|
Der angloamerikanische Urbanismusdiskurs generiert
Wortschöpfungen, die verschiedene Aspekte der Globalisierungseffekte
beschreiben und jeweils auf ein bestimmtes Unternehmen zurückgehen:
neben McDonaldization und Las Vegasing dürfte McGuggenheimization
wohl eines der unsäglichsten Beispiele sein. Der Begriff der Disneyfication
wurde Anfang der Neunziger vom New Yorker Architekturtheoretiker Michael
Sorkin geprägt um eine Entwicklung zu beschreiben, die sich exemplarisch
an der Neugestaltung des Times Square zeigte.
Hier wurde deutlich, dass sich die Hegemonie des Disneykonzerns auf weit
mehr erstreckt, als lediglich auf die Ästhetik, das Wertesystem und
die bestimmenden Narrative der Unterhaltungs- bzw. Freizeitindustrie.
Disney ist Vorreiter in der großflächigen Privatisierung des
öffentlichen Raums in zentral geplanten, gestalteten und verwalteten
Shopping Malls, Urban Entertainment Centers und Themenparks.
 |
ROBERT STERN, Entwurf für die
Neugestaltung des Times Square, ca. 1992. Stern sitzt im Vorstand
des Disneykonzerns, für den er bereits zahlreiche Projekte realisierte. |
Gesellschaftspolitische Implikationen dieser Entwicklung manifestieren
sich in den Zugeständnissen der Behörden, die so weit gehen,
den finanzkräftigen Betreibern eine eigene Gerichtsbarkeit zu gestatten
unliebsame Stadtbewohner werden so nicht nur durch ökonomische
Barrieren ausgeschlossen, sondern durch eigene Ordnungshüter entfernt
oder dem Konzern über »Gemeinschaftsdienste« als uniformierte
Mitwirkende einverleibt.
Kennzeichnend für Disneyfizierung ist weiters eine spezifische Strategie
der »Wunschproduktion« als der weltweit zweitgrößte
Medienkonzern besitzt Disney unzählige Fernsehkanäle, Printmedien,
Musik- und Filmproduktionsfirmen; dies ermöglicht es, die Produkte
nun verstärkt auch Immobilien wechselseitig und in
unterschiedlichsten Kontexten zu bewerben. So propagieren etwa die »Golden
Girls« Ideale von Häuslichkeit und Lebensplanung, die Disneys
Pensionistensiedlungen zu erfüllen versprechen.
Auf diese Weise werden kollektive Vorstellungen geprägt und es wächst
nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das kulturelle Kapital des
Konzerns. Imageproduktion ist auch ein zentrales Interesse des Städtetourismus,
wobei eine angeregte (aber anständige!) Konsumtion von Sehenswürdigkeiten
nicht mehr nur dafür genutzt wird, gastronomische Einnahmen zu steigern,
sondern im Synergieeffekt auch auf andere Produkte abstrahlen soll.
 |
FRANK ROOST, Die Disneyfizierung der Städte. Großprojekte
der Entertainmentindustrie am Beispiel des New Yorker Times Square
und der Siedlung Celebration in Florida. Opladen 2000. Die Publikation
des Berliner Architektursoziologen Frank Roost lieferte den Kuratoren
einige Ausgangsthesen für ihr Projekt. |
Die Stadt, ehemals soziale Integrationsmaschine und Ort authentischer
Erfahrung des modernen Subjekts, wird also zunehmend zum Instrument von
Ausgrenzung und Segregation, sowie zum Pool zentral gesteuerter Bildproduktion.
Die Präsenz und Macht globaler Konzerne zeigt sich besonders an der
Vereinheitlichung urbaner Strukturen über vielfältige geografische
und politische Grenzen hinweg, freilich auch in Wechselwirkung mit lokalen
Gegebenheiten.
