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Der als Diplomarbeit vorliegende Text beschäftigt sich mit einer
Gruppe von rund 130 Fotografien, die Raoul Hausmann in den Sommermonaten
1931 und 1932 an der Ostseeküste in Pommern (heute Polen) aufnahm.
Gemessen an der Vielfältigkeit sowie am Umfang des Gesamtoeuvres
- Hausmann arbeitete im Laufe seiner Schaffenszeit als Maler, Typograf,
dadaistischer Aktionist, Fotomonteur, Modeschöpfer, Erfinder, Literat,
Tänzer und schrieb eine Reihe von kulturphilosophischen Essays -
ist dies eine relativ kleine Werkgruppe. Innerhalb der fotografischen
Arbeiten Hausmanns kommt diesen Aufnahmen allerdings ein besonderer Stellenwert
zu: Sie entstanden im Zentrum jener wenigen Jahre, in denen Hausmann sich
selbst explizit als Fotograf sah, sich auch theoretisch mit Fotografie
beschäftigte und nachdrücklich um die Veröffentlichung
dieser Arbeiten bemüht war. Dies änderte sich 1933 mit Hausmanns
Emigration nach Ibiza - wo er weiterhin fotografierte - insofern, als
sich sein Interesse auf die Lebens- und Bauweise der Katalanen richtete,
womit der Fotografie eine stärker dokumentarische Rolle zukam als
in der Zeit davor in Berlin bzw. Ostpommern.
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RAOUL HAUSMANN, Kurven, 1931/32. SW-Fotografie,
11,2 x 16,2 cm. |
Innerhalb der fokussierten Werkphase konzentriert sich diese Arbeit auf
das Genre der Landschaft, das neben dem Porträt Hausmanns wichtigstes
fotografisches Motiv zu dieser Zeit darstellte. Besonders anhand der Naturfotografien
- obwohl Hausmann selbst von Landschaftsfotografie spricht, scheint mir
dieser Terminus wesentlich treffender - erarbeitet Hausmann in Theorie
und Praxis spezifische Probleme seiner Fotoästhetik, in der Fotografie
»vor allem als das technische Problem der Inszenierung unserer optischen
Antriebe«1 verstanden wird. Sein
zentrales Thema ist nicht das Foto als gestaltetes Abbild, sondern das
»Fotografische Sehen« - die Relaisstelle zwischen Natur-Wahrnehmung
und fotografischer Naturaufzeichnung.
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RAOUL HAUSMANN, Nordsee (Sylt), 1931/32.
SW-Fotografie, 11,1 x 16 cm. |
Die hier bearbeiteten Fotos wurden das erste Mal in größerer
Gruppe ausgestellt, als sie im Zuge der Aufarbeitung des Hausmann-Nachlasses
unter dem 1933 in Berlin zurückgelassenen Material als ein Konvolut
von Original-Abzügen (Vintage Prints) auftauchten2.
Im Katalog dieser Ausstellung 1986 im Wiener Museum für Moderne Kunst
wurden viele dieser Fotografien erstmals veröffentlicht sowie in
den Aufsätzen von Monika Faber und Andreas Haus erstmals fotohistorisch
bearbeitet3. Zu diesen Fotografien
sowie im besonderen zu den Naturfotografien wurde seither (bis zum Abschluss
meiner Recherchen im Sommer 1997) nur mehr ein Aufsatz publiziert4.
Schon aus diesem Grund schien es mir notwendig, die Fragestellungen zu
diesen Fotografien relativ breit anzulegen.
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RAOUL HAUSMANN, Juli 1931. SW-Fotografie,
16 x 23,8 cm. |
Im ersten Kapitel der Arbeit wird zunächst die Kameraausrüstung
Hausmanns vorgestellt, um die technischen Aspekte seiner Praxis als Fotograf
zu erläutern. Eine Darstellung des fototechnischen Entwicklungsstandes
sowie des Marktangebotes in der Weimarer Republik erlaubt erstmals eine
fundierte Einschätzung der pragmatischen Entstehungsbedingungen seiner
frühen Fotografien. Weiters folgt eine Dokumentation der Aktivitäten
Hausmanns, seine Fotos zu »vermarkten« und zwar ebenfalls
vor dem Hintergrund des entsprechenden Kontextes Anfang der dreissiger
Jahre (Foto-Kunstmarkt, Publikations- und Ausstellungswesen). Abgesehen
von einer etwaigen Ergänzung bzw. Korrektur der Forschungsliteratur,
verdeutlichen jene Aspekte fotografischer Praxis den spezifischen Status
Hausmanns als »Fotograf jenseits von institutioneller Absicherung«.
