Sammlungsschwerpunkten und Nutzungszielen zusammen.
Gleichwohl schlagen sich diese Faktoren auch in Datenbankstrukturen nieder,
die ohne vorhergehende Ist-Analyse, Soll-Konzeption oder Pflichtenhefterstellung
gewachsen sind 1. Den sammlungspolitischen und -historischen Bedingungen
liegen ihrerseits wiederum Bewertungen der Fotografie zugrunde, also ideelle
wie ökonomische Bedeutungszuweisungen 2. Gerade die Fotografie
erfährt als museales Objekt, als historisches Dokumentationsmedium,
als wissenschaftlicher Forschungsgegenstand, als Ware am Kunstmarkt und
im Bereich kommerzieller Bildvermarktung in den letzten Jahrzehnten eine
massive Umwertung 3. Daraus ergibt sich die Frage, welche längerfristigen
Auswirkungen diese unterschiedlichen Verwertungszusammenhänge oder
bildpolitischen Rollen, in denen Fotografie eingesetzt wird, auf die Sammlungspolitik
der verschiedenen Bildarchivierungsinstitutionen haben werden. In jüngerer
Zeit, in der sich die technologischen Möglichkeiten digitaler Bilderadministration
rapide entwickeln, verändern sich jedenfalls auch institutionelle
und operationale Modelle der Bewahrung, Erschließung und Distribution
digitaler Bilddaten 4.
Im Zuge des Projekts wurde versucht, den allgemeinen Befund der angesprochenen
Bedeutungszuschreibungs- und Wertungsprozesse anhand einiger konkreter
Symptome in digitalen Wiener Fotoarchiven nachzuweisen. So
wurde etwa die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, welche Erschließungsmethoden
welche Bildqualitäten in den Vordergrund stellen und welche Suchabfragen
sie begünstigen. Es stellte sich auch die Frage, ob die ökonomische
Wertsteigerung von Sammlungsobjekten (die auch im Zusammenhang mit ihrer
wissenschaftlichen Aufarbeitung steht) in den digitalen Katalogen Spuren
hinterlässt. Weiters, wie die Instrumente digitaler Inventarisierung
und Erschließung bzw. deren Anwender die steigende Bedeutung von
Autorschaft für fotografische Bilder berücksichtigen; oder,
ob bzw. wie sich ein zunehmendes Detailwissen über historische Fototechniken
in den digitalen Katalogen niederschlägt.
2. Untersuchungsansatz
Diese Untersuchung versteht sich als Pilotprojekt zur Entwicklung geeigneter
Parameter für den Vergleich von digitalen Katalogen an Fotosammlungen.
Als Untersuchungsfelder dienten zwei repräsentative Institutionen,
die sich in ihrer Sammlungspolitik deutlich unterscheiden, wenngleich
es Schnittmengen ihrer Bestände gibt: die Fotosammlung
Albertina und das Bildarchiv Austria der Österreichischen Nationalbibliothek
5.
Die Recherchen an den Institutionen wurden nach einem gleichbleibenden
Schema abgewickelt: Nach der Erhebung von Sammlungsgeschichte, -struktur
und -politik wurden die angewandten Inventarisierungs- bzw. Erschließungsmethoden
in Interviews in Erfahrung gebracht und schließlich gezielte Abfragen
in den allgemein zugänglichen Datenbanken angestellt. Dabei wurde
nach einem bestimmten Sujet gesucht, wobei vor allem Datenfelder genutzt
wurden, die Bildinhalte sprachlich wiedergeben, also dargestellte Gegenstände
und Bildmotive in Textform beschreiben oder über Begriffe verschlagworten.
Der Rechercheansatz einer Suche nach einem bestimmten Bildinhalt, -sujet
bzw. -thema hat ursächlich mit der Spezifik der Fotografie zu tun
als einem Medium, das wie kein anderes in vielfältigen gesellschaftlichen
Feldern kursiert, wobei der Zugang über den Bildinhalt gewissermaßen
den größten gemeinsamen Nenner darstellt, der für alle
Verwertungszusammenhänge fotografischer Bilder (wenn auch in unterschiedlichem
Ausmaß) Bedeutung hat. Das gesuchte Sujet sollte möglichst
spezifisch sein, um relativ rasch ähnliche Bilder finden zu können.
