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Nach »Die bleichen Berge« (1993)
und »Reservate des Augenblicks« (1998) erscheint mit »Zivile
Operationen« nun die dritte großformatige Publikation des
Südtiroler Fotografen Walter Niedermayr, der vor allem für seine
Bilder vom hochalpinen Raum bekannt ist.
Mit »Zivile Operationen« werden erstmals verschiedene Werkkomplexe
anhand neuer Beispiele zusammengefasst, an denen Niedermayr bereits seit
längerer Zeit arbeitet: Alpinlandschaften (seit 1987), Innenaufnahmen
aus Krankenhäusern und Gefängnissen (»Raumfolgen«,
seit 1991), hochgeführte Autobahntrassen (»Artefakte«,
seit 1992) sowie »Rohbauten« (seit 1997).
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WALTER NIEDERMAYR, Rohbauten 2, 2001. Courtesy Galerie Meyer Kainer, Wien. 131 x 210 cm. Kat. Seite 99. |
Auffälligstes Merkmal von Niedermayrs Bildästhetik ist jene
spezifisch »bleiche« Farbigkeit, die durch Überbelichtung
bei der Positiv-Ausarbeitung entsteht (bei der Aufnahme selbst wird normal
belichtet). Anhand der Alpenfotografien untersucht Niedermayr das Einwirken
von Massentourismus und Freizeitindustrie auf vermeintlich unzerstörbare
Bergmassive. In der von Pisten, Hoteldörfern und Verkehrswegen erschlossenen
Landschaft werden die Hochgebirgszonen zu Reservaten künstlich
begrenzte, kontrollierte Bereiche zur »vorbehaltlichen« Aufbewahrung
von Schützenswertem, das oftmals als reiner Schauwert konsumiert
wird.
Das Reservat steht bei Niedermayr auch als Metapher für die fotografische
Fixierung von Augenblicken. So richtet sich sein Blick nicht auf anekdotische
oder mikrosoziologische Momente, sondern erfasst geräumige Ausschnitte
aus großer Distanz, in denen Menschen zu ameisengleichen Farbfiguren
in weiten, weissen Flächen werden. Die Tendenz zu zart gezeichneten,
abstrakten Flächenmustern wird häufig durch aufsichtige Perspektiven
verstärkt.
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WALTER NIEDERMAYR, Schnalstal-Gletscher
VII, 2000. Courtesy Galerie Meyer Kainer, Wien. 104 x 264 cm. Kat.
Seite 24+25. |
Gegen die Ansprüche auf Totalität oder Objektivität, wie
sie sich im geschlossen komponierten Einzelfotobild manifestieren, richtet
sich Niedermayrs sequentielle Arbeitsweise. Dabei wird kein Hauptmotiv
in den Mittelpunkt gestellt, sondern ein Landschaftsabschnitt über
mehrere minimale Standpunktverschiebungen hinweg »abgetastet«,
gewissermaßen ein filmischer Kameraschwenk in einzelne Shots zerlegt.
In der Präsentation bilden dann mehrere, einzeln gerahmte Abzüge
(aus derselben Aufnahmeserie) ein Arrangement, das in der Zusammenstellung
durchaus variabel ist. So kann eine Art Panorama entstehen, wobei das
Geländemotiv durch die Brüche bzw. Überlappungen zwischen
den Einzelbildern verzerrt auftaucht; dadurch wird die Konstruiertheit
von Raumwahrnehmung und Landschaftsbild bewusst.
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WALTER NIEDERMAYR, Artefakte 11 (Horikiri
Autobahn), 2000. Courtesy Galerie Meyer Kainer, Wien. 104 x 264 cm,
Kat. Seite 94+95. |
Mit der Erweiterung seines Arbeitsfeldes um urbane und öffentliche
Räume wird das Thema der Bewegung von Menschen im Raum weiter und
teilweise im übertragenen Sinn gefasst: die Trasse als Autobahn,
Leitungsführung, Behandlungsverlauf, Wegesystem; die Bewegung als
motorisierte Fortbewegung, auch fremdbestimmte Ortsveränderung sowie
als Abfolge von Lebensstationen durch diese metaphorische Ausdehnung
tritt eine spezifische Implikation der Bilderwelt Niedermayrs stärker
in den Vordergrund: die Frage nach der Kontroll- bzw. Definitionsmacht
über diese Ver- und Abläufe, die sich der kulturellen bzw. kodierbaren
Sphäre der Architektur zweifellos leichter einschreiben (sowie daraus
ablesen) lässt, als naturgemäß unwegsamen Gebirgen.
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WALTER NIEDERMAYR, Raumfolgen 26, 2002.
Courtesy Galerie Meyer Kainer, Wien. 104 x 264 cm, Kat. Seite 112+113. |
So spricht der Titel »Zivile Operationen« nicht nur von chirurgischen
Eingriffen, sondern meint auch gezielte Verfahren anderer Art, wie gesellschaftliche
Mechanismen und Institutionen der Disziplinierung. Einerseits mutet es
bei einem derart Foucaultschen Ansatz unverzichtbar an, auch Haftanstalten
miteinzubeziehen. Andererseits scheint fraglich, ob die von Niedermayr
am hochalpinen Raum entwickelten (foto)ästhetischen Strategien, wie
etwa die »Zurücknahme der Bilddichte«, zu einer adäquaten
Darstellung der doch sehr anderen Bedingungen von Gefängnisräumen
geeignet sind. Während es etwa für die »Weißheit«
in den Gletscherbildern durchaus inhaltliche Gründe gibt, sind die
Lichtreflexe und Spiegelungen, die hier zu einer »Störung der
Verweisung« (Peter Geimer zit. Martin Heidegger) führen, doch
kaum mehr als eine rein ästhetische Zurücknahme der Abbildungsleistung,
Leerstellen, die wenig Erkenntnisgewinn bringen.
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WALTER NIEDERMAYR, Raumfolgen 39, 2002. Courtesy
Galerie Meyer Kainer, Wien. 104 x 264 cm, Kat. Seite 138+139. |
Letzteres lässt sich aber von dieser Ausstellung insgesamt
nicht behaupten, die dank der langjährigen Auseinandersetzung von
Kuratorin (Marion Piffer Damiani) wie Architekten (PAUHOF) mit Niedermayrs
Werk durch eine konsequente Auswahl und Raumgestaltung überzeugt
und erfreulicherweise eine ausgedehnte Tour antreten wird (Kunstverein
Hannover, 10.05.22.06.2003; Museum der bildenden Künste, Leipzig,
03.07.28.09.2003; Württembergischer Kunstverein Stuttgart,
15.11.200318.01.2004; Museum für Moderne und Zeitgenössische
Kunst Bozen, 30.01.04.05.2004).
© Marie Röbl,
2003 / www.textezurfotografie.net
WALTER NIEDERMAYR:
ZIVILE OPERATIONEN / CIVIL OPERATIONS
Hg. von Kunsthalle Wien u. Marion Piffer Damiani.
Mit Texten der Kuratorin, Franz X. Baier u. Stephan Berg (dt./engl).
Verlag Hatje Cantz,
Ostfildern 2003
168 Seiten, 34 x 28 cm, 207 farbige Abb.
EUR 49,80, sFr 83,-, EUA 51,20
ISBN 3-7757-1260-7
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