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Die Straße ist der wohl am vielfältigsten und nachhaltigsten
genutzte, gewissermaßen der "öffentlichste" Bereich
des öffentlichen Raums. Als Bühne des Alltags zeichnet sich
dieser historisch wie kulturell geprägte Ort durch eine Fülle
von bewegten und unbeweglichen Elementen aus, sowie durch die Unvorhersehbarkeit
der jeweiligen Konstellationen. Diese formalen, wie auch andere Merkmale
verdichten sich besonders auf städtischen Straßen. Anhand weniger
Figuren der urbanen Landschaft ließe sich etwa eine Geschichte der
Moderne entwickeln, die vom Flâneur über den Reporter zur Konsumentin
führt eine Geschichte, die natürlich auch Erklärungen
zur Geschlechterspezifität dieser paradigmatischen Figuren mitliefern
müßte.
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GARRY WINOGRAND, Los Angeles, 1964. |
Als ein symptombeladener Ort bzw. "Topos" gewinnt die Straße
mit ihrer fotografischen Repräsentation weitere Signifikanz. Denn
anlässlich der Straßenfotografie treten zentrale Dispositive
des fotografischen Mediums (Momentaufnahme, Ausschnitthaftigkeit, Unmittelbarkeit
etc.) in Wechselwirkung mit zentralen Kategorien moderner Ästhetik
(Zufall, Fragment, Chaos, Spontaneität etc.). Verschiedene Praxen
des Aufnahmeaktes schlagen sich in einer jeweils spezifischen Rhetorik
nieder, wobei einerseits die "pirschende Jagd" und andererseits
das präzise Adjustieren bzw. Ausponderieren eines Szenarios zwei
Pole bilden.
Was die Sujets bzw. Themen betrifft, impliziert das Genre, zumindest potenziell,
eine Reihe der klassischen fotografischen Gattungen, wie das Porträt,
die Architekturaufnahme oder die Landschaftsfotografie; vor allem aber
gibt es weitreichende Überschneidungen und Zusammenhänge mit
Reisefotografie, Reportage oder Sozialdokumentation. Diese zur Institution
gewordenen Aufgaben der Fotografie wurden nicht nur vonseiten der Theorie
bzw. Kunstwissenschaft seit den 1970ern kritisch hinterfragt, sondern
auch innerhalb der künstlerischen Praxis untersucht eine Entwicklung,
die sich ebenso, und mitunter besonders, an der Straßenfotografie
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt.
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OPEN CITY. STREET PHOTOGRAPHS SINCE 1950. Mit Texten von Russell
Ferguson u. Kerry Brougher (engl.). Hrsgg. v. Museum of Modern Art
Oxford / Hatje Cantz, Stuttgart 2001. 208 Seiten, 24,7 x 29 cm, 119
Abb. |
Die beiden amerikanischen Kuratoren Kerry Brougher und Russell Ferguson
stellten eine Ausstellung zur Straßenfotografie seit 1950 zusammen,
die nach drei Stationen in Europa nun im Hirshhorn Museum in Washington
(13.6. - 8.9.2002) gezeigt wird. Der Katalog ist durchaus als selbständige
Publikation empfehlenswert, da er durch die Qualität seiner zwei
fotohistorischen Aufsätze sowie seines umfangreichen Bildteils einen
guten Einstieg in das Thema und dessen Probleme bietet. Überdies
bildet "Open City" eine gute Ergänzung zur 1994 erschienen,
ersten umfassenden Darstellung der Straßenfotografie von Colin Westerbeck
und Joel Meyerowitz.1
Neunzehn, überwiegend arrivierte Positionen geben einen Überblick
über etwa 50 Jahre Straßenfotografie. Der unverholene Schwerpunkt
liegt auf Fotografen aus Amerika und Europa (v.a. England). Japan ist
durch seine zwei berühmtesten Straßenfotografen Araki
und Moriyama vertreten. Susan Meiselas (geb. 1948), Catherine Opie
(geb. 1961) und Nikki S. Lee (geb. 1970) belegen den geringen bzw. erst
in jüngerer Zeit steigenden Anteil von Frauen in der etablierten
Fotoszene. Der Einbezug des indischen Fotografen Raghubir Singh als Sonderposition
macht die mittlerweile bekannten, allerdings kaum überwundenen hegemonialen
Verhältnisse einmal mehr deutlich.
Vielleicht wäre es ehrlicher gewesen, die wenigen und ohnehin kaum
repräsentativen, nicht-westlichen Positionen weg zu lassen, und stattdessen
die Konzentration auf Amerika und Europa schon im Titel offenzulegen.
Denn im Grunde behandelt der Band natürlich nicht die Straßenfotografie
seit 1950.2 Vielmehr wird eine spezifische
Phase der Geschichte eines Genres und dessen Auflösung als Gattung
dh. als Kanon mit bestimmten stilistischen und wahrnehmungskulturellen
Implikationen vorgestellt.