Hier nun setzt das Projekt »site-seeing« von Sönke Gau
und Kathrin Schlieben an, das den Effekten dieser Entwicklungen in Wien
nachspüren möchte. Dazu dienen zum einen fünf Vortragspanels,
die vom »Büro für kognitiven Urbanismus« (Andreas
Spiegl, Christian Teckert) an unterschiedlichen, sprechenden Sites verortet
wurden. In diesem Rahmen zeigte etwa der Historiker Siegfried Mattl, dass
manche Wurzeln der historisierenden Disney-Ästhetik in Wien liegen,
im Ringstraßenstil oder im Venedig-Nachbau im Prater von 1895, und
thematisierte die unterschiedlichen Voraussetzungen in den USA und Europa.
 |
ALEXANDER TIMTSCHENKO, Wild, wild West, 1997. Ilfochrome, in zwei
Größen. |
Unter den ausgestellten Arbeiten sind Alexander Timtschenkos Fassaden-Fotografien
von Themenhotels in Las Vegas die einzigen Beispiele für eine unmittelbar
bildliche Darstellung des Phänomens und sie machen einmal
mehr deutlich, wie kommentarbedürftig eine einzelne Fotografie als
soziopolitische Stellungnahme ist. Harun Farockis Dokumentarfilm »Die
Schöpfer der Einkaufswelten« gibt aufschlussreiche Einblicke
in Entscheidungsprozesse von Investoren und Architekten, etwa Diskussionen
um die Gestaltungsidee einer Shoppingmall oder zum Corporate Design eines
Trachtenlabels. Mehrmals taucht hier die Suche nach einer bestimmenden
Story, einem möglichst wirksamen Thema oder Image auf; in der Austauschbarkeit
dieser Bilder wird u.a. ein zentraler Aspekt von Disneyfizierung deutlich.
 |
HARUN FAROCKI, Still aus »Die Schöpfer der Einkaufswelten«,
2000. Video, Farbe, 72min. |
Sean Snyder recherchierte disneyfikante Auswirkungen der frühen
TV-Soap »Dallas«, die auch im kommunistischen Rumänien
gezeigt wurde. Ein betuchter Fan baute dort eine erstaunlich getreue Replik
der Southfork Ranch, und zwar allein nach den Fernsehbildern; die Kopie
geriet aber größer als das texanische »Original«,
denn dieses wurde mithilfe von speziellen Vergrößerungslinsen
gefilmt. Zum Vergleich von medial vermitteltem Raum und realer Kulisse
stellte Snyder Modelle der zwei Ranches auf.
Ein zweites Video von Snyder erzählt von einem kuriosen Zwischenfall,
als ein Wienbesuch von Larry Hagman im Jahr 1991 zufällig mit einem
OPEC-Treffen zusammenfiel. Ein Journalist kam auf die Idee, den Dallas-Hauptdarsteller
nach dem Ölpreis zu fragen Hagman zitierte schlagfertig einen
Phantasiepreis aus dem Dallasskript, worauf man einen Einfluss auf den
Realpreis befürchtete! Ein treffendes Beispiel für Simulationstheorien
à la Baudrillard, die eine integrale Verfahrensweise der Disneyfizierung
verdeutlichen. In die ähnliche Kerbe schlägt etwa auch ein Bericht
über Kinder aus Los Angeles, die regelmäßig nach Disneyland
fahren, lediglich um in den dortigen Kulissen »auf einer normalen
Kleinstadt-Straße« spielen zu können (aus einem Video
von Dorit Margreiter).
 |
PIA LANZINGER, »Playstation Vienna. Erobere Schritt für
Schritt die Erlebniswelten dieser Stadt«, 2002. Stadtrundgänge,
Installation, Postkartenleporello. |
Pia Lanzingers »Playstation Vienna« besteht aus einem Angebot
an Stadtrundgängen und einer Brettspielreise als Wand-Installation
mit Stationen wie »Event-Point: Vergeblich suchst du nach den Drehorten
von The Sound of Music. Zurück zum Start. Du hast Wien mit Salzburg
verwechselt«. Neben dem Informationsgewinn macht der Spielcharakter
deutlich, dass alle Beteiligten um die charmanten Fiktionen der Kulturstadtvermarktung
bescheid wissen, was deren Wirksamkeit keinen Abbruch tut.
