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Nachdem sie bereits mit zwei ersten Retrospektiven
auf das nahezu vergessene Werk von Cora Pongracz hingewiesen hatten1,
gaben Silvia Eiblmayr und Rainer Iglar nun auch eine entsprechende Publikation
heraus. Das Buch vermittelt mit etwa 160 Abbildungen einen umfassenden
Überblick über alle Jahrzehnte von Pongracz fotografischer
Arbeit seit den sechziger Jahren, wobei auch bislang unpubliziertes Material
aufgenommen wurde. Im Textteil finden sich neben dem Wiederabdruck eines
Artikels von Maren Richter (Erstveröffentlichung in Camera Austria
61/1998) zwei in den siebziger Jahren erschienene Katalogtexte von Reinhard
Priessnitz mit dem Pongracz verheiratet war sowie ein jüngst
verfasster Text von Ferdinand Schmatz, der die Arbeiten Pongracz
seit langem kennt und zudem als Herausgeber des Priessnitz-Gesamtwerkes
auch dessen nicht leicht lesbare Kommentare einzubeziehen wusste.
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CORA PONGRACZ, 0. T., 1998/2000 (S.112). |
Die Herausgeber konstatieren der Fotografie Pongracz durchaus relevante
Bezüge zu gegenwärtigen Tendenzen; namentlich zu jener künstlerisch-fotografischen
Praxis, »in der das Thema der zersplitterten Identitäten oder
das der prekären Beziehungen zwischen privat und öffentlich
eine herausragende Rolle spielen«. Auch im Hinblick auf Pongracz
Fotomotive wird deutlich, dass sie in jenen Genres arbeitet(e), in deren
Tradition bzw. in deren diskursiver Auflösung sich heute wichtige
Teile der Foto- bzw. Kunstproduktion abspielen: in der Life Style- bzw.
(Subkultur-)Szene-Fotografie sowie in der Auseinandersetzung mit dem Porträt,
also mit den angesprochenen Fragen zu Individualität und deren kulturell-sozialen
Prägungen bzw. zur Subjektkonstituierung2.
Vor diesem Hintergrund bleibt die Tatsache der langjährigen Nicht-Rezeptionsgeschichte
dieses uvres umso auffälliger, zumindest was eine kunsthistorische
bzw. publizistische Aufarbeitung betrifft. Die Gründe dafür
liegen wohl nicht nur in Ignoranz vonseiten des Kunstbetriebes oder an
Cora Pongracz mangelnden Public Relations, sondern sind vermutlich
auf spezifische Weise auch in ihrer Fotografie selbst begründet,
die mitunter zu Verwechslungen einlädt.
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CORA PONGRACZ, aus »Aktion Spermint«
(Otto Mühl), 1968 (S. 23). |
So wurden Pongracz serielle Arbeiten von Peter Weibel in den frühen
achtziger Jahren der feministischen Fotografie zugeschlagen (s. Camera
Austria 13/1983-84) eine vorschnelle Etikettierung, die trotz der
Berichtigung durch Maren Richter immer noch häufig zitiert wird.
Was dann aber eine differenzierte Aufarbeitung des Pongraczschen
uvres erschwerte, war vermutlich, dass sich die zentralen Bereiche
ihrer Fotoarbeit, die sich in den konkreten Arbeitsverfahren wohl gegenseitig
befruchteten, für heutige Begriffe im künstlerischen Anspruch
widersprechen: Denn einerseits war sie bescheidene Porträtistin und
Dokumentarin der Aktionisten, der Wiener Gruppe und anderer Protagonisten
damaliger Avantgarde3; andererseits
und als solche von Weibel etwas gönnerhaft gelobt arbeitete
sie in konzeptuellen Serien an einer Hinterfragung der fotografischen
Personenrepräsentation. Diese Arbeiten erschienen zur Entstehungszeit
auch in einigen schmalen Katalogen.
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CORA PONGRACZ, aus »Porträts,
1970 - 1978« (S. 78). |
Eine bibliophile Kostbarkeit ist etwa ihre Fotogeschichte »Martha
Jungwirth Franz Ringel« (1972). Der Bindestrich gehört
hier nicht zum Titel, sondern trennt zwei selbständige Teile dieses
Heftes: es beginnt quasi zweimal, hat also zwei Covers (und keine Rückseite)
und besteht aus zwei gegengleich zusammengefügten, den jeweiligen
Protagonisten gewidmeten Abschnitten. Diese zeigen, abgesehen von knappen
Biografien und einem Gedicht, ausschließlich SW-Fotografien in verschiedenen
Formaten, die mindestens auf einer Seite randabfallend publiziert sind.
In narrativ subtilen Sequenzen werden so Geschichten um zwei Personen entwickelt;
ohne in Geschwätzigkeit abzugleiten, wird deren soziales und privates
Umfeld vorgeführt (dem Cora Pongracz zum Teil angehörte), aber
auch Wiener Stadtlandschaften, Hausflure und Weinberge. Der Martha Jungwirth
gewidmete Teil ist der konzeptuell spannendere, in ihm gibt es symbolisch
aufgeladene Bild-Konstellationen, etwa eine stark beschnittene, fast abstrakte
Aufnahme eines Frauentorso im Schnürkorsett, der ein sachliches Foto
eines Bidets gegenübersteht; weiters eine Sequenz zu hochhakig beschuhten
Frauenbeinen offenbar auch ein Thema von Jungwirth als Künstlerin
das in eine fantastische Serie zu Verkleidung und Posing vor der
Kamera überleitet.
