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1. Was wahrzunehmen ist
In zwei senkrechten Reihen sind rund 70 internationale Frauennamen in
Großbuchstaben an die Galeriewand geschrieben. Unter diesen Philosophinnen
und Malerinnen aus dem 15. bis ins frühere 20. Jahrhundert kenne
ich nur wenige bei umfangreicherem Fachwissen wären es wohl
mehr, kaum aber alle. Häufiger fallen mir zu einzelnen Beispielen
die bekannteren, männlichen Philosophen und Künstler gleichen
Namens ein.
Zwischen den beiden Namenskolonnen hängen 22 kleinformatige Fotografien
in einer losen orthogonalen Gruppierung, die an einen Stammbaum oder eine
vergleichbare diagrammatische Ordnung denken lässt. Die Fotografien
zeigen Frauenköpfe in Passepartouts mit ovalen Öffnungen und
erinnern an historische Brustbildporträts auch aufgrund ihrer
bleichen, beinahe schwarzweißen Farbigkeit bzw. digitaler Bildbearbeitung
(u.a. einem Solarisationsfilter). Allerdings wurden diese Frauen von hinten
aufgenommen und präsentieren statt identifizierbaren Gesichtern ihre
Hinterköpfe bzw. Haare und Schultern.
Darunter etwa in Bauchhöhe hängen zwei größere
Farbfotografien nebeneinander, die mehr Aufschluss über das Aufgenommene
geben: Ich erkenne eine Frau in einer Ateliersituation vor einem Gemälde,
die stehend ein Kleinkind am Arm trägt bzw. auf dem Schoß vor
sich stehen hat. Doch versinkt auch hier vieles hinter einem Schleier
von Dunkeltonigkeit. Unmittelbar über den beiden Bildern steht eine
handgeschriebene Textzeile ohne Satzzeichen an der Wand: »ein durchsichtiges
netz von intensitäten kein 10-kampf parler femme männer machen
müttersprache konzentrieren denken fehlen verschwinden vergessen
die trauer begehren in unserer mitte ein leerer raum und trotzdem versuchen
4 stunden am tag oder 48 stunden am stück oder immer«.
Weiters erklingt in Abständen eine Stimme mit den Worten »a
woman has strength to wait« ein Ausschnitt aus einer Tonaufnahme
der Avantgardefilmerin Maya Deren (19171961), in der sie von geschlechtsspezifischer
Zeitwahrnehmung, einer spezifischen »time quality of women«
spricht, die vom Warten (auf die Periode, die Geburt eines Kindes... )
gekennzeichnet ist.
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YASMINA HADDAD, »Was schweigt«, 2008.
Mixed Media Installation, Forumthing
Wien. |
2. Was nicht wahrzunehmen ist
Die einzelnen bildlichen, schriftlichen und akustischen Komponenten der
Installation haben neben ihren thematischen und ästhetischen
Beziehungen eines gemeinsam: sie alle verweisen auch auf Abwesendes,
Nichtgezeigtes oder Nichtausgesagtes. An den Bildern nimmt man dies auf
den ersten Blick wahr, aber es trifft auch auf die sprachlichen Elemente
zu.
So beziehen sich die aufgelisteten Namen zwar auf bestimmte, historische
Personen, doch die bloße Namensnennung verweist weniger auf die
spezifischen Leben oder Lebenswerke dieser Frauen, sondern macht eher
die Nichtbekanntheit solcher Informationen deutlich die noch bis
vor kurzem obligatorische Übernahme des Familiennamens des Ehemannes,
wodurch Generationenfolgen immer nur für Brüder, Väter,
Cousins etc. ablesbar bleiben, legt sich als Bild für patriarchale
Gesellschaftspolitiken vor die weiblichen Personen bzw. ihre gesellschaftliche
Identität.
Im Verbund mit den schemenhaft-bleichen »Nicht-Porträts«
lässt sich das Vergessene/Verschwiegene jedenfalls in vergangenen
Epochen ansiedeln. Für mich ist dieser erste Komplex als ein Erbe
deutbar, als eine fortwirkende Vorgeschichte einer im weiteren präsentierten/erzählten
Gegenwart, zu der ich die Worte von Maya Deren als verbindendes Zwischenglied
höre: Nachdem für die Vergangenheit die Mechanismen der Machtverteilung
(wenn auch nicht die dadurch entstandenen Verluste) abschätz- und
reflektierbar scheinen, gibt es dann, plötzlich und endlich, eine
Stimme eine Frau, die gewissermaßen ihre Stimme erhebt, deren
Leben und Arbeit ich einzuordnen vermag doch spricht auch sie von
unauflösbaren geschlechtsspezifischen Konstanten, die weibliche Produktivität
(jedenfalls in diesem Zitat) zu allererst über ihre Reproduktivität,
also ihre Mutterrolle, definieren.