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WILLIAM KLEIN, Gun 2, Little Italy, 1955. |
Der Moment der Entwicklung, mit dem "Open City" einsetzt,
ist ein überaus fruchtbarer, aber wohl letzter Höhepunkt des
Genres. Dieser wurde mit Robert Franks "The Americans" (1958/9)
und William Kleins "Life Is Good and Good For You in New York: Trance
Witness Revels" (1956) eingeleitet und in den Sechzigern am treffendsten
von Garry Winogrand repräsentiert. Konsequenterweise wird die in
der Nachfolge von Henri Cartier-Bresson arbeitende Tendenz der Straßenfotografie
ausgeklammert, auch wenn viele ihrer Vertreter erst nach 1950 wirklichen
Erfolg hatten und sich dieser anekdotische, humanistische Stil des "entscheidenden
Momentes" etwa innerhalb der Magnum-Gruppe noch lange
Zeit hielt. Stattdessen wird gezeigt, wie sich vor dem Hintergrund einer
desillusionierten oder ironischen Weltsicht, die sich zuerst im Kinofilm
manifestierte (der Titel, "Open City", spielt auf Rossellinis
"Roma, citta aperta" von 1945 an), ein neuer, schroffer Stil
zu Fotografieren entwickelte, der auf Eindeutigkeit in Aussage, Motivwahl,
formaler und narrativer Struktur verzichtete.
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ROBERT FRANK, aus: Les Américains (Paris 1958) / The Americans (New York 1959). |
Anhand von Ideen wie jener des drifting sowie verbesserten technischen
Möglichkeiten bildete sich eine Ästhetik in der Straßenfotografie
heraus, die dazu beitrug, den Status des Mediums und seiner Institutionen
etwa die Relationen zu Kunst, Fotojournalismus und Modefotografie
weiter zu differenzieren. Diese Fotografie lieferte scheinbar absichtslose
und un-komponierte, teils unscharfe und schwer lesbare Bilder in schlechter
Printqualität. Indem damit, neben anderen Implikationen über
Gesellschaft und Individuum, Spontaneität, Authentizität und
Zufall repräsentiert wurden, war ein neues Paradigma für
eine modernistische Fotokunst gewonnen. Inhaltliches Engagement oder vorbereitende
Auseinandersetzung waren verpönt, stattdessen sollten spontane Aufnahmen
lakonische Bilder aus der anonymen Menge isolieren. Die (meist männlichen)
Autoren schrieben sich nicht nur durch die Gestik ihrer Shots, sondern
mitunter auch durch materielle Eingriffe (bewusst "schlampiger"
Umgang mit Filmmaterial und Abzügen) ins Fotobild ein. Winogrand
konfrontiert schließlich seine Sujets häufig weibliche
Passanten aggressiv mit der Kamera. Abseits dieses Weges der Straßenfotografie
arbeitete man freilich auch an einfühlsamen Porträts bestimmter
Stadtviertel (Nigel Henderson) und an neuen fotoästhetischen Bildmitteln,
wie dem Einsatz von Farbe und unkonventionellen formalen Ordnungen (Eggleston,
Friedlander).
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LEE FRIEDLANDER, Lafayette, Louisiana, 1968. |
Eine nächste Etappe der Entwicklung manifestierte sich in kritischer
Auseinandersetzung mit der Tradition des Genres, dessen ostentativ anti-pikturalistisches
Vokabular mittlerweile zu einer modischen Attitüde geworden war.
Allan Sekula überwand etwa mit seiner "Untitled Slide Sequence"
(1972) die Dignität "entscheidender Momente" sowie die
Beliebigkeit formaler Findungen; auf der Basis eingehender fotohistorischer
Reflexionen arbeitet er an einer Re-politisierung fotografischer Dokumentation.
Jeff Walls großformatiger Leuchtkasten "Mimic" (1982)
greift die formalen Mittel von Cartier-Bresson und Frank auf. Der Zufallsfund
eines sprechenden Momentes wird hier allerdings sorgfältig inszeniert
bzw. (nach)komponiert. Damit und auch durch die Präsentation der
Arbeit werden die Paradigmen der Fotoreportage bzw. Straßenfotografie,
v.a. der Anspruch auf Authentizität, unterlaufen.
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JEFF WALL, Mimic, 1982. |
Für eine jüngere Generation (Struth, Streuli, Opie, Tillmans
und Lee) sind genretypische Verbindlichkeiten oder Bezüge vergleichsweise
unwichtig geworden. Denn schließlich haben sich die Verhältnisse
seit den Nachkriegsjahren stark gewandelt. Nicht nur die institutionellen
oder diskursiven Bedingungen der Fotografie sind andere, sondern auch
jene politischen und ökonomischen Faktoren, die das Straßenbild
und den urbanen Raum selbst bestimmen. Trotzdem gilt die Straße
immer noch als ein Schauplatz ein geradezu ideales Feld
für vielfältige Ambitionen zeitgenössischer Fotografie,
ohne dass diese damit auf einen Begriff zu bringen wäre.
© Marie
Röbl, 2002 / www.textezurfotografie.net
Anmerkungen:
1 Bystander: A History
of Street Photography with an Afterword on Street Photography Since the
1970s, Bulfinch Press 2001 (1994). In der Neuausgabe wurde der behandelte
Zeitraum durch ein Nachwort erweitert; dennoch unterscheiden sich Schwerpunkt
und Herangehensweise dieses Buches stark von Open City.
2 Beispielsweise fehlen Arbeiten von
Fotografen aus dem Osten (Boris Michailov, Jindrich Streit...) oder aus
dem spanischen bzw. lateinamerikanischen Raum (Cristobal Hara, Pablo Ortiz
Monasterio...). Man verzichtete aber auch auf so bekannte Straßenfotografen
wie Martin Parr, Tom Wood, Joel Sternfeld oder Henry Bond.
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