Da Hausmann in der kurzen Zeit vom Ende der 20er Jahre bis 1933 kein allzu
großer Erfolg als Fotograf beschieden war, stützen sich meine
Aussagen nicht nur auf publiziertes Material, sondern auch auf zahlreiche
Briefe, die ich im Raoul-Hausmann-Archiv der Berlinischen Galerie einsehen
konnte und die zeigen, welche Vorhaben Hausmann in dieser Hinsicht nicht
realisieren konnte.
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RAOUL HAUSMANN, Vordüne bei Saleske,
Juni 1932. SW-Fotografie, 12,5 x 17,3 cm. |
Die Kooperationsbereitsschaft des Berliner Hausmann-Archivs ermöglichte
mir auch eine eingehende Beschäftigung mit den Vintage Prints, ohne
die diese Arbeit kaum hätte entstehen können. So war die Sichtung
des Gesamtkonvolutes der Abzüge, einschließlich der unpublizierten
Fassungen sowie der verschiedenen Beschnitte einer jeweiligen Aufnahme
im Positivprint, überaus förderlich. Hilfreich war in dieser
Hinsicht auch die ausdauernde Bereitschaft des Archivars der Hausmann-Negative
aus dem französischen Nachlass, Roger Vulliez, mit mir Kopien von
Abzügen und Negativen auf dem Postweg zu tauschen - so konnte ich
in einigen Fällen die Negative zu den Berliner Abzügen finden
und daraus ersehen, welchen Ausschnitt Hausmann für den Abzug wählte.
Die Ergebisse dieser Recherchen werden in einem detaillierten Beschreibungskatalog
vorgestellt, der etwa ein Drittel des Gesamtkonvolutes der Berliner Vintage
Prints umfasst; sie werden unter den Kategorien »Meeresstrand/Wellen«,
»Feld/Acker«, »Dünen/Sand«, »Torf/Sumpf«
und »Dickicht/Pflanzen« in aufnahmetechnischer sowie formalästhetischer
Hinsicht analysiert (Ausschnitt, Kamerawinkel, Tiefenschärfe, geometrische
Bildstruktur, Hell-Dunkel-Verteilung). Eine Erläuterung der Forschungslage
zur Fotografie Hausmanns ist diesem »phänomenologischen«
Teil angeschlossen.
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RAOUL HAUSMANN, Salesker Düne,
Juni 1932. SW-Fotografie, 16,2 x 23,5 cm. |
Das dritte und umfangreichste Kapitel erarbeitet anhand einer kritischen
Auseinandersetzung mit der entsprechenden Fachliteratur (etwa von Roland
Barthes, Bernd Busch, Gert Mattenklott, Wolfgang Kemp, Rosalind Krauss,
u.v.a.) einen theoretischen Bezugsrahmen, um die fotografische Position
Hausmanns kunsthistorisch einzuordnen. Es folgt eine detaillierte Analyse
der Fototheorie Raoul Hausmanns anhand des Artikels »Wie sieht der
Fotograf?«, den er 1932 verfasste und in verschiedenen Fassungen
publizierte. Die beiden Bezugsfelder des »Fotografischen Sehens«,
die Naturaufzeichnung und die Wahrnehmung in der Natur werden zunächst
in zwei Exkursen getrennt behandelt: Dabei kommen im ersten Exkurs auch
eine Reihe von wahrnehmungstheoretischen und medien- bzw. bildtheoretischen
Problemen zur Sprache, die sich aus der Lektüre von »Wie sieht
der Fotograf?« ergeben. Im zweiten Exkurs wird die von Hausmann
in Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Theoremen des »Allgemeinen
Sehvorganges« entwickelte Fotoästhetik herausgearbeitet.
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RAOUL HAUSMANN, Torfabstich, Juli 1931.
