Während die Kunsthalle
Wien mittlerweile mit Pomp und Party im neuen Haus einquartiert ist,
agiert ihre »kleine, flexible und dynamische Eingreiftruppe«,
wie Lucas Gehrmann seine Programmschiene project space beschreibt,
nach wie vor fliegend - jedenfalls bis Anfang nächsten Jahres eine
dauerhafte Heimstätte am Karlsplatz bezogen werden kann. Für
die Präsentation von Günther
Selichars »Screens, cold« wurde das schlichte Kupferstichkabinett
im Akademiehof ausgewählt - ein idealer Ort, um einige Arbeiten dieser
international beachteten Werkserie sowie eine Videoinstallation nun erstmals
hierzulande zu sehen.
Das Video
»GT Granturismo« von Günther und Loredana Selichar,
die mit dieser Arbeit übrigens zur Biennale nach Venedig eingeladen
wurden, führt in die Thematik der Fotoarbeiten ein, indem es gewissermaßen
ihren Konterpart bildet. Es simuliert eine Autofahrt auf kurviger Landstraße
und setzt dabei Windschutzscheibe und Bildschirm in eins; Insekten klatschen
darauf, sozusagen mitten ins Interface und verwandeln es sukzessive in
eine Art drip painting.
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GÜNTHER & LOREDANA SELICHAR,
GT Granturismo, 2001. Standbild aus dem Digitalvideo, 5'. |
Selichars großformatige Fotografien zeigen dagegen verschiedene Monitore und
Displays in ausgeschaltetem Zustand, also kalt. McLuhan hatte jenes Medium als
»kalt« bezeichnet, das man gemeinhin am eingeschalteten Bildschirm konsumiert
- ihm galt das Fernsehen als ein detailarmes Medium, das eine hohe Partizipation
verlangt, während er die Fotografie zu den »heissen« Medien zählte. Selichars
ironische Bezugnahme auf McLuhan ist allerdings nur ein erster Hinweis auf die
vielfältigen medien- und wahrnehmungskulturellen Ebenen, die sich anhand seiner
»Screens« verweben.
Verschiedene Parameter, Mythen und Dispositive, die sich teilweise bereits am
Tafelbild herausbildeten, haften am Bildschirm, entwickelten dort ihre spezifische
Ausprägung und konditionieren die Wahrnehmung der transportierten Daten. Neben
den elementaren Bedingungen der Rechteckigkeit sowie einem bestimmten Kanon
an Proportionen, ist dies etwa die Rahmung. Die für Monitorgehäuse aus statischen
Gründen üblich gewordenen runden Ecken korrelieren mit der elektronischen Bildlichkeit;
sie verstärken den Eindruck eines geschlossenen Schreins, in dem die flüchtigen
Bilder an einem Fenster vorbei fließen (und nicht in der statischen Tektonik
eines scharfkantigen Tafelbildes verharren). Die symbolischen Implikationen
der Schnittstelle in eine andere Welt, Spiegel-, Fenster- und Projektionsmetaphern,
verbinden sich mit den politischen Dimensionen allgegenwärtiger Massenmedien
unserer Kontroll- und Konsumgesellschaft. Verschwinden aber die Bilder, erlischt
die Fiktion oder endet der Informationsfluss, so bleibt eine leere und aufgeladene
Fläche zurück.
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| GÜNTHER SELICHAR, Screen, cold
# 9, 1997/2001. Ilfochrome/Alucobond, 125 x 458 cm. |
Diese zu zeigen, eignet sich die Fotografie durch ihre Indexikalität, ihre
Detailtreue und ihre Möglichkeiten zur Veränderung des Abbildungsmaßstabes.
Die »Screens, cold« wurden allesamt mit einem nur schmal angeschnittenen Gehäuserand
aufgenommen (sozusagen aus dem objekthaften Gerätekontext geschnitten) und in
den Abzügen auf eine einheitliche Seitenhöhe von 125 cm skaliert. In der Gesamtschau
ergeben sie damit praktisch einen Fries aus vergleichbaren Individualitäten:
die jeweilige Proportion, Farbigkeit und Feinstruktur wird deutlich. Letztere
zeigt sich vor allem aufgrund der immensen Schärfe der Aufnahmen, die trotz
enormer Vergrößerung der teilweise zentimeterkleinen Gerätedisplays dichte,
hochaufgelöste Bilder zulässt. In den spiegelnden Highgloss-laminierten Alucobonds
zeigen sich (nebst etwaigen Spiegelungen der BetrachterInnen!) emailartige,
tiefe Opazität oder eine Grobkörnigkeit, deren Punktstruktur nicht das fotografische
Korn offenlegt, sondern den Feinaufbau des Bildschirmes abbildet. Wenn sich
allerdings (in »Screen, cold« #1) innerhalb der punktierten Matrix eine feine
Gitterstruktur durchgehend über Bildschirm und Gehäuserahmen zieht, dann offenbart
sich hier auch die Mikrostruktur der Fotoproduktion. Auf diese Weise führt ein
auf die (technische) Spitze getriebener »Dokumentarismus« in einen spannenden
Schwellenbereich zwischen Abbild, Konstruktion und Dekonstruktion, also mitten
in die Diskussion um den Status des Bildes im Zeitalter elektronischer Medien.
