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Dass massenmediale Printpublikationen (Bildbände,
illustrierte Zeitschriften, Plakate, Postkarten, etc.) die wichtigste
Verbreitungsform fotografischer Bilder im 20. Jahrhundert waren, ist eine
Tatsache, die, gleichwohl bekannt, in der allgemeinen Wahrnehmung häufig
in den Hintergrund tritt etwa indem Fotografie dieser Epoche in
Ausstellungen oder auf Kunstmessen noch immer bevorzugt als isolierter
Vintage-Print vermittelt und gehandelt wird. Aber auch in der wissenschaftlichen
Auseinandersetzung gibt es erst in jüngerer Zeit vermehrt Forschungsansätze,
die der spezifischen Kontextualität der Fotografie ihrem Auftreten
bzw. ihrer Verwert- und Interpretierbarkeit in vielfältigen Zusammenhängen
und Erscheinungsformen als einer ihrer paradigmatischen Eigenschaften
wirklich Rechnung tragen.
Und so beginnt Michael Ponstingl, Kurator
an der Fotosammlung Albertina, sein Buch »Wien im Bild. Fotobildbände
des 20. Jahrhunderts« konsequenterweise mit methodischen Überlegungen,
zunächst mit einer kritischen Lektüre aktueller Definitionen
des Begriffs Bildband. Für Ponstingl gemischte Symbolsysteme, denen
nicht mit typologischen Gattungsabgrenzungen (Album, Fotoessay, illustrierter
Textband ...) beizukommen ist, da diese einem textzentrierten Verständnis
des Mediums Buch, dem Fotografie untergeordnet wird, und damit letztlich
einer »antagonistische[n] Modellierung der einzelnen Künste/Medien
und damit verbundene[n] Vorstellung über deren Aufgabenteilung«
verpflichtet sind. Anhand der Schriften von W. J. T. Mitchell legt Ponstingl
dar, dass eine ontologische Denkweise, wie sie historisch in Greenbergs
modernistischer Idee von Medienspezifität gipfelte, ideologische
Machtkämpfe verbirgt, während sie über gesellschaftliche
Werte ihre soziokulturelle Wirkmächtigkeit entfaltet. So wird ein
geschärfter Blick auf die Implikationen von Konzepten wie »Foto-
bzw. Künstlerbuch« oder den Dualismus von illustrativer versus
autonomer Bildverwendung gewonnen.
Es folgt ein instruktiver Abschnitt, der brauchbares Werkzeug zur Analyse
von »buchförmigen Foto-Text-Konfigurationen« zur Verfügung
stellt: Erläutert werden die verschiedenen Paratexte (Gérard
Genette), die diesen auf materieller, ikonischer, typografischer, faktischer
oder schriftlicher Ebene ihre spezifischen Bedeutungen bzw. semantischen
Rahmenbedingungen geben. So steuern und interpretieren etwa Layout, Format,
Titelformulierung, Einleitung oder Autornennung das Zusammenspiel von
Wort und Bild. Paratexte auf der faktischen Ebene wären etwa vertragliche
Vereinbarungen zwischen Herausgebern, Textautoren und Fotografen oder
andere pragmatische Faktoren (Verlags-, Vertriebsbedingungen ...).
Der Hauptteil beginnt mit einleitenden Worten zu jenem Thema, das die
vorgestellten Bücher eint: die Metropole Wien im 20. Jahrhundert,
wie sie sich in ihren kollektiven, formativen Stadtnarrativen (Musikstadt,
das Rote Wien, Wien um 1900...) sowie individualistischeren Mikroerzählungen
in Bildbänden zeigt. Die Gruppierung orientiert sich an den bestimmenden
touristischen, journalistischen, politischen, künstlerischen oder
wissenschaftlichen Interessen, die sich im jeweiligen Wien-Bildband artikulieren.
Aus historischer Perspektive, aber ohne den Anspruch einer paritätisch
ausgewogenen Berücksichtigung allen verfügbaren Materials, erarbeitet
Ponstingl im Zuge seiner Foto-Buch-Analysen eine Reihe von Detailthemen,
wie etwa die Erfolgsgeschichte der frühen Fotoagentur R. Lechner,
die mit ihren Ereignisreportagen seit 1889 das visuelle Gedächtnis
der Monarchie monopolistisch prägte; die Gegenüberstellung von
ethnografisch bzw. sozialdokumentarisch motivierten und Milieu-Reportagen;
verlags- und kommunalpolitische Hintergründe der von der Stadt Wien
finanzierten Bildbände und ihrer Narrative; Analysen von Wienbänden
künstlerischer Fotografie, etwa von Paul Albert Leitner, Friedl Kubelka
und Lisl Ponger.
Während sich fotogeschichtliche Forschung im Allgemeinen häufig
ohne grundlegende methodologische Vorarbeit der Aufbereitung ihrer Gegenstände
widmet, versucht Ponstingl mit der Vermittlung seines Materials auch die
Prozesse von Rezeption, Klassifizierung und Kontextualisierung selbst
zu reflektieren. Sein Buch verbindet Diskurse der Medien- und Sozialwissenschaften
mit profunder Sachkenntnis, ein umfangreicher Fußnoten- und Bibliografieapparat
liefert Weiterführendes. Die Abbildungen geben einen plastischen
Eindruck von den Buchobjekten, auch von deren Covers und Schutzhüllen.
Zudem zeichnet sich der Text durch eine bemerkenswert variantenreiche,
präzise und lesbare Sprache aus. So wird die Leserschaft in einem
angenehmen Tempo durch die vielfältig beleuchtete Materie geführt
(wie bei einer virtuellen Stadtbesichtigung) und mitunter auch durch etwas
ungebräuchlich gewordene Vokabel »erklecklich« vergnügt.
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MICHAEL PONSTINGL: WIEN IM BILD.
Fotobildbände des 20. Jahrhunderts.
Band 5 der Reihe »Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich«, hrsgg. von Monika Faber, Fotosammlung Albertina,
Wien.
Christian Brandstätter Verlag, Wien 2008.
204 Seiten, 21 cm x 21,5 cm, zahlreiche SW- und Farbabbildungen.
ISBN 978-3-902510-94-5
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© Marie
Röbl, 2009 / www.textezurfotografie.net
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