SW-Fotografie, 12,3 x 17,6 cm. |
Schließlich werden jene ästhetischen Merkmale seiner Fotografien,
die im Beschreibungskatalog festgehalten wurden, mit den Lehrsätzen
seiner (foto)ästhetischen Schriften konfrontiert. Dabei wird gezeigt,
wie Hausmann im Medium der Naturfotografie seine Vorstellungen von Wahrnehmung
und Gestaltung fruchtbar zusammenführt. Zentral sind hier Bestimmungen
wie »primärer Blickpunkt«, »Blickführung«,
»Formdialektik« und »transitorische Blickwanderung«,
durch deren Beachtung eine Fotografie ihren Betrachter zu einem dem Sehvorgang
im Naturraum analogen Prozess anregt, zu einem »lebendigen Sehen«,
das sich »in fortwährendem Hin- und Hergleiten, Herausschälen
oder Unterdrücken von Massen, Richtungen, Hell und Dunkel«
konstituiert.
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RAOUL HAUSMANN, O.T., 1931. SW-Fotografie,
17,6 x 23,7 cm. |
Zum Abschluss wird Hausmanns fotografische Position vergleichbaren Fotoarbeiten
im Spannungsfeld von »Neuer Sachlichkeit« und »Neuem
Sehen« gegenübergestellt. Besonderes Augenmerk wird hier natürlich
auf den Anspruch auf »Sinnesschulung« gelegt, der auch von
zeitgleichen Kunst- bzw. Künstlertheorien häufig gefordert wurde.
Vor diesem Hintergrund - der Betonung abstrakter Strukturen oder stofflicher
bzw. optischer Oberflächenqualitäten (Neue Sachlichkeit) sowie
bizarren Perspektiven, Ausschnitten und Momentaufnahmen (Neues Sehen)
- wird deutlich, wie singulär sich Hausmanns fotoästhetische
Position in ihrer Zeit ausnimmt, die vergleichsweise erfolglos und vielleicht
in letzter Konsequenz sogar unrealisierbar bleiben musste. Er misstraute
der erzieherischen Wirkung von ungewöhnlichen Seh-Erlebnissen genauso
wie dem umfassenden Erkenntnisgewinn von »Strukturensehen«;
anstatt an der Utopie eines »Neuen Sehens« arbeitete er an
der Bewusstmachung des »alten« Sehens - ein freilich weitaus
unspektakuläreres Projekt, dessen Grenzen ebendort angesiedelt sind,
worauf es zielt: auf die im menschlichen Bewusstsein angelegte Differenz
zwischen sinnlicher Wahrnehmung und der Reflexion ihrer Bedingungen -
ein »theoretischer« Konflikt, der die Gleichzeitigkeit von
Erleben und Wissen ebenso verhindert wie die universelle Souveränität
von Erfahrung.
© Marie
Röbl, 1997 / www.textezurfotografie.net
Anmerkungen:
1
Raoul Hausmann, »Die moderne Fotografie als geistiger Prozeß«
(o. J., aus dem Nachlaß in Limoges), in: »Raoul Hausmann.
Fotoarbeiten: Fotographien - Fotomontagen - Fotogramme - Fototexte«,
Kat. hrsgg. von Floris M. Neusüss, Goethe Institut, München
1993, S. 24.
2 »Gegen den kalten Blick der
Welt. Raoul Hausmann - Fotografien 1927-1933«, Kat. hrsgg. von Hildegund
Amanshauser und Monika Faber, Österreichisches Fotoarchiv im Museum
Moderner Kunst, Wien 1986.
3 Andreas Haus, »Das Umspültsein
des Menschen von Raum und Zeit. Raoul Hausmanns Fotografien von
1931/32«, in: Kat. Wien 1986, a. a. O., S. 7-17 sowie Monika Faber,
»Bewegtes Sehen, ruhiger Blick. Zu den Landschaftsaufnahmen Raoul
Hausmanns 1931/32«, in: Ebenda, S. 19-24.
4 Jean-Francois Chevrier, »Die
Beziehungen des Körpers«, in: »Der deutsche Spießer
ärgert sich. Raoul Hausmann 1886-1971«, Kat. Berlinische Galerie,
Museum für Moderne Kunst, Photographie und Architektur im Martin-Gropius-Bau,
Berlin (Stuttgart) 1994, S. 68-101.
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