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Der etwa 90minütige Vortrag gliedert sich in sechs Abschnitte; er
stellt den Dadaisten Raoul Hausmann (1886-1971) anhand seiner bildnerischen
Arbeit aus der Berliner Zeit um 1920 vor und beschäftigt sich in
der Folge vor allem mit dessen »dadasophischen« Texten. Dabei
kommen nicht nur die Dada-Manifeste zur Sprache, in denen Hausmann die
zentralen Werte »bürgerlicher Geistestradition« angreift,
sondern auch die späteren, weitgehend unbekannten Schriften. In ihnen
scheint der nihilistische, antimetaphysische Impetus der früheren
Werke von metaphysischen Fragen eingeholt - sie widmen sich »universalen
Gesetzmäßigkeiten« und den Möglichkeiten menschlicher
Erkenntnis.
I. DADAISMUS
Einführung in die Bewegung des Dadaismus, ihre Strategien und Methoden;
v.a. Erläuterung der »nihilistischen oder anarchistischen«
Tendenz sowie ihrer metaphyischen Implikationen. Verweis auf Greil Marcus,
der den Dadaismus als einen »gnostischen Mythos« bezeichnete,
»den Versuch also, die zentrale Frage der Erkenntnistheorie in einem
Kraftakt zu klären, die Frage nach der Möglichkeit der Einsicht
in das Übersinnliche, Transzendente«. Überleitung zu Hausmanns
Ideen in diesem Zusammenhang, die die Philosophie und Erkenntnistheorie
ebenso berühren, wie die Kulturgeschichte, die Soziologie, die Ethnologie,
Anthropologie, Psychologie, Physik und Wahrnehmungstheorie.
II. RAOUL HAUSMANN
Referat der wichtigsten biografischen Daten zu Raoul Hausmann und seiner
Rolle in der Berliner Dada-Bewegung; weiters der Ausbildung und Lebensumstände
sowie Vorstellung der wichtigsten Mitstreiter und Kontaktpersonen (Hans
Richter, Arthur Segal, Conrad Felixmüller, Salomo Friedlaender, Franz
Jung, Otto Gross, Ernst Marcus, Richard Huelsenbeck, Johannes Baader,
George Grosz, Hannah Höch und John Heartfield). Die Vielseitigkeit
seiner Interessen und Ambitionen deutet Hans Richter an, der Hausmann
folgendermaßen beschreibt: »Erfinder, Modeschöpfer und
Photomonteur, Optophonetiker und Klytämnestra-Komplex-Entdecker,
Welteislehre-Verfechter, philosophischer Photograph, photographischer
Maler, malerischer Dichter und dichterischer Schauspieler, schauspielender
Erotiker und erotischer Dadaist«.
III. DADA SIEGT!
Analyse der gleichnamigen Arbeit von Hausmann (s.u.), die seine theoretischen
und ästhetischen Interessen vorführt; die Widersprüchlichkeit
von Schattengebung, Größenmaßstab und perspektivischer
Darstellung der einzelnen, meist aus Reproduktionen geschnittenen Gegenstände
ergibt ein komplexes, a-logisches Raumsystem. Es scheint, als würden
die Zentralperspektive sowie Apparaturen begrifflicher und kalkulierender
Weltaneignung kritisiert; gleichzeitig aber galt Hausmann die Fotografie
als einzig berechtigte Mitteilungsform, etwa »zur mechanischen Steigerung
der Naturkräfte«. Seine Montage stellt das Bild selbst als
sinnstiftende Ordnung infrage, indem es seine rhetorischen Möglichkeiten
analog und bis zum Paradox diskutiert - und damit letztlich jede künstlerisch-bildnerische
Arbeit als Abstraktion kritisiert. Hausmann verstand den Dadaismus als
eine Gegenbewegung zur Abstraktion, die er als reduzierte Verkürzung
einer Erfahrung und außerdem elitäre Schöpferanmaßung
auffaßte.
