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In ihrer Diplomarbeit präsentiert Olga
Sutterlüty Druckgrafik in einem spezifischen Setting, das die Lichtverhältnisse,
die Blickachsen und die räumliche Situation ihrer Rezeption entscheidend
prägt; kontextuelle Bedingungen von Ausstellungspräsentation
und -wahrnehmung sind somit als zentraler Bestandteil der Konzeption zu
sehen. Druckgrafische Gestaltung wird auf elementare Strukturen (Lineatur)
reduziert und nicht nur aus dem traditionellen Zusammenhang eines gerahmten
Einzelbildes oder aus ihrem Haupteinsatzgebiet in Print-Publikationen
gelöst, sondern auch von ihrem (im Normalfall opaken) Trägermedium;
in der Zusammenschau mehrerer Schichten von grafischen Elementen auf transparenten
Platten entsteht ein plastischer Effekt, ein Raum aus Grafik, der nicht
einnehmbar ist und ebenso wenig "bloß illusioniert".
Zwei Wände, die in architektonischer Verbindung mit dem Ausstellungsraum
und unter Nutzung seiner besonderen Bedingungen zu errichten sind, bilden
eine Art Zwischenraum. Die baulichen Einfügungen sind der vorgegebenen
Architektur in Anstrich und Mauerstärke weitgehend angeglichen und
sind weniger als Gestaltungselemente zu verstehen, sondern vielmehr funktional,
indem sie eine spezifische räumliche Situation zur Präsentation
von druckgrafischen Arbeiten schaffen. Der Abstand zwischen den beiden
raumhohen Wänden beträgt etwas mehr als Schulterbreite und ermöglicht
es, in den entstandenen Zwischenraum einzutreten; indes ist der Abstand
aber doch so schmal, dass man die beiden Wände auch als eine doppelwandige
oder zweischalige Wand auffassen könnte und den Raum dazwischen als
eine Art Hohlraum (wie zur Isolierung oder zum Befüllen mit Dämm-Material).
Im Inneren ist der schmale Raum von oben belichtet, wobei das Licht durch
farbig bedruckte Plexiglasscheiben fällt, die in mehreren horizontalen
Ebenen außer Reichweite angebracht sind. Die druckgrafischen Arbeiten
werden also auf durchsichtigem Trägermaterial und über den Köpfen
der Betrachtenden präsentiert. Demnach wird auf die herkömmlichen
Anwendungsgebiete und Verbreitungsformen von Druckgrafik verzichtet
mit der man üblicherweise in frontal-vertikaler Wandhängung
konfrontiert wird, neben ihrer zweifellos häufigsten Verwendung in
Printmedien und Buchpublikationen, durch die das Medium letztlich Objekten
einverleibt wird. Die Plexiglasplatten sind in gleichbleibenden Abständen
in der Art von Regalbrettern in schlitz- bzw. rillenartige Vertiefungen
der beiden Seitenwände eingeschoben; durch diese "Lagerung"
ist man in der Außenansicht an ein Archivierungssystem erinnert
jedenfalls spielt die funktionale Ästhetik der Präsentationsform
auf Gebrauchszusammenhänge an, die über den Rahmen von autonomer
"Hochkunst" hinausweisen.
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OLGA SUTTERLÜTY, O.T., 2003 (Installationsansicht).
Lithografie/Alugrafie auf beidseitig bedruckten Plexiglasplatten à
65 x 49 cm, Holzkonstruktion, Spanplatten, Oberlicht.
Gesamtgröße variabel (ca. 0,90 x 4 x 3 m) |
Die Plexiglasplatten sind beidseitig und in zwei verschiedenen Flachdrucktechniken
(in wechselnden Kombinationen) bedruckt: Lithografie, die auf dem glatten
Kunststoffmaterial eine spezifische Transparenz erhält, gewinnt durch
die entstehenden feinen Farbgradationen eine gewisse "Körperlichkeit",
gleichsam eine malerische Qualität. Die Offsetdrucke wirken vergleichsweise
grafischer und sind der fotochemischen Natur des Mediums gemäß
präziser in der darstellerischen Umsetzung. Beide Techniken
sind für einen Druck auf Kunststoff eher unüblich; gerade im
Vergleich mit dem für diesen Einsatz gängigeren Siebdruck ergeben
sie allerdings eine feinere Zeichnung und subtilere Farbgradation.
