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Die interessantesten Kinderbuch-Neuerscheinungen
zum Thema Kunst verfolgen zwei Wege, um bildende Kunst zu vermitteln und
eine entsprechende ästhetische Betrachtung anzuregen: So versammeln
Bildbände Abbildungen von gemalten Meisterwerken unter bestimmten
formalen Ordnungskriterien und laden zum aufmerksamen Schauen und Herstellen
von visuellen Bezügen ein; andere Beispiele erzählen spannende
Geschichten, in deren Fortlauf Kunstwerke sukzessive erforscht werden
(sollen).
Irgendwo dazwischen liegt die Reihe »Abenteuer Kunst« des
Prestel-Verlages, in der seit 1996 bereits an die 40 überschaubare,
reich bebilderte Künstlermonografien für Kinder erschienen.
Die verschiedenen AutorInnen erklären Kunst meist entlang biografischer
Narrative über die Künstlerpersönlichkeit (was übrigens
in der Tradition von Vasaris Vitae steht, der ältesten Beispiele
für Kunstgeschichtsschreibung); im Zuge der Bildbeschreibungen werden
auch realienkundliche Details und historische Hintergründe geliefert.
Der Titel der Reihe Abenteuer Kunst lässt sich auch
als Verweis auf die Auswahl der vorgestellten Künstler lesen. Sie
repräsentieren einen relativ kleinen Ausschnitt aus dem breit gefächerten
Spektrum »der Kunst« mit ihren verschiedenen Gattungen, Medien
und Epochen: Es überwiegen Maler jener Avantgarde-Bewegungen, die
das entwickelten, was heute Klassische Moderne genannt wird: Impressionismus,
Expressionismus, Symbolismus, Surrealismus und Abstraktion bis hin zu
einzelnen Beispielen der Neo-Avantgarde.
Das historische Konzept von Avantgarde selbst lässt sich, etwa über
seine zentralen Parameter von Originalität, Entdeckung, Novität,
mit dem Begriff des Abenteuers verknüpfen. Kindliche (oder »primitive«)
Kreativität, Spontanität und Unvoreingenommenheit dienten diesen
Kunstbewegungen vielfach als ein Orientierungsmodell, um Originalität
zu gewährleisten. Gleichwohl bleibt es schwierig, die (vormals) avantgardistischen
bildnerischen Verfahren wie etwa die Collage, das Spiel mit Zufall,
eine »naturferne« Farbwahl oder symbolistische Aufladung von
Gegenständen , die kindlichem Gestalten vermeintlich so nahe
stehen, anhand historischer Kunstwerke zu erklären. Es droht sowohl
auf der Textebene als auch im grafischen Design die Gefahr reißerischer
Plattitüden, die die Prinzipien der vorgestellten Kunst dekontextualisieren
(konkret: ihre Historizität vernachlässigen) und vorschnell
vereinfachen. Dennoch und trotz der unterschiedlichen Qualität
der einzelnen Titel bildet diese Reihe ein empfehlenswertes Kompendium
zum Einstieg in die Betrachtung moderner Kunst.
Vor kurzem wurden 12 Bände in der SZ-Bibliothek wiederaufgelegt.
Neben den üblichen Verdächtigen in obigem Sinne (Monet, Klimt,
Chagall, Klee, Marc, van Gogh...) findet sich ein einziger älterer
Künstler, Giuseppe Arcimboldo dessen Band mit dem Titel »Der
Apfel-Birnen-Kürbis-Mann« von Claudia Strand kürzlich
auch bei Prestel neu aufgelegt wurde. Dieser Künstler des Manierismus
passt bestens in die Kunstauffassung der Reihenkonzeption, wurde er doch
erst im 20. Jahrhundert von den Surrealisten wiederentdeckt, die ihn mit
ihrer Vorliebe für die Mehrdeutigkeit von Zeichen und Dingen vor
allem für seine allegorischen Personifikationen aus Pflanzen, Felsen,
Früchten oder Tieren und für seine Vexierbilder schätzten.
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CLAUDIA STRAND: ARCIMBOLDO.
DER APFEL-BIRNEN-KÜRBISMANN.
Prestel-Verlag, München/Berlin 2007.
Gebunden, 30 Seiten, 28,4 x 24,6 cm.
ISBN-10: 3791339397
ISBN-13: 978-3-7913-3939-9 |
Das Buch ist konsumierbar wie eine Power-Point-Präsentation: In
großen Headlines und Textblöcken unterschiedlicher Typografik
begleitet eine Art Impulsreferat die ganzseitigen Abbildungen.Eingangs
werden die Jahreszeitenbilder vorgestellt, zunächst der Frühling
als Puzzle, in das man zoomweise eintaucht. Kurze poetische Beschreibungen
dieser vier aus saisonalen Naturmaterialien zusammengesetzten Charakterköpfe
wechseln mit rhetorischen Fragen und lakonischen Ausrufen. Letztere lassen
den Text zu einer kurzweiligen Plauderei werden und erinnern im Tonfall
an altklugen Kindermund: »Der Winter guckt aber griesgrämig.
Aber sicher, dem ist ja auch kalt«. Mitunter nimmt die sprachliche
Annäherung an junge Leser ein Gespräch oder Nachdenken über
diese Bilder wohl eher vorweg als sie dazu anregt. (Wie völlig anders
funktioniert da der Band über Keith Haring, der authentische, hervorragend
ausgewählte Aussprüche von Kindern über die abgebildeten
Werke bereitstellt!).