Daher wurde ein signifikantes Ikon gewählt, ein Wiener
Wahrzeichen: der Stephansdom, der die Folie für wichtige historische
Ereignisse bildete und seit langem ein beliebtes Motiv ambitionierter
Architekturfotografie sowie vieler Touristen, Fotokünstler und Reportagefotografen
darstellt.
3. Rechercheergebnisse
Bereits bei einer ersten Erhebung von Vorraussetzungen und Methoden der
digitalen Fotobestandsinventarisierung an verschiedenen Institutionen
zeigte sich, dass sich diese Bedingungen in einem Entwicklungsprozess
befinden, der nach seinen Anfängen vor einigen Jahren vielerorts
an einem Punkt der Reflexion oder Revision angelangt ist. Nach ersten
Projektfinanzierungen steht die Digitalisierung umfangreicher Bestandsteile
noch aus oder es wird nach verbesserten Methoden und Instrumenten der
digitalen Sammlungserschließung bzw. -verwaltung gesucht 6. Daher
dokumentiert diese Untersuchung nicht nur einen Ist-Zustand, sondern (implizit)
auch vergangene und zukünftige Lösungen der EDV-gestützten
Katalogisierung von Fotoobjekten. Unabhängig davon liegen die Objekte
von Sammlungen niemals alle gleichzeitig in derselben Erschließungstiefe
bearbeitet vor. Asynchronizität, d.h. die Konstitution eines Rahmens,
innerhalb dessen Daten, die dem Zeit- und Raumkontinuum der Erfahrungswelt
entrissen wurden und als Erinnerungsspeicher bewahrt werden,
liegt also (in mehrerlei Hinsicht) im Wesen des Archivs genauso,
wie sie als eines der zentralen Paradigmen des Fotografischen gelten darf:
Museen, Archive und neue Speichertechnologien, das meint insbesondere
die Fotografie, treten nicht nur historisch gleichzeitig auf den Plan.
Sie bedingen einander und funktionieren nach ähnlichen Prinzipien
7.
Die Unterschiede der beiden Institutionen hinsichtlich ihrer Sammlungspolitik
und Erschließungsziele zeigten sich deutlich an ihren digitalen
Katalogen bzw. Internet-Bilddatenbanken. Eine tabellarische Zusammenstellung
anhand der wichtigsten Vergleichsparameter (s. Tabelle 1 ist online
nicht verfügbar; s. Printversion im Rundbrief Fotografie)
zeigt einen Auszug aus einem umfangreichen Bericht, in dem alle Rechercheergebnisse
und konkreten Abfrageprozedere dokumentiert und bewertet wurden (die Angaben
in der Tabelle betreffen jeweils nur den fotografischen Sammlungsbestand).
Diese Dokumentationen wurden an den Institutionen sehr positiv aufgenommen
und auch zur Anregung für Verbesserungen oder programmtechnische
Fehlerbehebungen genommen 8. Da viele Details der Rechercheergebnisse
nur im operativen Handling an den Online-Bilddatenbanken oder anhand zahlreicher
Screenshots und Trefferlisten nachvollziehbar sind, seien an dieser Stelle
vier wesentliche Punkte herausgegriffen, die sich auch ohne Abbildung
referieren lassen 9.
3.1. Vergleich: Erschließungsschwerpunkt
Ihrem musealen und wissenschaftlichen Auftrag entsprechend, bietet die
Fotosammlung der Albertina detaillierte Informationen über den historischen
Kontext ihrer Objekte. Signifikant ist die Fülle von Datenfeldern
in der Einzelobjekt-Ansicht der Online-Bilddatenbank, wobei Benutzern
im Wesentlichen nur rechtliche bzw. administrative Objektdaten vorenthalten
bleiben. Praktisch alle verfügbaren Fotografien sind datiert, zugeschrieben,
mit rückseitigen Beschriftungen erfasst und die fototechnischen Verfahren
exakt bestimmt. Zusätzlich sind die Bildautoren mit Timm Starls Biobibliografie
mit Daten zu Fotopublikationen von 1839 bis 1945 verlinkt, der wohl profundesten
Online-Quellensammlung für einschlägige Forschung im deutschsprachigen
Raum [http://alt.albertina.at/d/fotobibl/einstieg.html].
Die Erschließung der Bildinhalte spielt dagegen nur eine untergeordnete
Rolle: Es gibt kein Datenfeld zur Beschreibung und der Titeleintrag gibt
meist nur kurze Angaben zum dargestellten Motiv.