Die grundsätzliche Problematik einer Vermittlung von komplexen gesellschaftlichen
Zusammenhängen durch Ausstellungen (ein Trend, den man für Wien
»Generali-zation« nennen könnte), sei anhand dreier Positionen
umrissen: Das Projekt »nach olympia« von Wiebke Grösch
und Frank Metzger liefert die Ergebnisse aufwendiger Recherchen in Olympischen
Dörfern, die als Modellstädte für eine multikulturelle
Gesellschaft städtebauliche Utopien seit den 30er Jahren abbilden.
Die darin zum Ausdruck kommenden Konzepte von Disziplinierung und Völkerverständigung
zeigen sich auch in der Nachnutzung, etwa als Studentenwohnheim (Grenoble)
oder Gefängnis (Lake Placid). So spannende, differenzierte Befunde
die zahlreichen Fotos und Textmappen enthalten, so schwer scheint deren
Vermittlung im Rahmen einer Kunstausstellung, so unklar bleibt
jedenfalls visuell - der Themenbezug.
 |
ANDREAS FOGARASI, »culturepark«, 2002. Installation
aus Leuchtkästen, Fotografien, Holzkonstruktion und Pflanzenarrangement. |
Andreas Fogarasis Installation »culturepark« präsentiert
hingegen eine Gruppe von attraktiven Objekten und evoziert mit diesen
einzelne Aspekte des Diskurses: Eine weissgestrichene Holzkonstruktion
ist sowohl als Scateboardrampe, als Screen sowie als Fotostudio-Kulisse
lesbar und eröffnet damit eine Assoziationskette, die in das Umfeld
von Disneyfication einführen soll. Grobkörnige Fotografien zeigen
den Blick aus einem Londoner Künstleratelier, wobei die Baustellen
im Umkreis suggerieren, dass es sich um ein aufstrebendes Stadtviertel
handelt Gentrification-Verdacht also, übertragen auf Wien
durch ein Pflanzenarrangement aus einer schicken Blumenhandlung, die unlängst
an der neuen Wiener Galerienzeile (Schleifmühlgasse) eröffnete.
Schließlich ruft eine »Disco im Berg« Pläne zur
Salzburger Guggenheimization ins Gedächtnis. Die Erkenntnisse, die
man aus derartiger Anspielungsästhetik gewinnt, bleiben auf dem Niveau
einer Vokabelprüfung.
 |
CHRISTOPH SCHÄFER, Still aus »Revolution Non Stop. Ein
Spiel mit den Resten der Überproduktion in den zukünftigen
Ruinen des Fordismus«, BRD 2000. 16mm, 19 min. |
Demgegenüber arbeitet Christoph Schäfers 16mm-Film »Revolution
Non Stop« mit einer bewussten Überforderung. Die Thesen etlicher
Theoriewälzer dienten als Drehbuchvorlage, Intellektuelle wie Sabeth
Buchmann sind die Schauspieler dieses Verwirrspiels, das versucht, die
Mechanismen von Toyotismus, Ausgrenzung und Entertainmentindustrie umzukehren.
Hier findet sich ein Erklärungsansatz dafür, warum Kunst mit
scheinbar kunstfremden Mitteln an Fragestellungen aus Soziologie, Gesellschaftstheorie
und Kulturwissenschaft arbeitet: »Nur Produkte, die die Vorstellung
emotional ansprechen, sind vermarktbar. Das ist die andere Seite von Globlisierung,
die neue Front: Subjektivität. Das Warenregime wird in den verstecktesten
Winkeln des Geistes errichtet. Was vormals die Kunst definierte, die Produktion
von Bedeutung, wird nun zur Basis der Ökonomie«.
© Marie
Röbl, 2002/03 / www.textezurfotografie.net
|