Die (druck)grafische Gestaltung, die Darstellung im engen Sinne, beschränkt
sich auf elementare Strukturen: Alle Platten zeigen ein ähnlich lockeres
Muster aus linearen, weitgehend parallel-laufenden Streifen bzw. Strichen,
an deren Binnenzeichnung die Unterschiede zwischen Lithografie und Offset-Technik
auf erwähnte Weise deutlich werden. Allerdings treten derartig detaillierte
Differenzen bei der Betrachtung in der gegebenen Präsentation in
den Hintergrund, denn durch die unvermeidliche Zusammenschau mehrerer
Platten verbinden sich die diaphanen Einzelelemente bzw. -schichten zu
einer Art Farbraum; die zeilenartige Struktur der Zeichnung verläuft
im übrigen quer zu den beiden sich gegenüberstehenden Wänden
und scheint diese zu "verweben"; ein Eindruck, der dadurch unterstützt
wird, dass die Plexiglasplatten rahmenlos in die Wände geführt
werden.
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OLGA SUTTERLÜTY, O.T., 2003 (Installationsansicht).
Lithografie/Alugrafie auf beidseitig bedruckten Plexiglasplatten à
65 x 49 cm, Holzkonstruktion, Spanplatten, Oberlicht.
Gesamtgröße variabel (ca. 0,90 x 4 x 3 m) |
Mit dem Verschmelzungseffekt der grafischen Muster der übereinander
angebrachten Einzelplatten werden zwei wichtige Paradigmen westlicher
Bildtradition überspielt, die Zweidimensionalität und die Tiefenillusion.
Die Durchsichtigkeit des Plexiglases erlaubt bzw. erzwingt die Wahrnehmung
aller Platten gleichzeitig; wennauch lediglich die untersten Scheiben
unmittelbar sichtbar sind, während alle anderen durch die jeweils
darunterliegenden gefiltert wahrgenommen werden. Raum wird hier mittels
grafischer Gestaltung also nicht illusioniert, sondern de facto, durch
Staffelung bzw. Schichtung, hergestellt: Die grafischen Strukturen besetzen
hinter- bzw. übereinander liegende Ebenen und markieren so eine räumliche
Zone, die betrachterseitig durch die unterste (ebenfalls bedruckte) Kunststoffplatte
abgeschlossen wird.
Dieser letzten Schicht könnte man eine "screen"-Funktion
zusprechen: ihre Oberfläche ist als einzige wirklich "visuell
greifbar"; die restlichen Schichten sind am Zustandekommen eines
Bildes beteiligt, dessen Ort mit ansteigender Höhenposition der Trägerplatten
zunehmend unbestimmbar wird. Die grafische Lineatur, die an einer isolierten
Platte klar, schlicht und vielleicht spärlich wirkt, erscheint in
der derart gestaffelten, multiplen Wahrnehmung undeutlich, dicht und amorph.
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OLGA SUTTERLÜTY, O.T., 2003 (Installationsansicht).
Lithografie/Alugrafie auf beidseitig bedruckten Plexiglasplatten à
65 x 49 cm, Holzkonstruktion, Spanplatten, Oberlicht.
Gesamtgröße variabel (ca. 0,90 x 4 x 3 m) |
Der entstehende Raumeffekt erinnert an die tiefenräumliche Wirkung
stereoskopischer Bilder, also an ein Raumbild, das im Prinzip durch das
Hintereinander von Gegenständen (und nicht durch Perspektivkonstruktion
eines homogenen Fluchtraums) entsteht, und dessen leicht unterschiedliche
Einzelbilder nur von einem fixierten Betrachterstandpunkt aus und in der
Zusammenschau räumlich wirken; weiters an das Phänomen der Luftperspektive,
das Landschaftsformationen mit zunehmender Entfernung sukzessive heller
und nebulöser erscheinen lässt.
Doch es gibt neben einigen anderen einen großen Unterschied,
in dem diese beiden Raumbildphänomene von Konstruktion und Wirkung
des hier entstehenden Raumeffektes abweichen: die Blickachse nach oben,
die es im übrigen fast unmöglich macht, von "Raumtiefe"
zu sprechen. Das "Fenster"-Paradigma westlicher Bildkunst, das
das Bild als illusionären Ausblick in eine imaginäre, bildräumliche
Realität versteht, arbeitet gemeinhin nur in horizontaler Richtung.
Der Blick nach oben wendet sich indessen niemals in die Tiefe, sondern
meist gen Himmel, einen Projektionsraum von visuell unbestimmbarer Entfernung,
wo mit Tiefe nur die Weite des Weltalls gemeint sein könnte.
© Marie
Röbl, 2003 / www.textezurfotografie.net
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