Die Online-Plattform Bildarchiv Austria verschafft ihren Benutzern
Zugang zu einem umfangreichen und beständig anwachsenden Bestand
historischer Fotografie aus den Sammlungen der ÖNB sowie von drei
kooperierenden Institutionen und ermöglicht zudem eine unkomplizierte
Bestellung von kostenpflichtigen Downloads bzw. Reproduktionen. In der
Objekt-Dokumentation manifestiert sich deutlich der Vermittlungsauftrag
der ÖNB als Nationalarchiv und zentrale Dokumentationsstelle der
Geschichte und Topografie des Landes. Der Schwerpunkt der Objekt-Erschließung
liegt auf den Bildinhalten: Jedes Objekt wird in den Feldern Titel
und Beschreibung durch relativ umfangreiche Textangaben erfasst;
darüber hinaus sind die Bildinhalte mehrfach verschlagwortet. Dagegen
fehlen in den entsprechenden Datenfeldern häufig Einträge zu
Technik, Datierung und Zuschreibung der Objekte.
3.2. Vergleich: Abfragemodalitäten
Zur Nutzung der Eingabefelder der erweiterten Suche in der Online-Bilddatenbank
der Fotosammlung Albertina 10 sind fotogeschichtliche Vorkenntnisse
bzw. spezifische Abfragekriterien notwendig am naheliegendsten
ist zunächst die Auswahl eines Bildautors aus der Namensliste im
Kontextmenü. Für bildinhaltsorientierte Abfragen ist also im
Grunde die Schnellsuche ausreichend sie ergab bei einer Suche nach
Stephansdom (der nur in dieser Schreibweise in der Datenbank
vorkommt) dieselben Treffer wie bei einer Suche im Titelfeld in der erweiterten
Suchmaske. Ein Problem liegt darin, dass die Texteingabe im Titelfeld
nicht alles Dargestellte umfasst, während die Schnellsuche keine
Trunkierung erlaubt. Es muss also im Titelfeld nach Stephan*
gesucht werden, um auch ein Objekt angezeigt zu bekommen, das zwar den
Stephansplatz mit Stephansdom zeigt, aber nur ersteren im Titel nennt,
weshalb es bei einer Schnellsuche nach Stephansdom natürlich
nicht aufgerufen wird.
Die erweiterte Suchmaske im Bildarchiv Austria 11 umfasst in etwa ebenso
viele Eingabefelder, wobei hier aber auch das Volltextsuchfeld (Suchbegriff)
mit den übrigen Kriterien kombiniert werden kann. Es gibt viele Eingabehilfen
in Form von Auswahllisten bzw. Schlagwortkatalogen, die über Look-up-Buttons
und Drop-down-Menüs aufgerufen werden können. Bildinhalte sind
hier über vier verschiedene Kategorien anhand von Begriffskatalogen
beschlagwortet: Person, Schlagwort, thematische Klassifizierung, Ereignis.
Die Schnellsuche nach dem Suchbegriff Stephansdom ergab 220
Treffer, wo aber jene Objekte nicht darunter waren, in deren Datensätzen
das gewünschte Sujet in anderen Schreibweisen (z.B. St. Stefan) genannt
ist. Es ist nicht möglich, sich die Abfrageergebnisse etwa
nach Datierung oder Bildautor - geordnet anzeigen zu lassen.
3.3. Vergleich: Felder mit Wortlisten / Schlagwortkataloge
Der Schlagwortkatalog der Fotosammlung Albertina ist relativ schmal, er
enthält ca. 90 Begriffe, die einem heterogenen Begriffsfeld angehören
dieses umfasst Bildinhalte bzw. -gattungen (z.B. Akt, Arbeitswelt),
allgemeinere Themen (z.B. Archäologie, Religion), fotohistorische
Begriffe und Fachtermini (z.B. frühe Blitzlichtfotografie, inszenierte
Fotografie) oder fototechnische Bezeichnungen (z.B. Kamera, Phototechnisches
Muster, Reproduktion). Die Auswahlliste zum Feld Name enthält
130 Einträge, zum überwiegenden Teil sind dies Fotobildautoren
neben einigen Körperschaften (z.B. Königlich preußische
Meßbildanstalt).