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CORA PONGRACZ, aus »Martha Jungwirth
- Franz Ringel. Photographiert von Cora Pongracz«, 1972 (S.
9 - Zusammenstellung nicht wie in der Erstpublikation). |
Aus derartigen Erweiterungen des klassischen Porträtbegriffs entwickelte
Pongracz ihre vielleicht bekannteste Arbeit »8 erweiterte portraits
Frauen in Wien« (1974): die fotografierten Frauen nannten Sujets
(merkwürdig häufig waren es Kirchen oder Friedhöfe), die
Pongracz aufnahm und in strenger Abfolge mit jeweils zwei Porträts
der Frauen kombinierte; die assoziativen Erweiterungen entsprangen hier
also nicht den Ideen der Künstlerin, sondern den Modellen selbst.
In den »verwechslungen« (1978) befasste sich Pongracz dezidiert
mit ironischer Selbstdarstellung und schuf »bilder, die jedwede bezugnahme
zu ihnen selbst wie zum photographierten objekt strapazieren« (Priessnitz).
Die Bandbreite im ironischen Impetus bzw. Vermögen der Porträtierten
entfaltet eine Fülle von Nuancen der komplexen Angelegenheit »Selbstdarstellung«:
von offenkundigem Outrieren oder Grimassenschneiden, über schelmisch
gebrochenem Ernst notfalls durch das Schließen der Augen
zur professionellen Eitelkeit eines Schauspielers und zum bewundernswerten
Ernst von Kindern im Spiel.
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CORA PONGRACZ, aus: »verwechslungen«.
einzelphotos und serien, Kat. Galerie nächst St. Stephan, Wien
1978 (S. 83). |
Mitunter wird »das Selbst« auch mit Hilfe von Objekten oder
Fetischen ins Bild gesetzt. Dazu wählte Pongracz Modelle aus ihrer
privaten Umgebung ebenso wie kameragewöhnte Prominente und zeigte alle
gleichermaßen ohne Angabe des Namens. Zählt man nach, fällt
die ausgewogene Streuung zwischen Männern, Frauen, Senioren und Kindern
auf (überhaupt scheint es die Selbstverständlichkeit im Einbezug
von und im Interesse an Frauen zu sein, die dazu verleiten kann, Pongracz
als Feministin zu bezeichnen). Da Formate, Layout und Umfang der Serien
stark variieren, wird der Eindruck einer soziologischen Studie verhindert,
gegen den sich Pongracz bzw. Priessnitz über Pongracz auch ausdrücklich
aussprach(en). Übrigens gibt es auch eine fotografische Selbstdarstellung
der Fotografin (1975), die eine Reihe von offenen Küchen- und Kleiderschränken
zeigt und in Manier der Konzeptkunst mit einem Text kombiniert ist.
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CORA PONGRACZ: FOTOGRAFIE. Hrsgg. von
Silvia Eiblmayr, Rainer Iglar, Michael Mauracher. Mit Texten von Ferdinand
Schmatz, Reinhard Priessnitz und Maren Richter. Galerie im Taxispalais
Innsbruck / Edition Fotohof Salzburg Bd. 20, 2001. |
Nun muss nun eingeräumt werden, dass der vorliegende Band zwar Beispiele
aus all diesen Serien (und auch aus anderen, die zu besprechen hier der
Platz fehlt) abbildet, aber in einer Weise, die viele der gemachten Beobachtungen
nicht erlaubt. Denn man hatte offenbar die Wahl, ein Buch auch über
Bücher zusammenzustellen und damit die originalen Layouts
und sorgfältig konzipierten Zusammenstellungen der Serien adäquat
zu dokumentieren oder aber einfach Material zu versammeln, das
das Gesamtwerk wenigstens halbwegs umfassend darstellt. Da man sich für
letzteres entschied und damit dem konzeptuellen Charakter mancher Arbeiten
nicht gerecht werden konnte, bleibt zu hoffen, dass der ansonsten durchaus
verdienstvolle Band zu weiterer (Nach-)Forschung anregt.
© Marie
Röbl, 2002 / www.textezurfotografie.net
Anmerkungen:
1 1996
im Salzburger Fotohof und 2000 in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais;
erwähnt sei außerdem die Ausstellung anlässlich der Verleihung
des österreichischen Würdigungspreises für künstlerische
Fotografie 2001 in der Galerie H.S. Steinek.
2 Stellvertretend für viele FotografInnen
seien hier Wolfgang Tillmans, Thomas Struth und Rineke Dijkstra genannt;
im Kontext von Gruppenausstellungen verweise ich nur auf zwei naheliegende
Beispiele, die die anhaltende Aktualität dieser Thematik belegen:
»double life. Identität und Transformation in der zeitgenössischen
Kunst« im Sommer 2001 in der Wiener Generali Foundation sowie »Abbild.
recent portraiture and depiction« im steirischen herbst 2001.
3 Erst unlängst gelangten wieder
zwei Pongracz-Fotos zur Versteigerung, die nun wahrscheinlich eine Rainer-Sammlung
ergänzen werden; Pongracz selbst verstand ihre »Star«-Porträts
aber wohl nie als solche in diesem Sinne veröffentlichte sie
ihre Fotos von Adorno, Artmann, Jandl und Konsorten, wenn sie Einfluss
darauf hatte, immer ohne Benennung der Dargestellten im Kontext »anonymer«
Porträts.
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