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Der Fotoband Nachtland präsentiert
siebenunddreißig, durch fortlaufende Nummern bezeichnete, jeweils
randlos und rektoseitig gedruckte Farbaufnahmen im Querformat. Diese zeigen
anonyme Bürogebäude, Lagerhallen, Parkplätze und andere
menschenleere, aber niemals "naturbelassene", Orte. Emanuel
Raab fotografierte nachts oder in der Dämmerung bei sog. available
light und nahm dabei die vorhandenen Leuchtkörper häufig selbst
mit ins Bild. Da er bei seinen Langzeitbelichtungen auf Filter verzichtete,
wirkten sich auch die farblichen Effekte der unterschiedlichen Kunstlichtquellen
auf den Diafilm aus (sie äußern sich meist in Gelb-, Grün-
oder Rotstichigkeit).
Fotografie 01 scheint zunächst recht untypisch für das Folgende,
denn sie zeigt ein vergleichsweise idyllisches, privates Gartenhäuschen
in Jägerhüttenstil. Allerdings finden sich bereits in diesem
ersten Bild Anklänge jener Aspekte, die an Emanuel Raabs Nachtland
interessanter sind, als sein Beitrag zu einer Ikonografie poetisch aufgeladener
Nicht-Orte, in der sich zeitgenössische Fotografie von vergleichbarer
Thematik mitunter erschöpft. Das Motiv verweist auf Raabs vorangegangene
Publikation mit dem Titel /heimat.de (Verlag der Kunst, Dresden
2000); diese differenzierte fotografische Auseinandersetzung mit einem
prekären Begriff deutscher Kultur hatte u.a. die Anonymisierung von
Lebensraum bzw. die Normierungen von öffentlichem und privatem Raum
gezeigt.
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EMANUEL RAAB, Ohne Titel, 2002. Lambda-Print,
80 x 120 cm. # 01 aus der Serie »Nachtland«. |
In 01 manifestieren sich soziokulturelle Dimensionen wohl am deutlichsten
in drei gleißend-strahlenden Fenstern des Häuschens. Als einzige
Lichtquellen der Aufnahme leuchten diese gelben Zellen nur wenig Umgebung
aus, primär erhellen sie ihre eigene Struktur: Vor den Scheiben heben
sich Fensterkreuze ab und überall sind zusätzlich Metallgitter
angebracht, sei es um drinlebende Katzen oder eindringende Diebe zu halten.
Das blendende Licht erlaubt also keinen Einblick, sondern markiert eine
undurchdringliche Grenze zwischen einem geschlossenen, warm anmutenden
Inneren und einem weiten, dunklen Außen. Hier lässt sich ein
Thema von Nachtland ausmachen: Es geht häufig um Grenzen,
Schwellen oder Beschränkungen des Blicks wie des Zugriffs.
Schon auf der ikonografischen Ebene finden sich dazu zahlreiche Beispiele,
wie Glasfassaden, Fenster- und Türöffnungen, Zäune (08,
18, 19, 26, 34) und Schranken (02, 20); darunter auch seltenere Formen
von Durchlässen, wie die Schleusentore einer Lagerhalle zum Beladen
von Lkws mit schwarzen Gummivorhängen zur Abdichtung der Passage
(06).
Am folgenden Foto 02 bedeckt amorphes, graubraunes Gewölk den Großteil
der Bildfläche, auf der sich auch bunte, ringförmige Linsenreflektionen
abzeichnen. Es handelt sich offenbar um Gebüsch oder Laub in äußerster
Kameranähe, das an wenigen Stellen den Blick auf ein beleuchtetes
Gebäude im fokussierten Hintergrund frei gibt. Erst nach längerer
Betrachtung lässt sich eine Eingangssituation mit Schranken und Wachpersonal
entdecken. Die Aufnahme zeigt also eine doppelte Beobachtung, indem sie
mit dem Bewachungsszenario auch die Aufnahmesituation, den Blickwinkel
des Bildautors, abbildet.