Im Vergleich dazu ist der Schlagwortkatalog am Bildarchiv Austria deutlich
umfangreicher (ca. 350 Optionen) und vom Begriffsfeld her homogener: In
ihm finden sich im wesentlichen Begriffe, die Bildinhalte als Bildgegenstände
beschreiben (z.B. Armut, Bürgermeister); zusätzlich gibt es
noch eine Themenklassifikation (10 Optionen), einen Ereigniskatalog (ca.
200 Optionen) und einen Katalog dargestellter Personen allerdings
sind bei letzterem auch die Bildautoren bzw. alle im Zusammenhang mit
fotografischen Objekten relevanten Personen inkludiert (also z.B. auch
Albrecht Dürer, wenn ein Fotograf ein Dürer-Bild fotografiert
hat, zusätzlich zur Person, die Dürer eventuell porträtiert
hat), was zu einer unhandlichen Liste mit ca. 1000 Optionen führt.
3.4. Probleme: Vokabular, Thesauri
Anhand der Untersuchung der Erschließungsmethoden von Bildinhalt
und fotografischer Technik zeigten sich auch allgemeinere Sprachprobleme
in digitalen Bildarchiven. So wurde die Erschließung des Bildinhaltes
als Problem der Katalogisierung von fotografischen Objekten besonders
deutlich. Im Interview äußerte sich Peter Prokop vom Bildarchiv
an der Österreichischen Nationalbibliothek dazu folgendermaßen:
Unterschiedliche Vokabulare der Beschreibung und die unterschiedliche
Kategorisierung der Objekte durch die jeweiligen Bearbeiter führen
selbst unter Verwendung normierter Begriffe zu inhaltlichen Inkonsistenzen.
Für das hier gewählte Suchszenario gäbe es eine Lösung,
die in den Datensatzstrukturen von beiden untersuchten Institutionen angelegt
ist, allerdings in der Praxis nicht wirklich genutzt (d.h. nicht systematisch
befüllt) wird, und zwar das Feld Dargestellter Ort; hier
könnte aber nur ein kontrolliertes Vokabular zu eindeutigen Abfrageergebnissen
führen, also wenn sowohl bei der Dateneingabe als auch bei der Auswahl
der Suchkriterien eine vorgegebene Option etwa Österreich,
Wien, Stephansdom als Eintrag aus einer Liste übernommen
würde, was außerdem bereits die Eingabe erleichtern würde.
Eine andere Möglichkeit bildinhaltlicher Erschließung, die
in den beiden untersuchten Wiener Fotokatalogen keine Anwendung findet,
ist die Klassifikation nach einem standardisierten System, wie etwa das
Marburger Inventarisierungs-, Dokumentations- und Administrationssystem
MIDAS 12.
Eine ähnliche Problematik betrifft die Dokumentation der fotografischen
Verfahren, die meist unter dem Datenfeldnamen Technik/Bildträger
erfasst werden. Dies ist jenes Feld, in dem ein Thesaurus die größten
Vorteile brächte. Abhängig vom Erschließungsauftrag einer
Institution gibt es natürlich Unterschiede darin, wie konsequent
technische Angaben bestimmt und dokumentiert werden können. Jedenfalls
fanden sich in beiden Datenbanksystemen überaus viele Angaben zur
Technik, wobei redundante Einträge bzw. inkonsequente Schreibweisen
und Begriffsstrukturen gezielte Abfragen mitunter sehr erschweren. Dass
ein derartiger Thesaurus in beiden Institutionen nicht eingesetzt wird,
wird u.a. damit erklärt, dass der ATT Photography and Photographic
Processes and Techniques (der etwa 140 Begriffe enthält) noch
nicht übersetzt ist bzw. kein ausreichend umfassender und spezifischer
Thesaurus für den deutschsprachigen Raum vorliegt.
4. Schlussfolgerungen
Um einzelne Fotosammlungstypen in Bezug auf die hier relevanten Fragen
zu unterscheiden auch wenn diese in der Praxis nicht so deutlich
ein- bzw. abgrenzbar sind seien sie modellhaft gegenübergestellt:
| Fotosammlungstyp |
Museale Sammlung |
Dokumentationsarchiv |
Bildagentur |
| Erschließungsfokus |
Bildautor |
Bildinhalt |
Bildinhalt |
| Fotografie als... |
Intendiertes Werk in autorenspez. histor.