Nun folgt in meiner Leserichtung das Bildpaar mit der Malerin und ihrem
Kleinkind im Atelier, hinter der ein großes Gemälde mit einer
gemalten Figur auszunehmen ist doch auch bei diesem zeitgenössischen
Beispiel verschwinden viele Details in der Unschärfe der Fotografie(n);
die Frau ist nicht als Individuum wiedererkennbar, und eine gewisse Unordnung
im Raum kann eher vermutet als betrachtet werden. So lese ich schließlich
den Text über den beiden Bildern. Hier wird im Stil einer persönlichen
Gedankennotiz, die auch Formulierungen aus der feministischen Literatur
(Julia Kristeva) aufgreift, von vielerlei Mangel gesprochen vom
Fehlen, Verschwinden, Vergessen, Versuchen, Begehren, von Trauer, leerem
Raum und Durchsichtigkeit.
In diesem zweiten Komplex der Installation, der der gegenwärtigen
Situation gewidmet ist, tritt also nun ein Aspekt der Individualität
bzw. Subjektivität hinzu; eine persönliche Haltung wird spürbar,
die sich allerdings nicht in biografischen (oder visuell-dokumentarischen)
Details eröffnet. Doch scheinen mir diese Auslassungen keine verschwiegenen
Indiskretionen zu sein als vielmehr eine Methode, um das, was schweigt,
auf eine abstraktere, allgemein gültigere Ebene zu heben.
3. Was schweigt
Schon der Titel der Installation macht mir klar, dass es Yasmina Haddad
nicht in erster Linie um die schweigenden (bzw. zum Schweigen gebrachten
oder zum Warten verdammten) Frauen geht, auch nicht nur darum, was von
der Kunst- und Geistesgeschichte verschwiegen wird; ebenso nicht primär
darum, was nachhaltig am Sprechen/Zeigen hindert sondern vielmehr
und genau im Wortsinn darum, was schweigt.
Was also hat keine Sprache, was kann nicht einfach gezeigt, gesagt, geschrieben
oder gemalt werden? Auch wenn es im Überblick über die Epochen
zunehmend mehr Künstlerinnen, mehr sprechende und schreibende Frauen
gibt, stehen sie doch weiterhin auf einem Posten, wo das Subjekt ihrer
Subjektivität unsicher, jedenfalls noch lange nicht zweifelsfrei
gegeben ist. Wohl nicht zufällig endet der Titel »Was schweigt«
nicht mit einem Fragezeichen und es sind auch keine eindeutigen
Antworten, die diese Arbeit von Yasmina Haddad vorgibt.
Stattdessen wird
vor dem Hintergrund eines Beziehungsgeflechtes aus verschiedenen historischen,
psychologischen, biografischen und politischen Feldern, aus denen heraus
frau schweigt oder wenigstens zu sprechen versucht oder begehrt
, etwas in genau der Vagheit sichtbar, von der es handelt: Wenn
etwa Frauen in der immer noch weitenteils bestehenden Unvereinbarkeit
zwischen ihren Rollen in Beruf oder Kunstproduktion, als Beziehungspartnerin
und als Mutter ihren berüchtigten Spagat vollführen, so entsteht
etwas wie eine »gefühlte Restmenge« an Nichterfülltem
oder nicht ausreichend Erfülltem, eine vage Sehnsucht oder ein sprachloser
Zweifel vielleicht könnte man sagen: ein »unscharfer«
Skrupel, der über ein individualpsychologisch erklärbares Gefühl
der Unzulänglichkeit hinausgeht. Denn es gibt auch oder gerade im
Zeitalter der Individualisierung trotz dem Bewusstsein über gesellschaftliche
Rollenkonstruktionen noch keine Sprache, die auf den vielfältigen
Ebenen dieser Situation funktioniert.
© Marie
Röbl, 2008 / www.textezurfotografie.net
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