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EMANUEL RAAB, Ohne Titel, 2002. Lambda-Print,
80 x 120 cm. # 02 aus der Serie »Nachtland«. |
Indikatoren für die Bedingungen der Aufnahme bzw. den Standort des
Fotografen (oft eine Position im Dunkeln) finden sich in vielen Fotografien
von Nachtland; als solche fungieren etwa unscharfe Repoussoiremotive,
wobei die springende Schärfe die räumliche Distanz zwischen
Kamerastandpunkt und fokussiertem Blickpunkt deutlich macht. In einem
besonders eindringlichen Beispiel (07) überzieht unscharf sichtbarer
Maschendraht den gesamten Bildausschnitt; dahinter führt eine schwarze
Silhouette von gestapeltem Material ins Bildzentrum, wo blendend helle
Leuchtröhren eine bedrohliche Szenerie aus hermetisch geschlossenen
Lagerhallen und plastikbedecktem Lagergut in grünlichem Licht erscheinen
lassen. Jedenfalls ist das Themenfeld der Kontrollfunktion von Kunstlicht
zur Überwachung und Eigentumssicherung in mehreren Arbeiten gegeben;
der bildkonstituierende Blick des Fotografen ist dabei auf eine Weise
präsent, die Assoziationen an Industriespionage und Greenpeaceaktivismus
weckt (26, 37).
Ein weiterer Aspekt der Darstellung nächtlichen Kunstlichtes sowie
der dadurch kontrollierten und konstruierten Räume lässt sich
anhand des folgenden Bildes 03 erläutern: Es zeigt eine Ecke, wahrscheinlich
an der Rückseite einer Tankstelle, darin einen kleinen Betonsockel
mit Straßenlaterne, Staubsaugerstation, Mülltonne und Abflusskanal,
alles in penibler Ordnung. Ein perfektes, modellhaftes "Setting",
wie in einem Fotostudio aufgebaut und ausgeleuchtet. An den Schlagschatten
der Laterne lassen sich die Einfallswinkel jener Lichtquellen präzise
ablesen, die dieses Arrangement (mit)entwerfen, am Boden zeichnet sich
deutlich der Lichtverlauf ab. Indem hier Ausleuchtung prononciert vorgeführt
wird, werden auch genuin fotografische Paradigmen angesprochen, wie etwa
die Bildkomposition durch die Wahl eines Auschnitts aus dem Wirklichkeitskontinuum,
der im Bildformat zur geschlossenen Einheit werden kann.
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EMANUEL RAAB, Ohne Titel, 2002. Lambda-Print,
80 x 120 cm. # 03 aus der Serie »Nachtland«. |
Denn diese grundlegende Bedingung fotografischer Bildproduktion erfährt
in "straighter" Nachtfotografie eine besondere Zuspitzung: Durch
die Abhängigkeit von vorhandener Beleuchtung im schwindenden Umgebungslicht
ist eine Vorauswahl getroffen, ein Ausschnitt aus dem Dunkel. Freilich
kann dieses Szenario dann vom Fotografen weiter beeinflusst werden, beispielsweise
kann die Belichtungszeit ausgedehnt werden, bis am Foto scheinbare Taghelle
herrscht. In Raabs Bildern bleibt die Nacht aber immer als Schwärze
jenseits der Lichtkegel lesbar (36), und er bleibt damit beim Thema der
Sichtbarkeitsschwellen, das sich übrigens ebenso im bewussten Einsatz
von Unschärfe in seiner Bildgestaltung zeigt.
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EMANUEL RAAB, Ohne Titel, 2002. Lambda-Print,
80 x 120 cm. # 36 aus der Serie »Nachtland« (Ausschnitt
aus dem Originalformat!). |
In der Farbfotografie kommt bei Nacht- bzw. Kunstlichtaufnahmen ein weiterer
Moment hinzu, in dem sich spezifische Abbildungsprozesse der fotografischen
Apparatur abzeichnen: Die verschiedenen Farbtemperaturen unterschiedlicher
Lichtquellen (Glühlampe, Leuchtstoffröhre ...) und emulsionsbedingte
Effekte schlagen sich in Farbverschiebungen nieder. Der Abstraktionsprozess
fotografischer Abbildung wird damit exponiert bzw. erscheint deutlich
in seiner artifiziellen, in diesem Falle chemischen, Bedingtheit. Eines
der Hauptanliegen bei der Entwicklung von Farbfotografie der Natur
bzw. visuellen Wirklichkeitserfahrung näher zu kommen verkehrt
sich ins Gegenteil. Derartige Verfremdungseffekte finden sich in Nachtland
in nahezu jeder Aufnahme, wobei die golden schimmernde Oberfläche
eines Betonrohbaus (15), ein grasgrüner Himmel (09), eine kräftig
orangerote Fassade (22), und eine unglaubliche, in vielen Pastellfarben
schillernde Parkplatzecke (27) herausragen.
