|
Auf der ersten gemeinsamen Reise inszeniert
sich ein junges Paar als Vanitasmotiv: einmal Friedl, dann Peter Kubelka
vor den berühmten Mumien in der Krypta des Doms von Venzone, am 14.
Februar 1975. Bei verheerenden Erdbeben im folgenden Jahr wurden die friaulische
Kleinstadt sowie der Dom fast völlig zerstört.
Auf den vermeintlichen Urlaubsschnappschüssen erscheinen die gruppenweise
in Vitrinen aufgestellten Mumien fast wie Tänzer. Ihre unterschiedlichen
Kopf-, Arm- und Fußhaltungen wirken wie elegante Bewegungen, ihre
eingefallenen Mund- und Augenhöhlen wie expressives Mienenspiel,
und die grotesken weißen Spitzenschürzen verstärken den
Eindruck von Lebendigkeit. Im Kreis dieser Untoten stehen die Kubelkas in statuarischen Posen frontal
zur Kamera ausgerichtet, wobei Ausdruck, Position und Aufnahmewinkel jeweils
leicht variieren er blickt ernst in die Kamera und verdeckt eine
Figur genau, ist damit der Mumienreihe gleichsam eingegliedert; Friedl
hat dagegen die Augen niedergeschlagen und hält die Arme in einer
Art Andachtsgeste (oder fröstelt auch nur), wobei ihr der Leichnam
dahinter lauthals lachend über die Schulter zu blicken scheint.
 |
 |
FRIEDL KUBELKA, Venzone, 1975. SW-Prints
auf Barytpapier, je 60 x 40 cm. |
Auch Friedl Kubelkas vielteilige Tages-, Jahres- und Gedankenporträts,
die für ihr gesamtes uvre von zentraler Bedeutung sind, entstehen
im Spannungsfeld von strengen konzeptuellen Vorgaben und kontingenter
Varianz der einzelnen aufgenommenen Situationen. Dabei wird die Beziehung
der Person(en) vor und hinter der Kamera auch jene zum imaginären
Gegenüber in der Selbstinszenierung konsequent hinterfragt.
Im wechselseitigen Rollentausch bei den »Venzone«-Aufnahmen
manifestiert sich dies en miniature. Die spezifischen inhaltlichen
Implikationen des Motivs bieten Anlass für noch weitreichenderes
Nachdenken über Polaritäten und ihre wechselseitigen Zuordnungen
oder Beziehungsgeflechte, wie sie die Gender- und Fototheorie beschäftigen:
Mann Frau, Leben Tod, Schwarz/Schatten Weiß/Licht,
Bewahrung/Beständigkeit Stilllegung/Vergänglichkeit,
Körper Leib oder Eros Thanatos.
© Marie
Röbl, 2008 / www.textezurfotografie.net
|