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RAOUL HAUSMANN, Dada siegt! (Ein bürgerliches
Präcisionsgehirn ruft eine Weltbewegung hervor), 1920. Aquarell
und Fotomontage auf Velinpapier, 33,5 x 27,5 cm. |
IV. DADA IST MEHR ALS DADA
Einführung in die theoretischen Schriften Hausmanns zu gesellschaftspolitischen
Themen sowie zur Rolle des Dadaismus. Hausmann: »Das integrierendste
Moment des Dadaismus ist sein Streben fort vom kosmisch-metaphysisch gefaßten
Individuum zur Identität der Welt und der unsichtbaren Gesetze«.
Zentrale Begriffe der Texte dieser Zeit sind »Erleben« und
»Psychomorphologie«; Impulse dazu verdankt Hausmann Max Stirner,
Friedrich Nietzsche und Otto Grosz. Einzelne Problemstellungen Hausmanns
werden anhand verschiedener Schriften von Henri Bergson, Georg Simmel,
Oswald Spengler, Ernst Haeckel, Gustav Fechner und Wilhelm Wundt erläutert;
daraus wird deutlich, dass der vehement antimetaphysische Impetus des
Dadasophen langsam von der Frage nach »lebensgestaltenden Kräften
und Gesetzmäßigkeiten« eingholt wird.
V. DIE NEUE KUNST
Analyse des gleichnamigen Textes von Hausmann, in dem er seine post-dadaistische
Kunsttheorie entwickelt; er zweifelte daran, durch eine revolutionäre
Kunst die Gesellschaft ändern zu können und bedauert die »Lostrennung
der Kunst von den Urkräften des Lebens«; seine Suche nach »einer
neuen Sprache für unser wiedererwachendes kosmisches Bewußtsein«
rückt ihn in die Nähe der Grundsätze von »De Stijl«
und »Biomorphismus« - doch tatsächlich proklamiert Hausmann
(abseits von bildnerischer Kunst) die Bildung der fünf Sinne durch
»Présentismus«, »Haptismus« und die »Optophonetik«.
Er fordert »die Arbeit an den physikalischen und physiologischen
Problemen der Natur und des Menschen im Sinne einer universalen Verbindlichkeit«.
Erst durch dieses Neuerkennen der Grenzen auf einer neuen physiologischen
Basis könne die Kunst wieder zum lebendigen Anschauungsunterricht
werden. Folgerichtig widmet sich Hausmann zu dieser Zeit vor allem technischen
und naturwissenschaftlichen Fragen.
VI. UNIVERSALE FUNKTIONALITÄT
Mit diesem Begriff wird abschließend die erkenntnistheoretische Position
Hausmanns umrissen, die sich für ihn aus der Reflexion des Dadaismus
sowie spezifischer zeitgenössischer Einflüsse ergibt: Eine durch
physikalische Forschungen zu Schwingungen und Wellen sowie durch die Welteislehre
(Hanns Hörbiger) angeregte Begrifflichkeit ermöglichte ihm, über
»universale Gesetze« zu sprechen, die dem Menschen verborgen
bleiben (müssen), aber sich dennoch durch die morphologischen Strukturen
der Phänomene erahnen lassen: »Ein neues einheitliches großes
Weltbild muß vor allem die innere Gegenläufigkeit in allen Erscheinungen
aufdecken. Das Wesen des Seins oder vielmehr des Werdens ist die Übereinstimmung
des Geschiedenen. Es ist in sich gegenläufig, die Gegensätze der
Kräfte und Erscheinung hervorrufend, und ihre Entsprechungen äußern
sich für uns in der höheren Einheit der universalen Funktionalität.«
Obwohl sich Hausmanns Polemik gegen den Logos, also gegen die begrifflich/logische
Vernunft, durch sein gesamtes Werk zieht, ließe sich im Hinblick auf
Heraklits Begriff des Logos, seine Theorie von der universalen Funktionalität
tatsächlich auch als eine »Theorie an den Logos« bezeichnen
- Logos im heraklitschen Sinn war ja nicht das gesprochene Wort, oder die
menschliche Vernunft, sondern so etwas wie ein umfassendes Weltgesetz, das
bekanntlich dialektisch strukturiert war, und »zu dessen Verständnis
die Menschen nicht kommen, weder bevor sie es hörten, noch sobald sie
es gehört haben, obwohl alles nach diesem Logos geschieht« (Heraklit).
© Marie
Röbl, 1997 / www.textezurfotografie.net
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