texte zur fotografiemarie röbl    
     
   
         
 
   
 
RODTSCHENKOS NEUES MOSKAU. Ein historisches Buchprojekt; aufbereitet von Margarita Tupitsyn
Rezension der Neuerscheinung bei Schirmer/Mosel, München 1998
Publiziert in: Camera Austria 64 / 1998 (Graz), S. 111-2.

Das fotografische Œuvre von Alexander Rodtschenko, einem Pionier der Foto-Avantgarde der zwanziger und dreissiger Jahre ist bereits seit längerem bekannt – nicht zuletzt durch die grundlegende Studie von Hubertus Gassner (»Rodcenko. Fotograf«), die 1982 bei Schirmer/Mosel aufgelegt wurde. Im selben Verlag, der sich auch um die qualitätvolle Veröffentlichung so bedeutender Konvolute dieser Epoche wie Blossfeldts »Urformen der Kunst« oder Sanders »Menschen des 20. Jahrhunderts« verdient gemacht hat, erscheint nun ein neuer Rodtschenko-Band, der eine internationale Ausstellung mit Vintageprints begleitet (Margarita Tupitsyn: Alexander Rodtschenko. Das Neue Moskau. Fotografien aus der Sammlung L. und G. Tatunz, Katalog Sprengel Museum Hannover, München 1998).
Publikation wie Ausstellung widmen sich einem unrealisierten Buchprojekt von Warwara Stepanova, der Künstlerin und Mitarbeiterin (sowie Ehefrau) von Rodtschenko, in dem »Das Neue Moskau« präsentiert werden sollte. Die dafür vorgesehenen Fotografien wurden alle zwischen 1929 und 1932 aufgenommen, stammen also aus der fruchtbarsten Periode von Rodtschenkos Fotografen-Karriere, und wurden zum Teil auch schon in anderen Zusammenhängen publiziert. Der Wert der vorliegenden Publikation besteht in der umfassenden Rekonstruktion des historischen Buchprojektes anhand der ursprünglichen Maquette und der Originalabzüge; die Bilder werden also in der Abfolge und in den authentischen Montagen von Stepanova/Rodtschenko vorgestellt.

SW-Foto, 174 x 220 cm. ALEXANDER RODTSCHENKO, Arbat. Straßenverkehr, 1932. SW-Kleinbildfoto (Leica).

Moskau, Hauptstadt der neuen Union der Sowjetrepubliken, in der die künstlerische Avantgarde maßgebliche kulturpolitische Positonen übernehmen konnte, war eines der zentralen Themen Rodtschenkos, seit er 1925 zu fotografieren begonnen hatte. 1932 feierte die Stadt die Erfüllung des ersten fünf-Jahres-Plans und die neuen architektonischen und technischen Errungenschaften. Wie Tupitsyn ausführt, lässt sich an Rodtschenkos Begeisterung für Moskau eine nationale Ausrichtung der Avantgarde (nach ihrer vorwiegend transnationalen Orientierung in den zwanziger Jahren) ablesen. Abgesehen davon ließ sich gerade am chaotischen Getriebe der Metropole, das die Bewohner (oft zugezogene Landbevölkerung) mit einer permanenten Reizüberflutung überforderte, die konstruktivistische Neuorganisation der Wahrnehmung erproben. Denn schließlich sollte der Betrachter durch das Übungsfeld der neuen Fotografie zur Bewältigung genau jener Umwelt erzogen werden – durch die schockierenden Seherlebnisse, die aber durch »Rodtschenko’s Raster« (so der Titel von Tupitsyns Essay) in eine konstruktivistische Ordnung gebracht wurden, sollten Aufmerksamkeit, Flexibität und Reaktionsgeschwindigkeit gesteigert werden – nicht zuletzt, um den solcherart gewappneten Genossen besser in den Gesamtzusammenhang der neuen sowjetischen Gesellschaft (oder besser: der industriellen Produktion) einbinden zu können.

SW-Foto, 169 x 220 cm. ALEXANDER RODTSCHENKO, Feuerwehr-Parade auf dem Roten Platz, 1932. SW-Kleinbildfoto (Leica).

Der Fotoband zeigt deutlich Rodtschenkos Interesse, »Das neue Moskau« als sowjetisches Epizentrum der Moderne darzustellen: er fotografierte die eben fertiggestellten konstruktivistischen Bauwerke, Fabriken, Arbeiterklubs, Parks, den Moskauer Zoo, Studentenheime sowie die Moskauer Bevölkerung, meist in Paraden, bei der Arbeit, beim Sport, im Lesesaal, beim gemeinschaftlichen Verzehr des Kantinenessens oder seltener im Einzel-Porträt; ebenso finden sich Nachtaufnahmen, die die aufwendigen Illumnationen der neu elektrifizierten Stadt zeigen und Bilder vom städtischen Verkehr. Anfang und Ende des Fotobandes bilden jeweils Paraden: Ornamente der Masse, die sich in Rodtschenkos aufsichtigen, schrägen Perspektiven zu jenen dynamischen Kompositionen formieren, mit denen der Konstruktivismus die Statik des konventionellen Tafelbildes zu überwinden trachtete.