Entstehungskontext |
Sach- bzw. Ereignisdokumentation in
allg. histor. Kontext |
Ware / kontextu-alisierbares
Bildmedium |
| Ziel bzw. Konsequenzen |
Verwissenschaftlichung / Wertsteigerung |
Allg. Zugänglichkeit / Forschung |
Allg. Verfügbarkeit / Vermarktung |
| Datenfeldstruktur |
Viele spez. Felder, weniger Wortlisten,
ev. Thesauri und Klassifikationen |
Weniger Felder, mehr Wortlisten, ev.
Thesauri und Klassifikationen |
Wenige Felder, aber umfangreiche Wortlisten |
Bei einer musealen Sammlung liegt der Fokus auf (potenziell) zuschreib-
und datierbaren, fotografischen Werken. Dies manifestiert sich in einer
Vielzahl von Datenfeldern, etwa für autorenspezifische Informationen:
Künstler, Nation/Geografie (Lebensraum des Autors), Stempel und Beschriftung
(Signatur des Autors, d.h. historischer Autorennachweis), weiterführende
Links (spezifische Datensammlungen, Bibliografien). Für bestimmte
Felder eignen sich hier besonders Thesauri bzw. Normdateien, etwa TGN
(Thesaurus Geographic Names) oder PND (Personennormdatei) zur kontrollierten
Eingabe von Orts- oder Personendaten sowie Thesauri für fotografische
Techniken das profunde Fachwissen, das bei der Objektdokumentation
an musealen Sammlungen Anwendung findet, wird jedenfalls durch die Erstellung
bzw. Überarbeitung eines Thesaurus gebündelt. Das solcherart
systematisierte Wissen ist in Folge nicht nur sammlungsintern effizienter
umsetzbar, sondern schafft auch eine Basis für Vernetzung von Bildkatalogen
mehrerer Institutionen (dieser Gedanke liegt auch dem Konzept der ikonografischen
Klassifikation, etwa nach MIDAS, zugrunde).
Bei einem Dokumentationsarchiv liegt der Fokus stärker auf den Bildinhalten
bzw. den dokumentierten Orten, Objekten, Personen und Ereignissen. Dieser
Erschließungsschwerpunkt zeichnet sich in vielen Wortlisten ab,
die natürlich thematisch stark von der jeweiligen Ausrichtung der
Sammlung abhängen; ebenso wie die Erschließungstiefe in der
Objektdokumentation, wobei sich gegebenenfalls Klassifikationssysteme
bzw. Thesauri in obigem Sinne anbieten. Das Pendant zu den ersten beiden
Typen wäre eine Bildagentur, die Fotografien nach marktwirtschaftlichen
Kriterien sammelt, wobei der ursprüngliche Entstehungszusammenhang
nur noch eine juristische Rolle im Zusammenhang mit Verwertungsrechten
spielt (z.B. Corbis). Da die Bilder im äußersten Fall möglichst
für jeden Kontext verfügbar gemacht werden sollen, sind kontrolliertes
Fachvokabular oder komplexe Datenfeldstrukturen zur Objektdokumentation
überflüssig, die Archivierungs- bzw. Auswahlkriterien werden
durch die Nachfrage bestimmt und z.B. über einen offenen
thematischen Schlagwortkatalog realisiert.
Auf der Basis dieser typologischen Überlegungen kristallisieren sich
zwei Kriterien heraus, die jeden sammlungspolitischen Typus hinsichtlich
seiner Inventarisierungsmethoden prägen: einerseits die angestrebte
Erschließungstiefe in der Objektdokumentation und andererseits ein
(oft auch kommerzieller) Anspruch, der auf die Verfügbarmachung der
Bilder für möglichst viele Benutzer zielt, was man auch mit
Erschließungsbreite bezeichnen könnte. Die graduellen Unterschiede
in der konkreten Umsetzung dieser sammlungspolitisch relevanten Aspekte
schlagen sich dann in spezifischen Datenfeldstrukturen und Benutzer- bzw.
Kundenzielgruppen einer Institution nieder. Ein Diagramm soll die skizzierten
Zusammenhänge illustrieren, indem ein Nullpunkt der Objektdokumentation
und -veröffentlichung den Ursprung bildet, während Erschließungstiefe
und -breite als Koordinatenachsen fungieren (s. Tabelle 3 ist online
nicht verfügbar; s. Printversion im Rundbrief Fotografie).