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GÜNTHER SELICHAR,
Screen, cold # 1, 1997/1998. Ilfochrome/Alucobond, 125 x 190 cm. |
In der analytisch-seriellen Herangehensweise sowie in der »einnehmenden«
Ästhetik der Serie erinnert Selichar an modernistische, monochrome
Malerei à la Rothko oder Newman - ein Bezug, der auch in früheren
medienkritischen Arbeiten bewusst angelegt war (etwa in »Who
is Afraid of Blue, Red and Green?«). Bedenkt man den historischen
Hintergrund, auf den hier angespielt wird, so landet man in einer Kollision
von Medienbegriffen. Denn schließlich verstand man in den fünfziger
und sechziger Jahren unter »Medienreflexivität« v. a.
die Hinterfragung der physischen Eigenschaften medialer Träger -
namentlich des Tafelbildes - um die Essenz eines Mediums zu fassen. Doch
heutzutage ist das Medium (hier: die Fotografie) raffinierter und schillernder
als zu Antonionis Zeiten und tritt mit Vorliebe im hybriden Plural auf.
Selichars »Blow
ups« enthüllen also weder eine ehemals verborgene, nun
offensichtliche Realität noch verweisen sie eindeutig auf das Darstellungsmedium
(während sich im gleichnamigen Film das corpus delicti nur gleichzeitig
mit dem Korn enthüllte), sondern eben vorrangig auf das dargestellte
Medium.
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GÜNTHER SELICHAR, Screen, cold
# 22, 1997/2001.
Ilfochrome/Alucobond, 125 x 200 cm.
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Zu den »Screens, cold« erschien kürzlich eine Publikation bei Triton,
die diese Serie in den Zusammenhang von Selichars jahrelanger, konsequenter
Auseinandersetzung mit Medien stellt. Dass es sich dabei um mehr als eindimensionale
»Reflexivität« im oben angesprochenen Sinne handelt, demonstriert humorvoll
das Cover. Es zeigt eine Ansicht von Brooklyn/New York, wahrscheinlich von einer
hochgeführten S-Bahnstation aufgenommen. Auf einer der Reklametafeln entlang
der Strecke ist über einem Geländewagen zu lesen: »Gets you to places where
billboards don't exist«. Das verführerische (natürlich uneinlösbare) Versprechen
bemüht den romantischen Mythos von unberührter - in diesem Falle: werbe- bzw.
bildfreier - Natur, die mit dem beworbenen Auto erreichbar wäre.
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GÜNTHER SELICHAR, Screens, cold.
Mit Texten von Hubertus von Amelunxen, Robert C. Morgan
und Urs Stahel. Triton Verlag, Wien 2001. |
Das rhetorische Vehikel, das diese Botschaft transportiert, ist ein Witz, beruhend
auf dem Perspektivwechsel zwischen (fiktionalem bzw. imaginärem) Botschaftsinhalt
und (materiellem) Botschaftsmedium. Dabei ist die reziproke Reflexivität dieses
Werbetextes so wirksam wie abgestanden: Aufmerksamkeit für das Objekt (der Reklametafel
im urbanen Kontext) wird für eine Werbeaussage nutzbar gemacht, so wie umgekehrt
der Slogan auf seinen materiellen Träger verweist. Wenn also die Massenmedien
selbst ihre medialen Bedingungen kommerziell nutzen, bedarf es anderer Strategien,
um zu differenzierteren Ergebnissen zu kommen. Die Aufsätze und der Abbildungsteil
des Buches belegen einmal mehr, dass Selichars künstlerische Interventionen
jedenfalls als solche gelten dürfen.
© Marie
Röbl, 2001 / www.textezurfotografie.net
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