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Doris Krügers interaktive, multimediale Rauminstallation »under
construction 01« setzt sich mit der Mediatisierung von Räumen,
ihrer Wahrnehmung, Konstruktion und Repräsentation auseinander. Ein
abgedunkelter Raum verjüngt sich bühnenartig; die so verkleinerte
Rückwand bildet die Projektionsfläche für eine digitale
Bildanimation mit elektronischer Musik. In der Projektion erscheint eine
weiße Rasterzeichnung auf schwarzer Grundfläche; sie markiert
die Eckkanten eines einfachen Raumes in perspektivischer Darstellung und
beschreibt so Boden, Rückwand, Decke und zwei Seitenwände.
Diese fünf Positionen im Raumraster werden nun jeweils unabhängig
voneinander gefüllt, indem sich entsprechende Architektur(bild)teile
vom Rand her an die vorgesehene Stelle schieben; die Rückwand, die
einzige geschlossene Form, wächst aus dem Fluchtpunkt heraus. Diese
Konstruktionsprozesse, die jeweils mit Sound gekoppelt sind, werden durch
die Besucherbewegung mittels Sensoren ausgelöst; eine an die Sensoren
geschlossene Real-Time-Software steuert die Bild- und Tonabläufe
sowie die Auswahl der jeweils eingefügten Elemente mittels Zufallsgenerator.
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2000/2001. Installationsansicht im Karajan Centrum, Wien. |
Die einzelnen Bildfragmente, aus denen sich sukzessive verschiedene Raum-Zusammensetzungen
aufbauen, entstammen einem komplexen Transformationsprozess: Die Künstlerin
fand im Internet zahlreiche öffentliche Innenräume mit unterschiedlichen
Funktionen, etwa Turnsäle, Schulungsräume oder Ausstellungshallen,
die alle auf ähnliche, frontalperspektivische Weise fotografiert
worden waren. Diese Raumbilder dienen der identifikatorischen Verortung
einer Institution oder der Präsentation eines neuen Gebäudes
auf der Homepage eines Architekturbüros. Der dokumentarische Charakter,
den diese Zusammenhänge offenbar erfordern, schlägt sich in
formal strengen, meist weitwinkeligen Aufnahmen nieder. Deren »Guckkasten«-Struktur
suggeriert Totalität, sowohl Vollständigkeit der Räumlichkeiten
als auch vollständige Überblickbarkeit, und kann somit als ein
Emblem für die Zentralperspektive gelten: Die Konstruktion einer
kohärenten, homogenen Raumillusion, die auf einen imaginären
körperlosen Betrachter hin organisiert ist. Auch die fotografische
Projektion folgt (physikalisch gesehen) zentralperspektivischen Gesetzen.
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2000/2001. Installationsansicht im Karajan Centrum, Wien (Animationsstill). |
Mit der Veröffentlichung im Internet wurde die fotografische Analogaufzeichung
der Räume allerdings der Digitalisierung unterzogen. Dies ermöglichte
eine Weiterbearbeitung der Fotografien im »digital darkroom«.
Hier nun wurden die Bilder der jeweiligen Räume auf ein »Mittelmaß«
hin verzerrt; alle Räume wurden gleich hoch, gleich breit und gleich
tief gemacht, wofür im Bildbearbeitungsprogramm die fünf Elementarflächen
eines jeweiligen Raumes extra zu bearbeiten waren. Die Eingriffe der Künstlerin
in die perspektivischen Raumbilder begannen also mit einer Zerlegung,
wobei die Raumkanten, an denen sich die Fluchtlinien der Perspektivkonstruktion
manifestieren, die Schnittlinien abgaben. Die Einzelteile können
nun als geometrisch zweidimensionale Figuren in das ausgemittelte Raster
eingepasst werden. Die bearbeiteten Raumbilder weisen zwar noch alle »Symptome«
der ursprünglichen Fotos auf, sind aber in ihrem räumlichen
Zusammenhang »gestört« wie in einem Phantombild,
in das zwar alle Individual-Merkmale eingetragen wurden und das dennoch
disparat wirkt. Den Mangel an Homogenität glich die Künstlerin
durch eine Re-Individualisierung aus, indem sie jedem Raum eine eigene
Farbtönung zuordnete.