Die maximale Ausprägung von Erschließungstiefe wäre eine
weitestgehende Dokumentation von Entstehungskontext und späteren
Verwendungszusammenhängen des Objektes; die maximale Ausprägung
in der Erschließungsbreite wäre die weitestgehende Verfügbarmachung
eines Objektes für jeden denkbaren Kontext. Im großen Feld
zwischen den Koordinatenachsen und den einzelnen Stufen der Umsetzung
von Objekterschließung und -veröffentlichung lassen sich dann
spezifische Sammlungs- bzw. Erschließungspolitiken anordnen, z.B.
wäre die oben angesprochene Bildagentur irgendwo vor den Massenmedien
angesiedelt und in geringer Erschließungstiefe, d.h. relativ weit
oben im Feld, zirka bei Beschreibung des Bildinhaltes. Noch weiter oben
stünden beispielsweise Internet-Fotoplattformen, wo die eingespielten
Bilder meistens zur Weiterverwendung freigegeben sind und von den Benutzern
selbst kategorisiert werden (sog. kollaborierte Klassifikation durch Tagging).
Ein Maximum in der Objekterschließungstiefe im Sinne
einer vollständig erschlossenen oder erforschten Fotografie gibt
es natürlich realiter nicht. Da die Fragestellungen an das Objekt
und die Relevanz dokumentierter Daten von wissenschaftlichen Paradigmen
abhängen, müsste man das Diagramm an dieser Stelle noch mehrfach
auffächern, um diese verschiedenen Ebenen von Erschließungstiefe
aufzuzeigen: Neben der Orientierung am Werkcharakter klassischer Kunst,
wo der Bildautor im Vordergrund steht, über die erwähnten Dokumentationsarchive
mit spezifischen bildinhaltlichen Interessen gäbe es auch noch andere
Möglichkeiten 13.
Wobei die abschließende Bemerkung erlaubt sei, dass prominente Autorschaft
jedenfalls der gewinnbringendste wertsteigernde Faktor für Fotografie
ist denn keine einzige Aufnahme eines noch so bedeutenden historischen
Ereignisses wird jemals so teuer gehandelt werden, wie etwa eine Fotografie
von Andreas Gursky, die Supermarktregale mit gestapelten Sonderangeboten
zeigt (99 cent, 2001 für 2,5 Millionen Dollar verkauft).
Dies führt letztlich dazu, dass auch an Dokumentationsarchiven und
Bildagenturen die Aufmerksamkeit für die Autorschaft fotografischer
Bilder steigt; wobei in diesem Sinne auch ein Sammler mit seiner individuellen
Auffassung von Fotografie und archivarischer Ordnung als bedeutungsstiftender
Autor und damit auch wertsteigernder Faktor gesehen werden
kann.
© Marie
Röbl, 2009 / www.textezurfotografie.net
Anmerkungen:
1
Zu den Entscheidungsfaktoren auf Basis einer Strukturanalyse zur Konzeption
bzw. institutionsspezifischen Anpassung eines Collection Management Systems
siehe Krämer, Harald: Museumsinformatik und Digitale Sammlung. Wien
2001, S. 29ff, S. 55123.
2 Schlögl, Uwe: Repräsentation
Gedächtnis. In: Im Blickpunkt. Die Fotosammlung der Österreichischen
Nationalbibliothek, Innsbruck 2002, S. 9: Sammlungen und Archive
sind immer zugleich Orte des Gedächtnisses, getragen von den Medien
der Speicherung und den Verfahren der Archivierung und Aktualisierung.
Das Archiv als kulturelles Gedächtnis artikuliert sich zugleich und
permanent durch seine Teilnahme an kommunikativen Prozessen (...), [es
agiert] als Zwischenspeicher der Erinnerung. Aus dieser Perspektive erweist
es sich als Sammelpunkt eines kollektiven Werte- und Normensystems, das
seine Stabilität durch die Festigung der kulturellen Identität
erhält.
3 Dazu siehe Crimp, Douglas: Das alte
Subjekt des Museums, das neue der Bibliothek. In: Ders., Über die
Ruinen des Museums, dt. von Rolf Braumeis, Dresden/Basel 1996, S. 8399.