SW-Foto, 140 x 188 cm. ALEXANDER RODTSCHENKO, Balkone, 1925. SW-Kleinbildfoto (Leica).

Die einzelnen Serien sind in keine scharf abgegrenzten Kapitel oder Themengruppen unterteilt – in eine Folge von Fassaden sind Innenaufnahmen verstreut; in einer Serie mit spielenden Kindern ein Arbeiterporträt; die berühmten Architekturaufnahmen werden durch Straßenszenen unterbrochen. Auffällig ist, daß häufig auf abstraktere Aufnahmen aus stark gekippter Perspektive ein Foto vom selben Sujet in konventionellem Blickwinkel folgt (und zwar nicht auf der gegenüberliegenden Seite, sondern erst nach dem Umblättern zu sehen!). Besonders instruktiv ist die Rekonstruktion des ursprünglichen Publikationsprojektes auch, da sie erlaubt, Rodtschenkos faktografische Montagetechnik nachzuvollziehen. Diese Zweierkonstellationen sind quasi filmisch geschnitten – Großaufnahmen sind mit »Close ups« konfrontiert; Bilder mit ähnlichen Sujets aus unterschiedlichen Standpunkten sind kombiniert oder solche, die einen Bewegungsablauf in zwei verschiedenen »Stills« zeigen (diese Begrifflichkeit ist umso berechtigter, als Rodtschenko tatsächlich auch mit einer Filmkamera fotografierte, d.h. Einzelkader als Fotografien entwickelte; im übrigen hatte er bereits mit Vertov zusammengearbeitet, bevor er zu fotografieren begann). Diese engen Bildkombinationen wie auch das Gesamtprojekt machen deutlich, wie wichtig Rodtschenko die Serialität war, die Rezeption der Fotografie als Bildfolge, anstatt der kontemplativen Versenkung in ein Einzelbild.

SW-Foto, 179 x 220 cm. ALEXANDER RODTSCHENKO, Ochotnij-Straße, 1932. SW-Kleinbildfoto (Leica).

Stilistisch zeigen Rodtschenkos Moskau-Fotos zwei verschiedene Auffassungen: zum einen jene berühmten, aus krassen Blickwinkeln fotografierten Bilder, mit den vorherrschenden Kompositionsmustern von Diagonale und Hyperbel – die Diagonale dominiert den weit überwiegenden Anteil der Arbeiten (ob in Gesims- und Kantenfluchten bei Architekturaufnahmen, gekippten Horizonal- oder Vertikalachsen bei den häufigen Aufsichten, oder sogar in der Bildgewichtung von Porträts), die Hyperbelform beherrscht Aufnahmen vom Dynamo-Stadion, von aufsichtigen Kreuzungen mit Straßenbahnschienen, Massenaufmärschen oder Kinder-Tanzreigen.
Daneben finden sich – wennauch seltener – vergleichsweise ruhige, statische Bilder, meist in nahsichtigeren »Genre«-Aufnahmen, die Arbeiter beim Schachspiel oder Kinder beim Spiel zeigen; die überraschendsten Aufnahmen sind hier sicher die Tierbilder, die man einzeln betrachtet wohl kaum Rodtschenko (vielleicht eher Seidenstücker) zuschreiben würde.

SW-Foto, 188 x 220 px ALEXANDER RODTSCHENKO, Kinder im Moskauer Zoo, 1932. SW-Kleinbildfoto (Leica).

Diese formale Heterogenität könnte sich aus der Entstehungszeit des Fotobuchprojektes erklären, das genau in jenen Jahren zusammengestellt wurde als sich Rodtschenko mit heftigen Angriffen konfrontiert sah. 1930 entstand sein »Pionier mit Trompete«, ein aus starker Untersicht aufgenommener junger Trompetenbläser, an dem sich jener Formalismusstreit entzündete, der 1932 schließlich zum Ausschluss Rodtschenkos aus der Oktober-Gruppe führte. Inwieweit die didaktische Auflösung der abstrakteren, früheren Bilder in unmittelbar folgenden, »narrativen« Aufnahmen auf ein Einlenken Rodtschenkos zurückzuführen ist, muss aber offen bleiben. Denn schließlich gab Rodtschenko, auch nachdem er von offizieller Stelle als staatlicher Fotojournalist unter Vertrag genommen worden war, die formalen Methoden seines frühen Fotostils nie ganz auf.
Margarita Tupitsyn darf als Spezialistin für jene Phase der sowjetischen Kulturpolitik bzw. Kunstentwicklung gelten, die sie selbst den Übergang von der »Faktographie zur Mythographie« nannte. Mit diesem Band leitstet sie einen wichtigen Beitrag zur Geschichte dieses Umschwungs, der sich in den Debatten um die Position Rodtschenkos – zwischen avantgardistischem Vorreiter und offiziellem Staatskünstler – schon früh ankündigte.

© Marie Röbl, 1998 / www.textezurfotografie.net

 

Themen / Schlagworte:
Architekturfotografie, Historische Avantgarde,
Konstruktivismus, Montage, Neues Sehen,
Serialität / Sequenz, Stadt / Urbanität

Künstler:
Aleksandr M. Rodtschenko (UdSSR, 1891-1956)