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2000/2001. Installationsansicht im Karajan Centrum, Wien (Animationsstill). |
An dieser Stelle setzte die Arbeit der beiden Musiker ein, die für
jeden Raum ein spezifisches »Klangbild« komponierten. Ansatzpunkt
ihrer akustischen Raum-Gestaltung war keine »unmittelbare«
Erfahrung der übrigens weltweit verstreuten Architektur,
sondern ausschließlich vermittelte Information: Neben der Funktion
der Räume waren dies vor allem die bildlich-visuell manifeste Raumwirkung
und die für akustische Raumqualitäten so wichtige materielle
Stofflichkeit der Oberflächen; nicht zuletzt spielte die von der
Künstlerin vorgegebene Farbigkeit jedes Raumbildes eine Rolle. Entscheidend
blieb auch dabei die Aufspaltung der einzelnen Raum-Klang-Bilder in jeweils
fünf, den Raumbild-Elementarflächen entsprechende, Einheiten
in diesem Falle unabhängige Sounds, die in fünf jeweils
unterscheidbaren Frequenzbereichen liegen (Bässe entsprechen beispielsweise
den Boden-Elementen, Höhen den Decken-Elementen). Diese Struktur
ermöglicht schließlich auch die Re-Kombinierbarkeit der Sounds
als Musik für fünf Lautsprecher.
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2000/2001.
Installationsansicht im Karajan Centrum, Wien. |
Die stringente Koppelung von visueller und akustischer Raum-Repräsentation
erweist sich unter den Bedingungen der faktischen Aufführung als
kreativer Spielraum mit unzähligen Möglichkeiten: Bei jeder
Plazierung eines neuen Elementes loopt nach einem kurzen Intro der dazugehörige
Sound fortlaufend (bis zu seiner Überdeckung bzw. Ablösung durch
ein neues Element). Da die einzelnen Sounds unterschiedlich lange dauern,
ergeben sich stets neue Zusammenklänge, selbst wenn ein und dieselbe
Raumbild-Konstellation längere Zeit stehen bleibt. Die Musik ist
also mehr als eine blosse Indikation oder »Untermalung« jener
durch die Besucherfluktuation ausgelösten Bildbewegung und
auch mehr als eine assoziative Illustration der Räume, die damit
entstehen; denn der musikalische Rhythmus sowie der Nachhall von Tonsignalen
erzeugt einen fiktionalen Klangraum. Dieser Raum ist allerdings im Unterschied
zum Ausgangspunkt der zentralperspektivischen Sehpyramide als Bildraum
ein dezentrierter, der zudem ganz entscheidend unmittelbar somatisch
empfindbar ist. Die körperliche Präsenz bzw. Bewegung der BesucherInnen
ist gleichwohl die Voraussetzung für die In-Gang-Setzung der konstruktiven
Abläufe. Eine rein kontemplative Betrachtung wird darüberhinaus
durch spezifische Momente gestört: Nach einer bestimmten Anzahl von
Sensorenreaktionen setzt der Sound aus und eine Planzeichnung sowie die
unbearbeitete Fotografie eines Raumes werden eingeblendet.
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DORIS KRÜGER, under construction 01, 2000/2001.
Installationsansicht im Karajan Centrum, Wien (Animationsstill). |
So führt »under construction 01« in einem ambivalenten
Verhältnis von dekonstruktiven (analytischen) und konstruktiven (synästhetischen)
Prozessen Projektionen im mehrfachen Sinn des Wortes vor: Neben perspektivischer
Raumabbildung auch imaginäre Prozesse metaphorischer Übertragung,
Verschmelzung und Verschiebung, wie sie in Begriffen wie Bildraum und
Klangfarbe anklingen, oder wie sie räumlichen Vorstellungen von Handlungsfeldern,
wie dem Graphic User Interface am Computer, zugrundeliegen. Schließlich
wird mit der Verschränkung von digital bearbeitetem Foto-Bildraum
und physisch erlebbarem Aktionsraum auf eine Diskussion im Spannungsfeld
illusionärer und virtueller Räumlichkeit verwiesen also
den Wechsel vom externen, körperlosen zum involvierten Betrachter
elektronischer Interaktivität. Dass hier digitale Raumkonstruktion
nachstellbar wird, die auf entstellte Raumprojektionen zurückgeht,
ist wohl als eine ironische Brechung von Modellen räumlicher Simulation
zu lesen, die allzu optimistische Utopien von neuen Handlungsräumen
in virtueller Räumlichkeit kritisch unterläuft. © Marie
Röbl, 2001 / www.textezurfotografie.net
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