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EMANUEL RAAB, Ohne Titel, 2002. Lambda-Print,
80 x 120 cm. # 27 aus der Serie »Nachtland« (Ausschnitt aus dem Originalformat!). |
Die hier konstatierten Themen finden sich (neben anderen) in verschiedener
Gestaltungstendenz und Atmosphäre im gesamten Band. Bemerkenswert
ist die Bildabfolge, die narrative Sequenzen vermeidet und stattdessen
auf formale Kontraste und Variationen setzt. Die Bandbreite der Gestaltung
reicht von streng geometrischen, farblich subtil ausbalancierten Kompositionen
mit einer Tendenz zum abstrakten Flächenmuster bis zu dramatischen
oder sehr stimmungsvollen Szenarien im Dämmerlicht (30), die verschiedene
Assoziationsräume öffnen. Dabei gehört es zu den Qualitäten
von Raabs Arbeit, seine Fotografie in keiner der beiden Möglichkeiten
vollständig aufgehen zu lassen; in den besten Arbeiten sind vielmehr
beide Neigungen produktiv verschränkt. Wie Peter Weiermair in seinem
knappen Begleittext ausführt, ist es eine "multiple Lesbarkeit",
sowohl in formaler als auch ikonografischer Hinsicht, die diese Serie
auszeichnet.
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EMANUEL RAAB, Ohne Titel, 2002. Lambda-Print,
80 x 120 cm. # 30 aus der Serie »Nachtland« (Ausschnitt
aus dem Originalformat!). |
Ein zentrales fotografisches Gestaltungsinstrument, das Raab einsetzt
um "multiple Lesbarkeit" zu erreichen, ist Fragmentierung
nun allerdings in einem etwas anderen Sinn als oben angesprochen: Praktisch
in keiner Aufnahme ist der weitere topografische Kontext im Bild erfasst;
Fassaden und Baukörper sind häufig stark angeschnitten; der
räumliche oder (sub)urbane Zusammenhang ist weitgehend ausgeklammert.
Im Mittelpunkt steht also meist nicht das (architektonische) Motiv in
seiner städtebaulichen Umgebung, sondern ein Blickwinkel in seiner
fragmentierenden Sicht auf ein Motiv. So kommen Grenzen und Schwellen
mit aufs Bild, entweder als Sujet oder als implizit abgebildete, blickkonstituierende
Blende; als Gestaltungselemente betonen sie den artifiziellen Charakter
fotografischer Wirklichkeitsaneignung.
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EMANUEL RAAB, Ohne Titel, 2002. Lambda-Print,
80 x 120 cm. # 05 aus der Serie »Nachtland«. |
In Aufnahme 05 stellt Raab Sichtbarkeitsgrenzen bzw. -schwellen auf eine
Weise dar, die abseits von gegenständlicher Fragmentierung bzw. Entkontextualisierung
und abstrahierender Flächenkomposition funktioniert. Eine brachliegende
Grünfläche im Zwickel mehrerer Wege liegt entweder an einem
Hang oder wurde aufsichtig aus einiger Distanz aufgenommen. Abgesehen
von einem hellgrün reflektierenden Baum ist die gesamte Bildfläche
ausgesprochen dunkel, viele Details bleiben im Ungewissen. Im Bildzentrum
erstreckt sich ein schwach ausgeleuchtetes, an den Rändern sanft
auslaufendes "Sichtfeld". Es lässt allerdings Strukturen
mehr erahnen als erscheinen; langsam meint man Spuren, nieder getretenes
Gras, zu erkennen. Hier zeigt sich eine weitere Dimension von "Dämmerungsfotografie":
Die Prozesse des Erkennens, das Herausschälen bzw. Verschwinden gegenständlicher
Formen, ihr sukzessives Auf- bzw. Abtauchen in der Dunkelheit werden thematisiert.
Damit erweist sich Emanuel Raabs Nachtland als ein vielschichtiger
Katalog, der verschiedene Blenden und Schwellen von Sichtbarkeit mittels
Fotografie reflektiert also sowohl mithilfe fotografischer Mittel
als auch gebrochen durch das Medium und seine nicht nur technisch-apparative
Bedingtheit.
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EMANUEL RAAB: NACHTLAND.
Mit
einem Text von Peter Weiermair (dt./engl.)
Heidelberg: Kehrer Verlag, 2003
20,4 x 30 cm, 96 Seiten (o.P.), 37 Farbabbildungen
ISBN 3-933 257-77-8
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© Marie
Röbl, 2003 / www.textezurfotografie.net
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