Graf, Klaus: Reproduktionen historischer Fotos Kulturgut, keine
Ware! In: Rundbrief Fotografie, N.F. 2, 1994, S. 1721. Krämer,
Harald: Der ungeschliffene Diamant. Das Nationalmuseum für Photographie
in Kopenhagen. In: Eikon, 1998/99, H. 26/27, S. 8688.
4 Es wäre etwa dem prägenden
Einfluss bestimmter technologischer Paradigmen nachzugehen, die von Datenbank-
und Bildbearbeitungssoftware oder Scan- und Abfragetechnologie (z.B. content
based image retrieval) bzw. deren Entwicklern vorgegeben
werden. Dieser Blickwinkel auf den Zusammenhang von Sammlungspolitik,
digitalen Archivierungsmethoden und technologischer Entwicklung kann hier
aber nicht weiterverfolgt werden.
5 Es gibt freilich noch etliche weitere
Institutionen mit digitalen Fotoarchiven in Wien, wo man diese Untersuchung
weiterführen könnte: Fotosammlung des Stadt- und Landesarchivs,
Fotoarchiv des Technischen Museums, Fotobestände an verschiedenen
Abteilungen des Wien Museums, des Volkskundemuseums, div. Bildagenturen
(imagno), Fotosammlung des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung,
Fotoarchiv der Wiener Volkshochschulen, etc.
6 So laufen etwa im Wien Museum am
Karlsplatz mit seinen umfangreichen historischen Fotobeständen (etwa
von August Stauda) eben die Vorbereitungen für ein groß angelegtes
Digitalisierungsprojekt, im Zuge dessen auch ein neues Datenbankmanagementsystem
eingeführt wird.
7 Wolf, Herta: Das Denkmälerarchiv
Fotografie. In: Paradigma Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen
Zeitalters, hrsgg. von Herta Wolf, Frankfurt a.M. 2002, S. 349.
8 In einzelnen Details entspricht die
Recherchedokumentation, die im Herbst 2008 erstellt wurde, nicht mehr
dem aktuellen Status Quo. So befindet sich etwa die Bilddatenbank der
Albertina derzeit in Umgestaltung (die Funktionalität ist davon nicht
betroffen); im Bildarchiv Austria wurden seit den dokumentierten Abfragen
weitere Objekte online gestellt, d.h. die Trefferanzahl differiert geringfügig
von den im Herbst erhobenen Daten, und die Einträge mancher Auswahllisten
in den Kontextmenüs der Suchmasken verändert.
9 Die komplette illustrierte Projektdokumentation
im Umfang von ca. 60 Druckseiten wird auf Anfrage als pdf zur Verfügung
gestellt, allerdings nur bis zum Mai 2009 (danach wird an einer aktualisierten
und ergänzten Neufassung gearbeitet).
10 Über die Albertina-Website
gelangt man zur Bilddatenbank des Museums, wo die verschiedenen Sammlungsbestände
vorgestellt werden und sich das Eingabefeld für eine Volltext-Schnellsuche
in allen Abteilungen findet: http://gallery.albertina.at/eMuseum/code/emuseum.asp
Der Pfad zur Einstiegsseite für erweiterte Suchanfragen in der Albertina
Fotosammlung ist relativ umständlich:
http://gallery.albertina.at/eMuseum/code/emuseum.asp?style=browse¤trecord=1&newprofile=objects&newpage=search_basic&newvalues=1.
11 Von der Homepage des Bildarchivs
http://www.onb.ac.at/sammlungen/bildarchiv.htm
gelangt man über den Link Bestandsrecherche zur Seite
Bilddatenbank bildarchiv austria, wo über Reiter die
verschiedenen Suchmasken aufgerufen werden können:
http://www.onb.ac.at/sammlungen/bildarchiv/bildarchiv_bestandsrecherche.htm.
12 Dazu siehe Laupichler, Fritz:
MIDAS, HIDA, DISKUS was ist das?, In: Arbeitsgemeinschaft der Kunst-
und Museumsbibliotheken/AKMB-News, 4 (1998), Heft 2/3, S. 1824.
Download unter http://www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/6198
13 Dazu siehe Krase, Andreas: "Sowohl
Dokumentation als auch Kunst. Zur Umbewertung fotografischer Sammlungsbestände,
In: Rundbrief Fotografie, Sonderheft 6: Verwandlungen durch Licht. Fotografieren
in Museen, Archiven und Bibliotheken, 2001, S. 107120.
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