Die verwunderte Frage nach diesem »eigenwilligen Zaubermaler«,
mit der die Präsentation der Jahreszeiten schließt, wird auf
der folgenden Doppelseite beantwortet, wo etwa zu lesen ist, dass er für
die »Public Relations der vergnügungssüchtigen Habsburger«
zuständig war. Schließlich folgen weitere Gemälde in ganzseitiger
Abbildung und Kurzbeschreibung: etwa ein Vexierbild, ein aus Büchern
arrangierter Bibliothekar und das Bildnis Rudolf II. als Gott Vertumnus
er ist der titelgebende »Apfel-Birnen-Kürbis-Mann«,
der auch das Cover beherrscht. Anhand der Personifikationen der vier Elemente
werden die vielen, verblüffend naturgetreu gemalten Tiere sowie ihre
Rollen als physiognomische Elemente benannt. Sie bilden Gesichter nicht
bloß aufgrund allgemeiner formaler Ähnlichkeit zu Körperteilen,
sondern verleihen diesen Büsten auch einen ganz spezifischen Ausdruck,
was sogar bis zur Porträtähnlichkeit gehen kann. Zudem repräsentieren
diese Köpfe als Allegorien auch Qualitäten des Habsburger Hauses
etwa militärische Stärke im Feuer-Bild. Und auf einer
metaphorischen Ebene, auf der auch sprachliche Bilder angesiedelt sind,
können Einzelelemente eine zusätzliche Bedeutung aufnehmen,
etwa wenn eine Kerze als Auge, eine Zündschnur als Stirn oder Kirschen
als Mund fungieren. Im Text ist zu lesen: »Was für eine Manier,
so zu malen! Der reinste Manierismus (...), da wollte man mit allen Regeln
brechen. Arcimboldo setzte dem noch ein i-Tüpfelchen an Witz und
Schalk darauf.«
Die auffälligste Veränderung der Neuerscheinung gegenüber
der Erstausgabe von 1999 ist die leider abfallende Abbildungsqualität:
Die Reproduktionen der Neuauflage wirken häufig wie von gleißendem
Licht »überstrahlt«; an den vom Maler gesetzten Glanzpunkten
und Höhungen, die wesentlich zur plastisch-realistischen Wirkung
seiner Gemälde betragen, reißt die Abbildung oft bis ins Weiß
auf. So ist etwa der im Original kontinuierlich dunkle Hintergrund bei
der Abbildung des sog. »Apfel-Birnen-Kürbis-Manns« von
weißen Reflexen übersät und die subtile Farbgebung Archimboldos
auf eine schmale, grelle Palette reduziert. Diese Reproduktionen lassen
Archimboldos gemalte Assemblagen viel flacher wirken als im Original
und nähern sie somit genau jener plakativ-witzigen Collagenhaftigkeit
an, für die diese Bilder von den Surrealisten 350 Jahre später
so geschätzt wurden und die diesem Künstler schließlich
zu einer beispiellosen Karriere im Kunstunterricht an Kindergärten
und Schulen verhalf.
Die rezeptionsgeschichtliche Blickverengung ist dem Kinderkunstbuch »Der
Apfel-Birnen-Kürbis-Mann« natürlich nicht anzukreiden
aber es scheint mir dennoch angebracht, hier klarzustellen, was
die Bilder des historischen Arcimboldo mit Sicherheit nicht waren: Seine
Konglomerate aus Früchten oder Tieren haben insofern nichts mit Collagen
zu tun, als dafür das Auffinden und Ausschneiden von reproduziertem
Material aus verschiedenen Kontexten essenziell ist, sowie die Konfrontation
dieser heterogenen Bildteile in einem Klebebild während Arcimboldos
Kunst darin besteht, ein komplexes, in sich schlüssiges Ganzes mit
den Mitteln der Malerei zu erfinden: Seine Kunst lässt die Malerei
als der Natur ebenbürtig erscheinen und präsentiert damit den
Künstler als Schöpfer von naturgleichen Kreationen, der einen
Herrscher ehrt, den er als Gott des Lebens und der Verwandlung darstellt.
Insofern verfolgte Arcimboldo durchaus ernsthafte künstlerische Ziele,
die mehr auf eine virtuose Naturwiedergabe und malerischen Erfindungsgeist
bauten, als auf bloßen Regelbruch und Ulk.
Es bleibt zu hoffen, dass Impulse wie dieses kurzweilige Buch zur Kunstbetrachtung
vor den Originalen anregen, wo den jungen Museumsbesuchern dann hoffentlich
auch Zeit und Raum zu selbständigem, lustvollem Schauen bleibt
Zeit, die nicht von vorgegebenen Fragen strukturiert und die Aufmerksamkeit
nicht zu sehr von vorgegebenen Modellen geprägt ist.
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CLAUDIA STRAND: ARCIMBOLDO.
DER APFEL-BIRNEN-KÜRBISMANN.
Verlag Süddeutsche Zeitung, München 2007
(Abenteuer Kunst Band 8).
Gebunden, 28 Seiten, 28,4 x 23,8 cm.
ISBN-10: 3866155840
ISBN-13: 978-3866155848 |
© Marie
Röbl, 2008 / www.textezurfotografie.net
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